Clemens Berger: Ins Herz der Zeit

8. Dezember 2014, 08:00
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In den Tagen und Wochen, in denen Martial Bourdin sich mit der Zeit beschäftigt hatte, hatte er sich gewundert, wie unverblümt die Sprache der Herrschenden war

Die Uhr an der Haltestelle Westminster Bridge zeigte 15 Uhr 10, als Martial Bourdin nach flinkem Blick über die Schulter mit einem Paket die Tramway bestieg. Er fand einen freien Platz am Fenster, setzte sich und schob das Paket unter seinen Mantel. Es sollte es warm haben, nah am Herzen. Immerhin brachte er dem Herzen der Zeit ein Geschenk.

Martial Bourdin war ein zukunftstrunkener junger Mann, der in der Gegenwart leben wollte. Vor allem hielt er sich für einen freien jungen Mann. Er ließ sich kein A für ein O verkaufen, die alten Heilsversprechen hatten sich erledigt, die bestehende Ordnung war eine Schande für jeden denkenden Menschen. Von der hehren Kultur sollten sich jene eine Verfeinerung der Ungebildeten wie der Sitten überhaupt erhoffen, die in den Tempeln der Kunst saßen, um sich über andere zu erheben.

Bestimmt vermochte die Wissenschaft Erstaunliches zu leisten, aber solange sie von den Herrschenden und der Industrie eingespannt war, war sie eine Handlangerin oder so weit von den wirklichen Problemen entfernt, dass man sie nicht ansatzweise verstand. Noch gestern Nacht waren sie im Autonomie Club beieinandergesessen, hatten Rotwein getrunken, über Henry und das revolutionäre Potenzial der englischen Arbeiter gestritten, als Mark aufgestanden war und mit den Worten "Man muss etwas tun" den Club verlassen hatte.

Die Zeiten haben sich geändert

Man muss, hatte Martial Bourdin auf dem Heimweg laut vor sich hingedacht, man muss zumindest ein Zeichen setzen. Man konnte, wenn es gelang, einen König oder eine Königin töten. Wie absurd, dass es das noch gab. Aber ohne Revolution bestieg der Nächste oder die Nächste in der Erbfolge den Thron. Wie absurd, dass es die noch gab. Man war einen Kopf kürzer, der Neue regierte härter oder milder, am Thron war nur sanft gerüttelt worden. Außerdem hatte man bloß einen Kopf. Dieser eine Kopf hatte Augen, die noch so vieles und vor allem Niegesehenes, Nicht-für-möglich-Gehaltenes sehen wollten. Er hatte Ohren, die noch so vieles und vor allem Unerhörtes hören wollten. Ich liebe dich, natürlich. Aber auch: Die Zeiten haben sich geändert. Der Mensch ist frei. Wird frei. Die Verhältnisse, in denen er ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist, sie sind nicht mehr. Wir haben sie abgeschafft. Er hatte einen Mund, der noch so viel sagen und vor allem küssen wollte. Er hatte eine Nase, die noch so viel und vor allem frische Luft, Freiheit atmen wollte. Er war sechsundzwanzig Jahre alt.

"Ja, Mensch, aber wirklich", hatte Lucille gesagt und sich bei ihm untergehakt. Sie hatten gelacht, herumgealbert, einander alle paar Schritte zum Küssen unter Eingangspforten gedrängt. "Wir leben nur einmal." "Die anderen auch", hatte er gesagt, "darum wollen sie, dass sich nichts ändert." "Klugscheißer", hatte ihm Lucille ins Ohr geflüstert und ihm auf den Hintern geklopft, "klügstes Schneiderlein fein, Schneiderlein mein." Martial liebte Lucille, aber er wollte auch mit anderen sein. Liebe, das war für ihn etwas anderes, etwas viel Stärkeres. Es hatte nichts mit Besitz zu tun. Liebe und Leidenschaft waren verschieden. Die Liebe war nichts ohne Leidenschaft, aber Leidenschaft ohne Liebe konnte himmlisch sein. Man tat einander Gutes, man freute sich des Lebens, man konnte die Zeit anhalten. Lucille verstand das, war aber dagegen. Ob er wolle, dass sie mit anderen schlafe? Würde ihn die Vorstellung beglücken, dass sie so mit einem anderen die Zeit anhielte? Martial bejahte, fühlte aber das Gegenteil. "Oder sind in dieser Frage Männer und Frauen auf einmal nicht mehr gleich?" Lucille hatte ihn an der Nase gefasst.

