Was wir meinen, wenn wir von Demokratie reden

Kommentar5. Dezember 2014, 17:26
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Den echten Demokraten erkennt man daran, dass ihm die Demokratie, für die Männer und Frauen gestorben sind, von Herzen wurscht ist. Eine Annäherung an einen schwierigen Begriff

Was hatten wir uns unter Demokratie vorgestellt - Ich weiß nicht, ob ich hinter diesen Satz ein Fragezeichen setzen soll oder ein Rufzeichen. Was ich mir heute darunter vorstelle, darüber bin ich mir nicht im Klaren. Ich empfinde Wut und Enttäuschung und Verachtung. Ich bin vielleicht ungerecht. Fällt mir zu diesem Wort denn gar nichts Positives ein? Doch, doch. Natürlich. Aber allem Positiven, das sich in mir in Worte gefasst hat, haftet der süßsaure Geruch des Pathos an. Inzwischen weiß ich das zuzugeben.

Für die Demokratie haben unsere besten Köpfe die besten Traktate verfasst, für die Demokratie ist gekämpft und gestorben und getötet worden. Sie hat etwas Blutheiliges - gehabt. Das ist vorbei. Gott sei Dank! Und hier stimmt der fromme Seufzer sogar, denn Blutheiligkeit stammt aus gott-aristokratischen Zeiten, und es ist ein Kuriosum, dass solche Munition einst auch die Demokratie angetrieben hat.

Demokratie aber ist mit Pathos nicht kompatibel. Zur Demokratie passt der Sonntagsanzug nicht - schon eher die Trainingshose und das über die Hose hängende, drei Nummern zu große T-Shirt. Das Outfit der Demokratie ist nicht elegant und schneidig, sondern geschmacklos und schnäppchenhaft billig. Heine beteuerte, er sei selbstverständlich Demokrat, aber es erfülle ihn mit Abscheu und Traurigkeit, wenn er sich vorstelle, dass eine Marktfrau aus seinem Buch der Lieder eine Seite reiße, um ihren Fisch einzuwickeln.

Die Demokratie ist gedacht und instand gesetzt worden von einer intellektuellen Elite, von der die wahren Demokraten keine Ahnung haben, nämlich eben jene Demokraten, die Demokraten sind, weil sie am Demos teilhaben, ohne an dessen Bändigung, dem Staat, mitwirken zu wollen. Wenn eine Ahnung in ihnen aufsteigt, dass Demokratie von einer intellektuellen Elite erfunden, installiert, gehätschelt und geschützt wird, greifen sie in die Tasten und murksen in schlechtem Deutsch ihre zynischen Postings zusammen, die von der Presse, in gehorsamem Nachahnungstrieb, aber immerhin treffend, "Shit-Storm" genannt werden.

Jawohl, den wahrhaft echten Demokraten erkennt man daran, dass ihm die Demokratie, für die jene Männer und Frauen geschrieben, getrommelt und gekämpft haben, für die sie gestorben sind, für die sie getötet haben, von Herzen wurscht ist.

Zur wahrhaft wahren Demokratie gehört, dass ihre Geschichte vergessen wird. Sie wird konsumiert wie Junkfood - man stopft es in sich hinein und fragt sich nicht, wer es hergestellt hat, wie und wo es hergestellt worden ist; es macht fett, das genügt, am Schluss hält man nur noch eine Serviette in der Hand, um sich mit ihr Mund und Hände, und wenn man sie in die Hosentasche stopft, später auch noch den Hintern abzuwischen.

Ein Merkmal von Kants Kategorischem Imperativ ist, dass er sich ausschließlich auf moralisches Handeln bezieht. Ästhetisches Handeln ist frei. Die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden - de gustibus non est disputandum.

Es gehört vielleicht nicht zu den bürgerlichen, wohl aber zu den plebejischen Freiheiten, einen verheerenden Geschmack haben zu dürfen, das heißt: übel zu riechen, schlecht gekleidet zu sein, nicht in ganzen Sätzen sprechen zu können, mit einem denkbar geringen Wortschatz möglichst laut möglichst viel zu reden und via Postings in Verbalfäkalien zu baden, schlicht blöd zu sein wie die Nacht dunkel und in Ausübung der Demokratenpflicht eine Partei zu wählen, die sich mit nichts anderem als mit Unfähigkeit und Korruptheit hervorgetan hat.

Sauf- und Fickmaschinen

Die sogenannte Weisheit des Volkes, von der frühe Demokraten schwärmten, gibt es nicht. Das Volk hat sich als banale Masse zu erkennen gegeben, von Anfang an. Viel ideologische Farbe war nötig, um den Banausen wie einen Apostel aussehen zu lassen. Die so akrobatische wie fatale Unterscheidung der Marxisten in "das Volk an sich" und "das Volk für sich", also in massenhaft auftretende Fress-, Sauf- und Fickmaschinen auf der einen Seite und dem klassenbewussten, folglich edlen Proletariat auf der anderen Seite, war ein Unsinn, der geradewegs zum stalinistischen Terror führte.

Die Masse ist nicht mit Attributen zu belegen, die ein Individuum charakterisieren können. Ein Mann kann weise ein, eine Frau kann weise sein, die Masse kann es nicht. Der Demokrat, das hat sich herausgestellt, ist nicht mehr Individuum; als Demokrat hat das Individuum aufgehört, Individuum zu sein. Es ist nun Teilnehmer - Teilnehmer an der Macht des Volkes, eben an der Demokratie. Und diese Teilnehmerschaft ist ein Suchtmittel, sie ist das Suchtmittel des Massenmenschen.

Poes Massenmensch

In der Geschichte "Der Massenmensch" - die man auch einen Essay nennen darf - erzählt uns Edgar Allen Poe einiges über die Demokratie und fast alles über den Demokraten.

