Es vergeht mit der Zeit. Vergeht es mit der Zeit?

Kommentar der anderen5. Dezember 2014, 17:02
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Der Umgang mit dem Nationalsozialismus in Österreich ist von Schludrigkeit und Verharmlosung geprägt, die ihresgleichen suchen. Nach so langer Zeit finden sich noch immer braune Flecken in den Kellern und vor allem in den Seelen vieler Menschen

Die Missverständnisse, Konflikte und Probleme, die uns die Vergangenheit immer noch bereitet. Vielleicht kann die Zeit Abhilfe schaffen? Von der behauptet der Volksmund bekanntlich, sie könne Wunden heilen und überhaupt helfen, alle erdenklichen Übel vergessen zu machen. Wie tief der Glaube an die wohltätige Wirkung der Zeit sitzt, erlebte ich kürzlich bei mir auf dem Land. Ich ging mit einem Bekannten durch den Wald. Er hatte eine Dose Bier dabei, aus der er beim Gehen trank. Als er sie geleert hatte, warf er die Dose achtlos weg. Auf meinen Hinweis, wenn das jeder mache, schaue der Wald bald aus wie ein einziger Misthaufen, meinte er beschwichtigend: "Ist ja nicht so schlimm. Das vergeht eh mit der Zeit."

Das vergeht mit der Zeit. Ich habe keine Ahnung, wie lang es dauert, bis eine Aluminiumdose "vergeht", sicher ein paar Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte. Doch darum geht es hier nicht. Die Einstellung, dass wir es getrost der Zeit überlassen können, lästige Überbleibsel zum Verschwinden zu bringen, ist weitverbreitet, nicht nur in Bezug auf die Umwelt. Das gilt auch für den Umgang mit der Vergangenheit, allem voran für die Erinnerung an die NS-Zeit. Da herrscht oft eine bedenkliche Schlamperei, ein Verharmlosen, ein Bemänteln und Schönreden. Und vor allem der Glaube, das werde mit der Zeit schon vergehen. Einfach so.

Beschwichtigungen

Ich meine hier nicht die rechtsradikalen und fremdenfeindlichen Umtriebe, die Nazischmierereien und anderen Vandalenakte, über die man häufig lesen kann. Die sind durch nichts zu entschuldigen. Und es ist betrüblich, dass die Behörden darauf in der Regel zunächst einmal beschwichtigend reagieren. Wer weiß, ob da wirklich Neonazis und ähnliche Elemente dahinterstecken, vielleicht sind es ja nur Lausbubenstreiche, ein wenig aus dem Ruder gelaufen? Im Übrigen gibt es so etwas überall in Europa, in Deutschland, Holland und anderswo. Das ist ein schwacher Trost, aber es stimmt.

Was allerdings meines Erachtens unser Land auszeichnet, vor allem im Vergleich zu Deutschland, ist der sorglose, um nicht zu sagen schlampige Umgang mit dem Nationalsozialismus, mit Symbolen und der Sprache jener Zeit. Ich meine damit nicht die unsäglichen Sprüche, die man immer noch viel zu oft zu hören bekommt. An Stammtischen und anderswo. Die sind ein Jammer. Aber noch schlimmer ist, wenn Menschen, die eine gewisse Verantwortung tragen, die politische Funktionen erfüllen, nichts dabei finden, die Nazizeit zu verharmlosen. Das sind keine Einzelfälle.

Ich will hier nur an die Aussagen eines Kärntner Bürgermeisters erinnern, der sich offenbar nicht dazu durchringen kann, die Nazi-Ideologie zu verurteilen. "Nur von dem, was sie gemacht haben, distanziere ich mich, nicht vom Nationalsozialismus", erklärte der FPÖ-Haudegen. Dass solche Worte in der Öffentlichkeit Empörung auslösen, konnte er nicht verstehen.

Skandalträchtig auch der Fall jenes Lokalpolitikers in der Steiermark, der über seiner Garageneinfahrt den Spruch "Arbeit macht frei" in Frakturschrift angebracht hatte. Als er dafür heftig kritisierte wurde, bekundete er "große Betroffenheit", wies allerdings im selben Atemzug darauf hin, dass ihm selbstverständlich jedes "Nazigedankengut fremd" sei. Im Übrigen habe das Schild sein verstorbener Vater aufgehängt.

Als ein Filmemacher in einer burgenländischen Gemeinde ein paar Männer in einem Keller filmte, die fröhlich unter einem Hitlerbild zechen, umgeben von jeder Menge anderer Nazi-Paraphernalien, distanzierten sich die solchermaßen Gezeigten - zwei waren Gemeinderäte - beflissen von jeder rechten Gesinnung. Aber erst, als die Peinlichkeit durch den Film ruchbar wurde. Vorher schienen sie sich im Nazi-Keller recht heimelig gefühlt zu haben.