Vor einer Woche war Émile Henry im Club gewesen. Vor einer Woche hatten sie mit ihm über Russland diskutiert. Natürlich war es um den Zaren nicht schade. Im Gegenteil. Aber jetzt gab es einen neuen, der um nichts besser war als der alte. Es ging nicht um die Person. Es ging um das Amt, um das System. Wie immer hatte Martial zugehört. Er verstand die Argumente für den Mord, er verstand die Argumente gegen seine Auswirkungen. Martial hatte zwei Monate in einem Pariser Gefängnis gesessen, weil er eine Demonstration hatte organisieren wollen. Er sprach nicht über diese beiden Monate, auch nicht Lucille gegenüber. Er wusste nur, dass er nie wieder ins Gefängnis wollte. Er wusste auch, dass alles dafür sprach, wieder in einem zu landen.

Vor drei Tagen war die Nachricht eingetroffen, zuerst als Gerücht, dann Schwarz auf Weiß in allen Zeitungen: Émile Henry hatte in einem Pariser Café eine Bombe geworfen. Ein Mensch war gestorben und er verhaftet worden. Er habe für die Freiheit töten wollen. Propaganda der Tat. Und dafür, hatte man ihn gefragt, habe ein Unschuldiger sterben müssen? Der Bourgeois, hatte Henry geantwortet, sei niemals unschuldig. Darüber hatten sie im Autonomie Club gestritten. Wie man die englische Arbeiterklasse wachrütteln könne. Ob Émile Henry ein Held oder Saboteur der Revolution sei. Gestern hatte Martial den Mund geöffnet. Er sprach nicht oft, weshalb man genau hinhörte, wenn er sprach. Es war Schwachsinn, irgendjemanden zu töten. Einen König, einen Zaren, eine Königin - darüber konnte man reden, an ihren Händen klebte so viel Blut, dass man ein neues Weltmeer damit hätte füllen können. Man musste anders zeigen, dass die Ordnung weniger unumstößlich war, als man denken sollte. Das hatte Martial zu einem Gedanken geführt, der ihm nie zuvor gekommen war: Jeder Augenblick war offen. In jedem Augenblick lebten alle Menschen auf dieser Welt an der Front der Zeit. Ein Ereignis konnte alles ändern.

Sehnsucht nach der alten Zeit

Martial Bourdin sah aus dem Fenster. Die Stadt zog an ihm vorbei. Ihre Stadt, hätte er denken können, ihre Monumente, ihre Prachtbauten, ihre Kirchen, ihre Museen, ihre Fabriken, ihre Banken, ihre Börse. Es war auch seine Stadt. Es war die Stadt aller, die in ihr lebten. Ob Franzose, Deutscher, Russe, Engländer, Spanier oder Amerikaner war belanglos. Es war belanglos, überhaupt darüber nachzudenken.

"Haben Sie Bauchschmerzen, junger Mann?" Eine etwa siebzigjährige Dame auf der Bank gegenüber sah ihn an.

"Warum?"

"Weil Sie Ihre Hand so auf den Bauch pressen."

Nein, ich habe ein Bombe gebastelt; die halte ich, damit kein Unglück geschieht. Sagte er natürlich nicht. Wie absurd die Wahrheit war. Wie wahr das Absurde war. Absurd war die Welt, in der sie lebten. Er hatte keine Ahnung, was die Dame gegenüber dachte. Vielleicht sehnte sie sich nach einer guten alten Zeit, die es nie gegeben hatte. Die es zumindest für die Vielen nie gegeben hatte.

