Mit der Zeit gehen - oder mit der Zeit gehen

Essay7. Dezember 2014, 10:00
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Ewige Werte, Zeitlosigkeit, die Zeiten überdauernde Kunst - was für ein Blödsinn. Beschäftigen wir uns lieber mit uns in unserer Zeit

Zum Standardprogramm eines zeitgenössischen Theaterregisseurs zählt es, in Interviews anlässlich anstehender Premieren persönlicher Sichtungen eines "klassischen" Stoffes aus dem Werkkanon zwischen Shakespeare, Goethe oder Kleist von einer "brandaktuellen" oder "so aktuellen wie noch nie", auf jeden Fall "heutigen" und/oder "unbedingten" Gültigkeit des Stoffes des jeweiligen Stückes zu sprechen.

Das ist so verständlich wie billig. Immerhin haben alle Beteiligten und auch das Zielpublikum einst in der Schule gelernt, dass es in der Kunst tatsächlich so etwas wie Zeitlosigkeit, ewige Gültigkeit oder jederzeit abrufbare Relevanz der großen Stoffe aus der Ideengeschichte des Menschen - und warum mit ihm alles schiefgeht - gibt. Die Leselisten für die Bewältigung einer heutigen Matura sehen nicht viel anders aus als vor 30, 40 oder 60 Jahren. Thomas Bernhard, Peter Handke sind neu. Ja, danke.

Die Hilfsbrücke ins Heute

Andererseits muss die Frage gestattet sein, warum den Menschen noch immer zugemutet wird, sich mit dem Heute nur über die Hilfsbrücke des Gestern beschäftigen zu dürfen. An der schönen altertümlichen und großteils überholten, also schwer verständlichen Sprache der großen altvorderen Vertreter einer bürgerlichen Hochkultur kann es ja nicht liegen. Selbst die katholische Kirche hat sich irgendwann darüber verständigt, dass es möglicherweise besser ist, sich statt der toten Sprache Latein der Muttersprache des jeweiligen Publikums zu bedienen, um es bei der Stange zu halten.

Das mag daran liegen, dass die Leute aus durchaus verständlichen Gründen immer nur das sehen wollen, das sie schon kennen. Erkennen bedeutet in der Zielgerade immer Wiedererkennen. Zum anderen ist es allerdings schlicht Faulheit oder Angst davor, sich mit Neuem auseinanderzusetzen. Kultur bedeutet in diesem Kulturkreis abseits eher zum Subgenre des Alltags gerechneter populärer, also volkstümlicher Kultur, die Kunst der Selbsterhöhung über den Genuss des Wahren, Guten und Schönen auszuüben.

Seid Dekaden das Immergleiche

Das mag zwar dann mitunter zu gestelzten Inszenierungen führen, in denen zeitgenössische Relevanz durch das plötzliche Auftauchen von syrischen Freiheitskämpfern in Wagner-Opern behauptet wird. Abseits aller Einigung darüber, dass der Mensch zwischen der "Odyssee", "Star Wars" und "Die Tribute von Panem" nur wenige Geschichten im Handapparat zur Verfügung hat, die darüber hinaus mehr als Krieg, Gier, Neid, Machtstreben und Boy meets Girl zu bieten haben, geht es hier um Durchhalten, System erhalten, sich selbst aushalten. Der dazugehörige Weiheton der eingebetteten Berichterstattung ist dabei fixer Bestandteil einer Kultur, die Zeitlosigkeit auch dadurch legitimiert, dass ein Künstler bzw. eine Künstlerin nach Jahrzehnten im Geschäft schließlich "ganz zu sich selbst findet". Kunststück, schließlich betreibt er bzw. sie das immergleiche Geschäft unter immergleichen Vorzeichen und Produktions- wie Rezeptionsbedingungen auch schon seit Dekaden. Um Gottes willen, wer will eigentlich zu sich selbst finden?!

Früher war alles besser

All das hat seine Entsprechung in der Musik, in der bildenden Kunst, vielleicht nicht so stark im Film als wirkungsmächtigstem, weil totalstem Medium aller heutigen Kunstpraxis. Warum aber beschäftigt man sich dauernd mit Altbekanntem? Es kann doch um Himmels willen nicht daran liegen, dass nichts Neues nachkommt. Dagegen spricht die Ökonomie. Und sei es auch nicht jene der harten Währung, sondern jene der Aufmerksamkeit. Zeit ist schließlich ein kostbares Gut. Wir haben zu wenig davon, obwohl wir nicht wissen, wohin damit. Es hat wohl eher mit der Ahnung oder subjektiven Gewissheit zu tun, dass früher einmal alles besser war - oder zumindest angenehmer, echter, wahrhaftiger gewesen sein könnte. Es kann auch daran liegen, dass man im fortgeschrittenen Alter draufkommt, dass früher die Dinge, die später kommen sollten, einfacher und klarer definiert waren. Es gibt Erwartungen. Und Erwartungen haben sich gefälligst zu erfüllen. Letztendlich gilt: Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen. Davon handeln wir. Davon handeln sie. Davon handelt ihr. Jetzt, damals, immer schon.

Früher war nichts besser

In der Musik gilt es zum Beispiel, gegen Wiedergabegeräte anzukämpfen, um diesen Zustand aufzuheben. Ein Plattenspieler ist deshalb ein grausames Gerät, weil er die Menschen zwingt, immer wieder dieselbe Musik zu hören. Diese Erkenntnis ist universell anzuwenden. Früher war nichts besser. Sicherheit durch Selbstvergewisserung ist trügerisch. Früher war nicht alles besser, früher war es anders. Es gibt keine "Zeitlosigkeit". Dieser Gedanke ist der schrecklichste: Wenn wir einmal nicht mehr sind, mögen wir zwar aus der Zeit gefallen sein. Der Zeit aber ist das egal. Sie gibt es weiterhin. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 6.12.2014)

  • Letztendlich gilt: Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen.
    foto: apa/dpa / peter steffen

    Letztendlich gilt: Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen.

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