Antisemitismus treibt Frankreichs Juden in den Exodus

Reportage5. Dezember 2014, 18:47
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Die jüngste antisemitische Gewalttat in Paris versetzt die französischen Juden in Angst und Schrecken. Immer mehr wählen die Emigration nach Israel

Bei der Jüdischen Agentur in Paris schrillt wieder einmal das Telefon. Eigentlich schrillt es in dem Auswanderungsbüro schon seit Monaten - aber nun noch öfters seit dem Raubüberfall auf ein jüdisches Paar im Pariser Vorort Créteil. Drei maskierte Täter aus einer Immigrantensiedlung im Nachbarort überfielen das Paar in seiner Wohnung - um das vermeintliche Geldversteck zu erfahren, vergewaltigte einer der Räuber die 19-jährige Frau.

Das Schlimmste war vielleicht das Motiv: "Die Juden haben Geld", sagten die - inzwischen verhafteten - Täter laut dem männlichen Opfer immer wieder. Das sei das "mittelalterliche Vorurteil von den reichen Juden", erboste sich Roger Ackermann vom jüdischen Dachrat Frankreichs (CRIF). Egal, dass unter den jüdischen Immigranten aus Osteuropa und Nordafrika nach Frankreich besonders viele Arbeiter waren; deshalb sind in der Kommunistischen Partei Frankreichs, dieser Partei der "kleinen Leute", noch heute besonders viele Juden engagiert. Egal auch, dass die Täter, die dem "primitiven, idiotischen Antisemitismus (so die Zeitung "Libération") aufgesessen waren, früh von der Schule gegangen waren und als Drogenkonsumenten bekannt waren.

Die meisten Israel-Immigranten kommen aus Frankreich

Entscheidend ist eher, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt: Schon 2006 war ein junger jüdischer Telefonverkäufer von einer "Gang der Barbaren" entführt und nach drei Wochen zu Tode gefoltert worden, als die Familie nicht zahlen wollte. Der Chef der Banlieue-Bande, ein gewisser Youssouf Fofana aus Côte d'Ivoire (Elfenbeinküste), verbrämte seine Psychopathologien in der Gerichtsverhandlung mit plumpesten Judenklischees und Islamismus-Parolen. 2012 erschoss der Banlieue-Terrorist Mohammed Merah in Toulouse sieben Menschen, darunter jüdische Schulkinder; diesen Sommer brachte der Nachahmer Mehdi Nemmouche im Jüdischen Museum in Brüssel vier Menschen um.

Jetzt schrillt bei der jüdischen Agentur also wieder das Telefon, wie eine Mitarbeiterin des Auswanderungsamtes Israels erzählt. Immer höher steigt die Zahl derer, die in Paris, Lyon oder Marseille "Israel einfach" ausreisen. 2012 waren es 1800 gewesen, im Jahr darauf 3300; und in diesem Jahr dürften 6500 ihre "Aliyah" (Hebräisch für "Aufstieg" nach Israel) vollziehen, wie der Präsident der Jüdischen Agentur, Natan Sharanski, unlängst schätzt.

Die französischen Juden sind damit heute mit Abstand die zahlreichsten Israel-Immigranten, noch vor Russen, Ukrainern oder US-Amerikanern. "Diese Zunahme existiert in keinem anderen Land Westeuropas oder der freien Welt", staunt selbst Sharanski.

"Kein Schutz mehr"

Warum Frankreich? Warum dieser Exodus französischer Juden nach Israel oder (obschon es davon keine Statistiken gibt) in andere Länder wie Kanada, England oder USA? Einer, der seine Aliyah hinter sich hat, ist Jean-Jacques, ein 49-jähriger Unternehmer, der Paris in diesem Jahr mit seiner Frau und drei Kindern Richtung Israel verlassen hat. "Die Juden haben sich in Frankreich historisch immer assimiliert" beginnt er zu erzählen. "Mein Vater erzog uns laizistisch und vermittelte uns die Werte der französischen Republik. Frankreich ist für mich weiterhin das schönste Land der Welt mit der reichhaltigsten Literatur - nicht von ungefähr habe ich 25 Kartonkisten mit Büchern nach Israel mitgeschleppt."