"Ich hab da ein zerbrechliches Geschenk."

"Für Ihre Liebste?"

"Auch für meine Liebste."

"Woher sind Sie, junger Mann, wenn ich fragen darf?"

Von überall, sagte er auch nicht, von nirgendwo. Er hatte keine Heimat. Von Heimat sprach, wer die Unterdrückten bei der Stange halten wollte. Heimat und Nation. Vielleicht auch noch Gott. Aber immer auf ihrer Seite, immer zur Verfestigung der herrschenden Ordnung. Er hatte mit dem armen Tischler auf dem Balkan mehr gemein als mit dem Pariser Bankier - oder dem Fabrikanten aus Tours, wenn man den Ort seines Aufwachsens heranziehen wollte. Die Unterdrückten hatten keine Heimat. Deshalb konnte überall Heimat werden. Eine, die es noch nie gegeben hatte. Eine, von der man in Märchen und Mythen hörte. Vielleicht hatten die Kinder der Reichen etwas wie Heimat, immerhin gehörte ihren Eltern die Welt. Die Armen hatten keine Heimat. Die Erde sollte allen Heimat sein.

"Aus Nigeria."

"Sie nehmen mich auf den Arm."

"Nicht alle in Nigeria sind schwarz."

Was wiederum hieße, dass er das Kind eines hohen Beamten, eines Militärs, eines Großindustriellen, kurz, das Kind eines Kolonisators sein müsste. Allerdings eines britischen, und er klang -

"Wie ist es dort?"

Wenige hatten vieles, die Meisten nichts. Wenige hatten Macht, die Meisten keine. Wenige lebten in Saus und Braus, die Meisten von der Hand in den Mund. Wenige wussten nicht, wohin mit ihrem Reichtum, die Meisten nicht, wohin in ihrer Not. Die Meisten arbeiteten für die Wenigen, die Wenigen ließen die Meisten schlagen, wenn sie nicht bis zum Umfallen rackerten. Dafür ließen die Wenigen nur auf die Meisten schießen, wenn diese sich befreien wollten.

"Ganz anders. Und dann auch wieder nicht. Das Obst schmeckt besser, die Früchte sind größer, Nebel gibt's höchstens bei Sonnenaufgang - so ein zarter Film, der sich gleich wieder verzieht. Im Winter muss man nicht heizen."

"Sie sind reizend, junger Mann. Ganz anders als die jungen Menschen heute." Die alte Dame zog eine Taschenuhr aus ihrer Weste, blickte darauf, blickte aus dem Fenster und griff nach ihrer Tasche. "Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Jetzt hätte ich beinahe den Ausstieg verpasst."

Martial Bourdin sah aus dem Fenster. Er kannte die Gegend nicht. Sie sah auf einmal anders aus.

"Steigen Sie auch in Greenwich Park aus?"

"Auch? Sie wollen mich doch auf den Arm nehmen. An Greenwich Park sind wir längst vorbei. Das hier ist East Greenwich."

Er hatte sich verfahren. Er war tatsächlich zu weit gefahren. Martial Bourdin stand wortlos auf, presste das Paket gegen seinen Körper und blickte sich um. Er war der größte Idiot, der lächerlichste Revolutionär, der unzurechnungsfähigste Verschwörer, den die Welt je gesehen hatte. Man drängte zum Ausgang, er versuchte, die Menschen nicht zu streifen. Es war nicht einfach. Und es war nicht auszuhalten, wie sie herumliefen. In ihren Kostümen, ihren Rollen, ihrer Vereinzelung. Die Bombe über seinem Bauch fühlte sich wie ein Lebewesen an. Er musste zärtlich mit ihr umgehen, sie wollte nicht grob behandelt werden. Als er ausstieg, blickte er auf die Bahnhofsuhr. Es war 16 Uhr 19.