Die Liste der Beispiele ließe sich mühelos verlängern. Ebenso die Liste der faulen Ausreden, die aufgetischt werden, wenn so etwas wieder einmal an die Öffentlichkeit kommt. Zuerst wird gemauert, dann versucht man, den Kopf einzuziehen und das auszusitzen, und auf jeden Fall wird eifrig abgewiegelt. Ist nicht so schlimm. Ein Ausrutscher, hat nichts zu bedeuten. Auf keinen Fall darf man das als Beweis für eine verwerfliche Gesinnung nehmen.

Mitläufer und Täter

Wie kommt es, dass ausgerechnet in unserem Land, das sich so lang so schwergetan hat mit der Erkenntnis, dass wir nicht mehrheitlich Opfer des Hitlerfaschismus waren, sondern eher willige Mitläufer und auch Täter, solche Entgleisungen an der Tagesordnung sind? Neonazis und rabiate Fremdenfeinde, Antisemiten und andere Unbelehrbare gibt es überall, aber dieser schludrige, wurstige Umgang mit der Vergangenheit ist, fürchte ich, in unserem Land weiter verbreitet als anderswo.

Woran liegt das? Hat das damit zu tun, dass das offizielle Österreich sich so lange an die Ausrede klammerte, wir seien das erste Opfer des Hitlerfaschismus gewesen? Wahrscheinlich. Dieses Denken sitzt immer noch in vielen Köpfen. Dazu kommt, dass auch offizielle Stellen oft wenig Eifer beweisen, wenn es darum geht, sich mit dieser Zeit gründlich auseinanderzusetzen. Da wird viel auf die lange Bank geschoben. Zum Beispiel das "Haus der Geschichte", ein Projekt, das von einem Regierungsprogramm ins nächste verschleppt wird. Wieso dauert das so lang? Haben die Politiker etwa Angst, sie könnten irgendwelche Kreise vor den Kopf stoßen? Sie könnten sich an solchen Fragen die Finger verbrennen, weil die Vergangenheit, siebzig Jahre danach, offenbar immer noch heiß ist? Da ist vermutlich was dran. Und das ist wohl auch einer der Gründe dafür, warum es auf diesem Gebiet landauf, landab so viele Ausrutscher und Entgleisungen gibt. Weil immer noch viel zu häufig die Devise gilt: Kopf einziehen, abducken und schweigen. Das geht uns nichts an. Damit haben wir nichts zu tun.

Diese Einstellung ist häufig anzutreffen. Auch in offiziellen Kreisen. An dieser Stelle erlaube ich mir, zur Illustration eine kleine Geschichte zu erzählen, die ich vor kurzem erlebte. Vor wenigen Wochen wurde ich von der Slowenischen Akademie der Wissenschaften eingeladen, mein jüngstes Buch vorzustellen, das sich mit der Vergangenheit beschäftigt. Wie es sich gehört, wurde das Österreichische Kulturforum vor Ort informiert. Dort zeigte man anfangs Interesse, das jedoch rasch erkaltete. Vielleicht hatte man sich kundig gemacht, dass es in dem Buch um anonyme Massengräber geht, ein Thema, das in Slowenien gerade heftig diskutiert wird. Auch politisch ein heißes Eisen. Da will man offenbar nicht gern dabei sein. Von brisanten Themen wollen wir lieber die Finger lassen. Obwohl die Diskussion von der Akademie der Wissenschaften organisiert wurde, einer durchaus honorigen Institution. Trotzdem. Damit wollen wir nichts zu tun haben. So kam es denn auch, dass unsere Kulturvertreter der Veranstaltung nicht nur fernblieben, sondern sie nicht einmal auf ihrer Website ankündigten, auf der es eine eigene Rubrik für so was gibt: "Hier finden Sie laufend Informationen zu aktuellen österreichischen Veranstaltungen diverser Anbieter, die in Slowenien oder dem österreichischen Grenzgebiet stattfinden."

Über die Veranstaltung der Slowenischen Akademie der Wissenschaften kein Wort. Obwohl der österreichische Verlag rechtzeitig vor dem Termin noch einmal darauf hinwies, dass es schön wäre, wenn das Kulturforum die Diskussion wenigstens ankündigen würde. Keine Antwort. Später wurde mir ausgerichtet, die Veranstaltung sei durch ein Versehen nicht beworben worden. Bedauerlicherweise.

Ein Versehen

Es ist schon ein Kreuz mit der Vergangenheit. Die ist so was von lästig. Kein Wunder, wenn einem da hin und wieder solche Versehen unterlaufen. Bedauerlicherweise. Aber warum soll sich eine österreichische Institution überhaupt um eine Diskussion kümmern, in der es um garstige Themen wie Massengräber geht, auch in Slowenien und Österreich? Damit haben wir nichts zu tun. Wegschauen und schweigen. Mit der Zeit wird das schon vergehen.

Um nicht missverstanden zu werden: Andere Kulturforen haben in der Sache anders reagiert. Mit Interesse und Engagement. Umso bemerkenswerter sind solche Reaktionen. (Martin Pollack, DER STANDARD, 6.12.2014)

Martin Pollack (Jg. 1944) ist Journalist, Schriftsteller und Übersetzer. Er studierte u. a. osteuropäische Geschichte. Seine Texte erschienen zuletzt etwa im Sammelband "Majdan! Ukraine, Europa".

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