Der Erzähler sitzt am Abend in einem Kaffeehaus in London und beobachtet die vor dem Fenster vorüberziehende Menge. Er sieht einen schon älteren Mann, und dessen Gesichtsausdruck entsetzt und fasziniert ihn gleichermaßen. In seinem Gesicht zeigt sich, wie Poe aufzählt: unendliche Geisteskraft, Vorsicht, Dürftigkeit, Geiz, Kälte, Bosheit, Blutdurst, Frohlocken, Heiterkeit, wildestes Entsetzen und tiefe, unendliche Verzweiflung. Das ist ein Gemisch, aus dem sich nur schwer ein individueller Charakter formen lässt.

Im weiteren Verlauf der Geschichte folgt der Erzähler diesem Mann, der anscheinend kein Ziel hat und dennoch voll Unruhe ist, ein Gehetzter, der in den Gassen und Straßen nach Menschen sucht, der in die Menge eintaucht, als könnten allein das gegenseitige Rempeln und der Lärm seinem Verlangen vorübergehende Befriedigung verschaffen.

Die ganze Nacht und den folgenden Tag geht der Erzähler hinter dem Mann her, bald bemüht er sich nicht mehr, sich vor ihm zu verbergen, er weiß, der Mann nimmt ihn nicht wahr, er nimmt den Menschen als einzelnen nicht wahr; er spürt sich selbst nur in der Menge. Er ist Masse. Alle seine Eigenschaften, die oben aufgezählt sind, kommen erst in der Menge zur Entfaltung, im unwiderstehlichen Sog der Masse, wenn Demos und Kratos sich vereinen, in der Macht des Volkes.

Poe schreibt: "Dieser alte Mann ist das Urbild und der Dämon des Triebes zum Verbrechen. Er kann nicht allein sein. Er ist der Mann in der Menge. Es wäre vergeblich, ihm zu folgen, denn ich werde weder ihn noch sein Tun tiefer durchschauen."

Elias Canetti arbeitete später heraus, dass die Charakteristika der Masse sich mit denen eines Individuums keinesfalls decken, dass sie auch keine additive Steigerung derselben darstellen, sondern etwas ganz anderes, etwas in unserer Zeit Neues, etwas, das jenseits der Psychologie liegt.

In der Demokratie ist immer auch der Pöbel enthalten - und der Mob. Der Faschismus und der Nationalsozialismus waren demokratische Bewegungen. Der Gedanke, nach uns gehe es anders weiter als bisher, ist ungemütlich und waghalsig zugleich. Wir haben unser Leben ja durchdacht; wir sind alt genug geworden, um uns genügend oft zu irren, so dass wir eine gewisse Vorstellung von dem haben, was richtig und falsch, was gut und böse, was gesellschaftlich zu wünschen und was politisch abzulehnen ist.

Selbstverständlich sind wir auch der Meinung, dass die Demokratie jene Form politischen Zusammenlebens ist, die als einzige Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit gewährleisten könnte. Zugleich stellen wir mit Befremden fest, dass einer der größten Denker der Menschheit, nämlich Aristoteles, in keiner seiner drei Schriften zur Ethik die Sklaven auch nur mit einem Wort erwähnt, er es also nicht für nötig hielt, sich Gedanken über die moralische Verfasstheit einer Gesellschaft zu machen, die auf der Verdinglichung von Menschen beruhte.

Um so mehr staunen wir, dass eben diese Gesellschaftsform sich selbst als Demokratie bezeichnete. Attika, das Mutterland der Demokratie, zählte in seiner Hochblüte, also zu Lebzeiten des Philosophen, etwa 250.000 bis 300.000 Einwohner, davon waren 100.000 Sklaven. Etwa 60.000 erwachsene Männer lebten hier, sie allein durften am politischen Leben teilhaben, Sklaven und Frauen waren davon ausgeschlossen. Eine übersichtliche Angelegenheit. Für eine solche Sozietät war die Demokratie geschaffen worden.

In der Europäischen Union leben mehr als 500 Millionen Bürger und Bürgerinnen, mehr als damals die ganze Welt beherbergte, und wir stellen mit Genugtuung fest, dass in der EU Demokratie herrscht. Im Gegensatz zum Willen Gottes ist die Demokratie etwas Dynamisches, ein Prozess, etwas Fehlbares, aber auch Korrigierbares. - Etwas allerdings, das nur so lange existiert, wie das Volk daran mitwirkt. Unserer Demokratie droht nur eine Gefahr: das Volk. Der gegenwärtige Befund: Ein großer Teil der Menschen ist entweder an der Demokratie nicht interessiert oder lehnt die Demokratie gar ab.

Nicht immer im Recht

Wenn wir ein so großes Gebilde wie die EU demokratisch gestalten wollen, das heißt, wenn wir eine Idee, die für die Bevölkerung einer Mittelstadt erfunden wurde, auf die politische Organisierung einer halben Milliarde Menschen übertragen wollen, dann müssen wir aufhören, das Volk als einen Idioten zu betrachten, der auf alle Fälle Recht hat, und sei es auch nur, weil er nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Vielleicht werden nachkommende Generationen das Volk, den Demos, so sehr ernst nehmen, dass sie vorschreiben, wie man sich qualifizieren muss, um dazugerechnet zu werden. Das klingt wieder nach Elite. Aber womöglich klingt es nur so, weil wir für Zukünftiges noch kein Vokabular haben und es deshalb bei Vergangenem ausborgen. (Michael Köhlmeier, DER STANDARD, 6.12.2014)

Michael Köhlmeier (65) ist Schriftsteller, er lebt in Hohenems und Wien. Der Text ist ein Auszug seiner Eröffnungsrede beim Mediengipfel in Lech 2014.

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