Die Zeit neigt sich

Mittags war er bei seinem Bruder gewesen, der keine Arbeit für ihn hatte. Martial wollte gar keine Arbeit. Er hatte genug genäht, geschneidert, geändert. Als Lehrling in Tours, für feine Damen in Paris, für kleine Leute in New York und Chicago, für die Kundinnen seines Bruders in London. Er hatte ihn noch einmal sehen wollen. Was mit ihm sei, hatte sein Bruder wissen wollen, nachdem Martial ihn heftig umarmt hatte, ob ihn etwas drücke? Nicht im Geringsten, hatte er gesagt, auf der Straße vor dem Laden waren Schritte zu hören gewesen, das müsse hin und wieder sein. "Die Zeit neigt sich in unsere Richtung", hatte Martial im Weggehen gemurmelt, "wirst sehen."

Im International Restaurant in der Bennett Street, einen Steinwurf von seiner Unterkunft entfernt, die er länger nicht mehr betreten würde, hatte er gegen vierzehn Uhr zufällig Genossen getroffen. Er konnte weder seinem Bruder noch Lucille etwas sagen. Sie teilten seine Überzeugungen, aber sie liebten ihn. Sie hätten sich Sorgen gemacht, ihn aufzuhalten versucht oder mitmachen wollen. Seit Henrys Attentat stand der Club unter ständiger Polizeibeobachtung. Martial wollte niemanden verdächtigen, aber es stank nach Verrat. Er wollte die Namen nicht einmal denken, aber es war mehr als wahrscheinlich, dass ein Spitzel mit ihnen trank, diskutierte, sang.

Er hatte eine Suppe gegessen, ein Bier getrunken, das Pastrami-Sandwich hatte himmlisch geschmeckt. Was in dem Paket sei, hatte Mark wissen wollen. Vermutlich etwas Kostbares, hatte er geantwortet, jedenfalls sei der Botengang gut entlohnt. Oh, da hatte er sich aber sputen müssen.

Er hatte noch einmal seinen Blick über die Tische, die Stühle, die pummelige rothaarige Kellnerin, über die speckigen Speisekarten, den Rauch, den Tresen und die Bar mit ihren Verlockungen streifen lassen. Er freute sich auf ein Wiedersehen, wann immer es sein mochte. Vielleicht schon in der neuen, besseren Zeit. Mark hatte ihn ein paar Schritte begleitet, ehe Martial sich losgeeist hatte. Beim Einstieg in die Tramway war ihm kurz, als folge ihm jemand. Es war niemand zu sehen gewesen.

Eine Stunde und neun Minuten. Seit zwei Minuten stand er auf dem Bahnsteig. Viereinhalb Stunden seit dem Abschied von seinem Bruder. Die alte Dame hatte sich noch einmal umgedreht und ihm zugewinkt. Er dachte schnell, das war gut. Jedenfalls besser, als sich über seine Dummheit zu ärgern. Zweieinhalb Stunden seit dem Mittagessen. Eines wie das andere war nichts an gewöhnlichen Tagen. Am 15. Februar 1894 kam es ihm wie ein halbes Leben vor.

Martial Bourdin sah einen Schaffner. Es ging darum, ruhig zu bleiben, die Kontrolle zu bewahren, unauffällig zu sein. Er legte die Linke um seinen Bauch und ging auf ihn zu.

"Verzeihen Sie, wie komme ich am schnellsten nach Greenwich Park?"

Der Schaffner hatte einen mächtigen Bauch, trug Mütze und Schnauzer. Er sah wie ein Schaffner aus. Martial sah wie ein ehrlicher junger Handwerker aus. Vielleicht auch wie ein Student mit liberalen Ideen. Vielleicht war der Schaffner in einer radikalen Gewerkschaft. Vielleicht hatte es bloß den Anschein, dass beide die Welt, in der sie lebten, in Ordnung fanden.