Warum hat er dann Frankreich verlassen? "Weil ich mich von Frankreich verraten fühle. Mein Mutterland bietet mir keinen Schutz mehr. Mit der Angst vor antisemitischen Attacken könnte ich leben - in Israel müssen meine Kinder auch aufpassen. Das Verhängnisvolle ist aber das ganze politische und wirtschaftliche Klima." Frankreich sei ein zunehmend bürokratisches Land, in dem man größte Mühe habe, ein Start-up-Unternehmen zu gründen. Umso mehr Leute lebten mehr oder weniger von der Sozialhilfe. "Die Jugendlichen in den Vorstädten suchen oder finden keinen Job, sondern ziehen sich auf sich selbst zurück; und dann werden sie anfällig für judenfeindliche Parolen islamistischer Extremisten."

Palästina-Resolution für Banlieue-Wähler

Wütend ist Jean-Jacques über Politiker wie Benoît Hamon, der sich letzte Woche nur zu Wahlzwecken für die Anerkennung Palästinas durch das französische Parlament eingesetzt habe. Der sozialistische Ex-Minister erklärte laut Canard enchaîné, die Palästina-Resolution sei "das beste Mittel, Banlieue-Wähler zurückzugewinnen". Dieses politische Kalkül sei verheerend, meint Jean-Jacques; es spiele zwar nicht unbedingt mit dem Antisemitismus, habe aber gravierende Konsequenzen für das Zusammenleben in der gesamten Republik.

Die Statistiken belegen diese Aussage: Die Zahl antisemitischer Akte hat in Frankreich erstmals nach der zweiten Nahost-Intifada im Jahr 2000 zugenommen. Nun erreichen sie einen neuen Höhepunkt: Im ersten Halbjahr verdoppelten sie sich fast auf 527 Attacken, wobei die körperlichen Angriffe stärker zunahmen als die verbalen. Am zahlreichsten waren sie während des Gazakrieges und während der Dieudonné-Affäre, benannt nach dem französischen Komiker, dessen antisemitisches Programm Anfang 2014 verboten wurde. Dieudonné Mbala Mbala verlangte darin unter anderem auch die Freilassung des Kidnappers und Mörders Fofana.

Brandbekämpfung statt Ursachenbekämpfung

Die Untat gegen das jüdische Paar aus Créteil ist neues Gift für das Zusammenleben in den Vorstädten. Die Regierung plant neuen Maßnahmen gegen den Antisemitismus, doch das ist reine Brandbekämpfung. "Dieser Akt ist eine Beleidigung für alles, was Frankreich darstellt", sagt der Pariser Großrabbiner Haïm Korsia. "Es gab zwei Opfer, aber eigentlich wurde unser kollektiver Traum angegriffen und getroffen. Wir müssen den Dialog zwischen den Religionen fördern, aber vor allem die Frage der nationalen Gemeinschaft neu aufwerfen."

Nicht alle glauben noch daran. Die Jüdische Agentur lädt an diesem Sonntag jedenfalls nach Paris zu einem Tag der offenen Tür ein, "um all Ihre Fragen zu beantworten und Sie in Ihren ersten Schritten nach Israel zu begleiten." (Stefan Brändle, DER STANDARD, 6.12.2014)

  • Antiisraelische Demonstration in Paris während des Gazakriegs im Juli: "Anfällig für judenfeindliche Parolen islamistischer Extremisten."
    foto: reuters / benoît tesssier

    Antiisraelische Demonstration in Paris während des Gazakriegs im Juli: "Anfällig für judenfeindliche Parolen islamistischer Extremisten."

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