Sein und Zeit und niemals letzte Erklärungen

7. Dezember 2014, 17:30
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Für Philosophen war eine Erklärung der Zeit, derer man so schwer habhaft wurde, schon immer ein logisches Betätigungsfeld

Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich's, will ich's aber einem Fragenden erklären, weiß ich's nicht." Eines der berühmtesten Zitate von Augustinus deutet darauf hin, warum Zeit in der Philosophie eine so große Rolle spielt; warum sie geradezu prädestiniert dazu ist, dass man sich immer wieder Gedanken um sie macht. Man wird zu keiner finalen, alle Aspekte umfassenden Definition kommen, egal wie sehr man darum ringt. Der Begriff der Zeit entfaltet ethische, religiöse, politische, kulturelle Dimensionen, die in der Gegenwart nicht alle so große Konjunktur erleben wie naturwissenschaftliche Betrachtungsweisen.

Max Brinnich und Philipp Schaller vom Institut für Philosophie der Universität Wien haben sich um den Begriff der Zeit heute und quer durch die Philosophiegeschichte Gedanken gemacht. Die Zeit erscheine oft als Grenze, sagen sie. Sie trennt das Diesseits vom Jenseits, sie macht unser Handeln endlich und begrenzt die Möglichkeiten, was man überhaupt erkennen kann. Es sei bemerkenswert, dass unsere Sprache überhaupt erlaube zu fragen: "Was war vor der Zeit?" Mit den Begriffen der Zeit nach einer Nicht-Zeit zu fragen, ist sinnlos.

Augustinus, Philosoph und Kirchenlehrer der ausgehenden Antike, fand doch noch einen Weg, seine Zeitvorstellung zu erklären. Er fragte sich, warum wir überhaupt mit Zeit umgehen können, da die Zukunft noch nicht, die Vergangenheit nicht mehr existiert. Warum haben wir also überhaupt eine Ahnung von Zeiträumen? Er kam zum Schluss, dass es eine gegenwärtige Vergangenheit und eine gegenwärtige Zukunft im Bewusstsein geben müsse, so Schaller. "Vergangenheit und Zukunft sind im eigenen Geist. Er macht es möglich, sie zu vermessen, Zeiträume zu vergleichen."

Augustinus' Ansatz erwies sich bis ins 20. Jahrhundert als fruchtbar. Edmund Husserl überlegte, wie die Phänomene im Bewusstsein zeitlich Gestalt annehmen. Wenn man eine Melodie hört oder ein Buch liest - für Husserl sind das "Zeitobjekte" -, spielen Erinnerungs- und Erwartungsfunktionen eine Rolle. Man muss sich an den vergangenen Ton eines Liedes erinnern und den kommenden Ton in gewisser Weise erwarten, damit ein Bewusstsein für die Melodie entstehen kann.

Die Existenz und die Essenz

Heidegger, wie Husserl ein Phänomenologe, stellte den Tod - er nannte ihn "die äußerste Möglichkeit" - in den Mittelpunkt seiner Zeitbetrachtung. Das Leben vom Tod aus betrachtend, sah er eine jeweilige Sorge des Menschen um sich selbst im Vordergrund. Emanuel Levinas, von beiden Denkern beeinflusst, gab der Zeit hingegen eine ethisch-religiöse Bedeutung. Sie ziehe eine Grenze zwischen Diesseits und Jenseits. "Die Erfahrung des Menschen, die für ihn etwas absolut anderes als das eigene Selbst ist, weil sie die Freiheit des anderen Menschen mit einschließt, ließen ihn Tugenden wie Geduld, Hoffnung, Verantwortung hervorheben", so Brinnich.

Die Phänomenologie schuf einen großen Gegenentwurf zur langen Tradition der essenzialistischen Philosophen von Aristoteles bis Immanuel Kant, die nach dem Wesen der Dinge fragten. Die Frage nach dem Wesen der Zeit wurde von neuen abgelöst, so: Was bedeutet es für unser Leben, dass Zeit für uns selbstverständlich ist, wir aber nur begrenzte Zeit haben? Jean-Paul Sartre hätte gesagt, die Existenz geht der Essenz voraus, nicht umgekehrt.

Den antiken Philosophen Aristoteles führte die Schwierigkeit, das Wesen der Zeit dingfest zu machen, zum Ansatz, sie an die Wahrnehmung von Veränderung zu knüpfen. Für ihn war Zeit "das Gezählte an der Bewegung". Ob Zeit auch unabhängig von der Wahrnehmung möglich sei, lässt er offen. Kant, der als meistrezipierter Philosoph gilt, festigte seine Vorstellungen von Zeit unter dem Eindruck der Physik Isaac Newtons. Der britische Naturwissenschafter setzte Raum und Zeit absolut, machte sie zu leeren Gefäßen, zu Containern, die von den Dingen der Welt und unabhängig von der Betrachtung des Menschen gefüllt wurden. Sein Gegenspieler Gottfried Wilhelm Leibniz hob dagegen einen relativen Charakter von Zeit hervor - wofür er nach Albert Einsteins Relativitätstheorie zu neuem Ansehen kam.

Kant bezog eine Gegenposition zu Newton, erklären Brinnich und Schaller. Kant versuchte zu zeigen, dass Zeit und Raum nur die Art und Weise ist, wie wir erfahren. Es ist ein Begriff, der vor jeder Erfahrung anzusetzen ist, indem er bereits einfache Wahrnehmung betrifft. Etwas nicht zeitlich wahrzunehmen, ist unmöglich. Raum und Zeit bilden die Grenze dessen, was Menschen überhaupt erkennen können. Hegel wird der Vorstellung der Zeit später wieder Ethik und Zielgerichtetheit mitgeben.

Die Musik, die auf andere Weise in der Zeit ist, als etwa ein Bild, das man betrachtet, wurde im 19. Jahrhundert gerne als Sprache der Innerlichkeit, des Gemüts aufgefasst. Arthur Schopenhauer machte sie zur "Sprache des Willens". Die Abfolge von Glück und Melancholie wird weniger mit einer räumlichen, sehr wohl aber mit einer zeitlichen Vorstellung verbunden. Allerdings: Wenn wir uns von Zeit eine Vorstellung machen, wird oft auf räumliche Metaphern zurückgegriffen: ein Zeitstrahl, oder die Partitur, die das Nacheinander der Noten verzeichnet. Schaller: "Die Zeit borgt sich den Raum gerne aus."

Vor 300 Jahren regte Newtons Physik die Philosophie zu neuen, großen Ansätzen an. Aktuelle naturwissenschaftliche Erkenntnisse - etwa in der Quantenphysik, die durchaus verwirrende Zeit- Effekte zu bieten hätte - werden selten von der Philosophie behandelt. Die Disziplinen scheinen auseinanderzudriften. Der Naturwissenschaft wird von vielen Menschen eine hauptsächliche Deutungshoheit zugestanden.

Aber auch die Physik oder die Astronomie hat keine letzten Grundsätze zu bieten, schon gar nicht in Bereichen wie Ethik oder Moral. Brinnich: "Man sollte die Disziplinen nicht in Konkurrenz zueinander sehen. In allen Wissenschaften gibt es Paradigmenwechsel und Annahmen, die durch einen Zeitgeist geprägt sind. Im Moment hat Philosophie vielleicht die Aufgabe, jenen religiösen, ethischen, moralischen oder politischen Phänomenen, die von der Naturwissenschaft nicht abgedeckt werden, wieder zu mehr Reflexion zu verhelfen." (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 6.12.2014)

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