"Der nächste Zug geht in vierzig Minuten. Gleis drei."

"Vierzig -"

"Haben Sie's eilig?"

"Ich muss ins Observatorium, bevor es sperrt."

"Dann gehen Sie lieber. Wenn Sie den Schildern folgen, kann nichts schiefgehen. Diese Richtung."

"Wie lange dauert das?"

"Vierzig Minuten. Brauche ich. Sie brauchen dreißig." Der Schaffner lachte, bevor er auf Martials Mantel deutete. "Wir haben Schließfächer."

"Das ist eine kleine Lieferung fürs Observatorium. Präzisionsinstrumente. Danach wollte ich - egal. Danke jedenfalls, ich muss weiter."

Er nickte dem Schaffner zu, der Schaffner führte die Rechte an den Mützenschirm, Martial Bourdin eilte in die gewiesene Richtung.

Jetzt war alles anders, und dann wieder nicht. Er hatte bloß eine Dreiviertelstunde verloren. Er musste denken. Er musste ruhig bleiben. Er musste den neuen Plan in sich ausbreiten. Die Dreiviertelstunde konnte ihm später fehlen, nun mochte sie ihm zugutekommen. Das Observatorium wurde bald geschlossen, was weniger Menschen, weniger Probleme, weniger Vorsicht bedeutete. Martial Bourdin durfte keinesfalls zu spät kommen. Einmal im Park, kannte er seinen Weg. Er durfte nicht laufen, das aufregende Lebewesen unter seinem Mantel brauchte Ruhe. Wie er.

Die Zeit war immer reif

Er folgte den Schildern, konzentrierte sich auf seine Schritte, atmete gleichmäßig durch die Nase ein und durch den Mund aus. Als etwas in seiner Manteltasche knisterte, fielen ihm die beiden Eintrittskarten für den Maskenball ein. Er hatte sie verkaufen wollen, um Genossen in Not zu unterstützen. Hätte niemand sie gekauft, wäre er mit Lucille auf den Ball gegangen. Die Verkleideten kommen verkleidet. Auch eine schöne Vorstellung. Er hätte dem Schaffner die Karten schenken können. Der Schaffner hätte eins und eins zusammengezählt und vielleicht. Kein Vielleicht jetzt. Er würde die Karten verschenken. Nachher. Vielleicht einem hübschen Mädchen.

Man musste ein Zeichen setzen, ja. Man musste etwas tun. Etwas tun war aber etwas anderes, als "Man muss etwas tun" zu sagen. Man waren immer die anderen. Vor mehr als zehn Jahren hatte nicht man, sondern jemand den Zaren ermordet. Als er drei war, hatte nicht man, sondern das fortschrittliche Paris die Kommune proklamiert. Man war allein. Martial Bourdin war nicht allein. In der Nationalbibliothek, in der er eine Anleitung zum Bombenbau abgepaust hatte, war jahrelang Karl Marx gesessen. Allein, und dann auch wieder nicht, wenn man bedachte, wie viele auf das gewartet hatten, was er sagen und schreiben würde, wenn er aus der Bibliothek kam. Er tat das für seinen Bruder, für seine armen Eltern, für seine sechs weiteren Geschwister, für Lucille, für die Genossen aus dem Autonomie Club, für die Genossen aus der Tourer "Nadel" , bei denen er Worte für jene Gefühle gefunden hatte, die er so lange nicht hatte benennen können. Er tat das für alle Unterdrückten, er tat das für sich. Vielleicht war die Zeit noch nicht reif. Alles Stehende verdampfte. Aber es stand noch immer. Der Dampf kam aus den Lokomotiven, deren Öfen arme Männer mit Kohle fütterten. Der Dampf kam aus den Fabriken, die die Arbeiter vertierten. Der Dampf kam aus den Schornsteinen der Dampfer, die lebendige und tote Waren über die Weltmeere beförderten. Andererseits war die Zeit immer reif. Er lebte in ihr. Ja, Lucille, wir haben keine andere.

Die Zeit war in Greenwich. Die absolute, verallgemeinerte Weltzeit. Greenwich Mean Time. Im Club scherzten sie bisweilen über das "mean". Es war eine gemeine Zeit, die dem Britischen Königreich schlug, Bombay mit London, die Falklandinseln mit Leeds verband. Die Zeit war da, um die Produktion zu kontrollieren, zu vereinheitlichen, abzustimmen. Die Zeit war da, um die Menschen unter sie zu beugen. Die Revolution brachte eine neue Zeit. Das hatte sie nach dem Sturm auf die Bastille getan, das hatte die Kommune versucht. Er war drei, als sie ausgerufen wurde. Er war drei, als sie niedergeschlagen wurde. Zwanzig Jahre waren ein Atemzug der Geschichte. Zwanzig Jahre waren viel in einem kurzen Leben.

Im Königlichen Observatorium wurde ihm der Takt vorgegeben. Die Zeit der Fabriken, die Zeit der Kasernen, die Zeit der Gefängnisse, die Zeit der Ämter, die Zeit der Sperrstunde. Die Zeit der Eisenbahn, sagten die Herrschenden. Es war eine gemeine Zeit. Sie ging schwanger mit einer anderen.

Als Martial Bourdin um 16 Uhr 46 durch das Eingangstor in den Park huschte, sah er aus den Augenwinkeln einen Gärtner Äste von einem Baum schneiden. Auf dem höchsten Punkt des Hügels stand das Königliche Observatorium, ein stattliches Gebäude aus rotem Backstein. Auf seinem Turm befand sich ein Mast, an dem täglich fünf Minuten vor dreizehn Uhr der Zeitball hochgezogen wurde, um Punkt Mittag hinabgelassen zu werden, damit die Schiffe sich an ihm orientieren konnten. Zuerst hatte Martial den Turm sprengen wollen, dann die Uhr an Shepherd's Gate. Die Uhr am Eingang zum Observatorium war die erste, die der Öffentlichkeit Greenwich Mean Time zeigte. Aber er wollte keinen Sklaven, er wollte den Herrn in die Luft jagen.

Die Sprache der Herrschenden

In den Tagen und Wochen, in denen Martial Bourdin sich mit der Zeit beschäftigt hatte, hatte er sich gewundert, wie unverblümt die Sprache der Herrschenden war. Sowohl die Uhr an Shepherd's Gate als auch der Zeitball hießen "slave clocks". Sie empfingen ihre Impulse von der "master clock" im Observatorium, die ein Mister Shepherd konstruiert hatte. Früher war Mittag, wenn die Sonne am höchsten stand. Früher war nicht lange her. Oxford war fünf Minuten hinter Greenwich, Leeds eine Minute hinter Oxford, Dover eine halbe Stunde vor Penzance gewesen. Ganz zu schweigen von Bombay oder den Falklandinseln. Jetzt war Mittag, wenn in Greenwich Mittag war. Zumindest zeigten alle Minutenzeiger Null, wenn Greenwich die volle Stunde schlug. Rund um die Welt sollten Sklavenuhren der Königlichen Herrenuhr folgen. Sollten Sklaven der Sklavenzeit folgen, um für Herren zu produzieren. Mittlerweile war Mister Shepherd nach Indien gereist, um die Hände der Uhren zurechtzubiegen.

Es war kalt und düster, als Martial Bourdin den gewundenen Pfad zum Observatorium einschlug. Die Gaslaternen flackerten. Er beschleunigte seinen Schritt. Zum zweiten Mal spürte er einen Blick in seinem Rücken. Er drehte sich um; niemand zu sehen. Er war allein. Er war nicht allein. Er und die Zeit. Sklave gegen Herrenzeit. Die Vielen gegen die Wenigen. Martial Bourdin sah ein paar Einzelne den Zickzackpfad nach unten kommen. Je weniger, desto einfacher. Er hatte alles durchdacht. Wieder und wieder. Wieder spürte er einen Blick im Rücken. Sein Atem ging schnell, er holte tief Luft.

Martial Bourdin war beinahe oben. Er presste sein Geschenk für die Welt mit der Linken an den Bauch. Er sah sich von außen. Sah einen kleinen, schmächtigen jungen Mann mit blondem, in der Mitte gescheiteltem und nach hinten gekämmtem Haar. Sah seine blauen Augen, die Lucille zufolge wunderbar leuchteten, wenn er begeistert oder glücklich war, sah seinen blonden Schnauzbart und sein helles Gesicht, wie man es bald auf Kärtchen unter Revolutionären und Sympathisanten verteilen würde. Er sah Shepherds Uhr. Schwarz auf Weiß. Sah das große Blatt mit den großen lateinischen Ziffern. I bis XXIII. Darüber kleine arabische Ziffern im Fünfertakt. Er sah die großen Zeiger. Wusste, dass ein kleines Ziffernblatt über dem Mittelpunkt im großen war. 0. 10. 20. 30. 40. 50. Galvano-Magnetic-Clock stand da. Shepherd Patentee in der Mitte. 53 Leadenhill St London darunter. Er sah sich von außen auf die Uhr zugehen. Er war kurz vorm Herzen der Zeit. Er konnte sein Geschenk hervorholen. Sah er sich von außen, weil jemand -

Er drehte seinen Kopf. Es war 16 Uhr 51 und Martial Bourdin gute vierzig Meter von Shepherds Uhr entfernt, als er strauchelte.

Mit einem Mal war es still. Die Uhr hing am Eingang, das Königliche Observatorium stand, wie es immer gestanden war, der Zeitball wartete auf den nächsten Mittag. Ein paar Raben waren aufgeflogen, ihre Schnäbel standen offen. Martial Bourdin hörte nichts. Als er sich aufrappelte, bemerkte er das Fehlen seiner linken Hand. Das Armgelenk war fort, aus dem Unterarm ragten unterschiedlich lange Sehnen. Wie verkohlte Drähte nach einem Kurzsschluss. Er konnte kaum auftreten, seine Beine wollten ihn nicht tragen. Er stützte sich mit der Rechten auf dem Boden ab, es ging weiter. Er musste nach New York. Von dort wollte er nach Chicago. Zuerst musste er aus dem Park. Sein Mantel war zerrissen, Blut tropfte auf den Kies, Blut rann auf den Boden. Hinter einem Gebüsch sank er nieder.

Als er die Augen öffnete, standen Jungen mit Schulranzen vor ihm. Sie schienen sich vor ihm zu fürchten. Einer erbrach sich ins Gras.

"Ruft ein Taxi."

Die Jungen rannten davon, er schleppte sich hügelabwärts weiter. Hoffentlich war das Geld nicht zerfetzt, er musste in die Vereinigten Staaten. Er sah das Blautürkisweiß des Meeres, über das Rochefort in einem Ruderboot aus Kaledonien geflohen war, nachdem er wegen seiner Rolle in der Kommune zu schwerer Zwangsarbeit verurteilt worden war. Manet, jetzt fiel es ihm ein, ein gewisser Manet hatte das gemalt. Zwei Parkwächter hasteten ihm entgegen. Als sie ihn erblickten, blieben sie wie angewurzelt stehen. Hier und da spiegelte sich Licht auf den sanften Wellen, der Himmel musste verhangen sein.

"Bringt mich nach Hause."

Er wollte erst nach Hause und dann nach New York. Zu seinem Bruder zuerst, zu Lucille. Einer der Männer lief los, der andere beugte sich über ihn. Sein Mund bewegte sich, seine Pupillen waren geweitet, er zog Martial den Mantel aus. Im Bauch war ein Krater, aus dem Blut quoll. Der Mann presste den Mantel darüber.

Ein Blick auf die Uhr

Da beugte sich ein anderer Mann über ihn. Unter dem schwarzen Mantel trug er einen weißen Kittel. Er richtete Martials Rücken etwas nach oben und führte ihm eine Flasche an den Mund. Die Flüssigkeit brannte seine Kehle hinunter. Er trank gierig, es schmeckte wie im International Restaurant. Etwas stieg von unten nach oben, wärmte seinen Kopf. Es war wieder gut, er wurde wieder gut, wie Rochefort würde er entkommen. Sie hoben ihn hoch, stützten ihn, da waren ein Wagen und ein Pferd, endlich konnte er liegen. Er versuchte, dem Parkwächter zuzulächeln. Der Gute hatte Wort gehalten.

Zu Hause legten sie ihn ins Bett. Er hatte einen Blick auf eine Uhr erhascht, die in der Zwischenzeit angebracht worden sein musste. 17 Uhr 15 war es gewesen. Sein Bruder war noch nicht da, was nicht weiter verwunderte, immerhin schuftete er täglich bis neun. Lucille war auf Schicht, sie würde bald kommen, wahrscheinlich waren seine Eltern schon unterwegs, aber das konnte dauern. Dafür waren andere Menschen da; allmählich erkannte er sie. Die einen waren aus dem Autonomie Club, die anderen von der "Nadel", sie hatten einen langen Weg hinter sich, wahrscheinlich hatte man sie ausgewiesen, vielleicht waren sie einer Ausweisung zuvorgekommen. Vielleicht sollten sie alle bleiben, jetzt, da sie immer mehr wurden. In der Hauptstadt des Kapitals, in der Hauptstadt des radikalen Exils. Der alte Anarchist mit dem weißen Kittel war aus Tours, Martial hatte bei ihm das Handwerk erlernt, mit seiner Rechten verlangte er nach der Flasche, Monsieur Laclos reichte sie ihm, beinahe hätte er ihn nicht erkannt, der Brandy war kein Brandy, sondern Cognac, er wärmte seinen Kopf, aber ihn -

"Mir ist kalt", sagte er.

Die Sklavenuhr an Shepherd's Gate zeigte 17 Uhr 40, als Martial Bourdin die Augen schloss. (Clemens Berger, Album, DER STANDARD, 6./7./8.12.2014)

Clemens Berger, geb. 1979 in Güssing, aufgewachsen in Oberwart, studierte Philosophie in Wien, wo er als freier Schriftsteller lebt.

  • Auf dem höchsten Punkt des Hügels stand das Königliche Observatorium, ein stattliches Gebäude aus rotem Backstein.
    foto: ap/matt dunham

    Auf dem höchsten Punkt des Hügels stand das Königliche Observatorium, ein stattliches Gebäude aus rotem Backstein.

  • Die Zeit war in Greenwich. Die absolute, verallgemeinerte Weltzeit. Greenwich Mean Time. Im Club scherzten sie bisweilen über das "mean". Es war eine gemeine Zeit, die dem Britischen Königreich schlug, Bombay mit London, die Falklandinseln mit Leeds verband.
    foto: epa/lindsey parnaby

    Die Zeit war in Greenwich. Die absolute, verallgemeinerte Weltzeit. Greenwich Mean Time. Im Club scherzten sie bisweilen über das "mean". Es war eine gemeine Zeit, die dem Britischen Königreich schlug, Bombay mit London, die Falklandinseln mit Leeds verband.

  • Im Königlichen Observatorium wurde einem Leben der Takt vorgegeben: die Zeit der Fabriken, die Zeit der Kasernen, die Zeit der Gefängnisse, die Zeit der Ämter, die Zeit der Sperrstunde.
    foto: ap/mark hipkin

    Im Königlichen Observatorium wurde einem Leben der Takt vorgegeben: die Zeit der Fabriken, die Zeit der Kasernen, die Zeit der Gefängnisse, die Zeit der Ämter, die Zeit der Sperrstunde.

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