Die roten Uhren Wiens

6. Dezember 2014, 10:00
62 Postings

Auf dem Weg in eine ferne Zukunft: Uhren, zumal wenn sie prominent an Bauten des Roten Wien platziert wurden, waren viel mehr als nur dekorative Zeitanzeiger. Sie beherrschten einst ganze Plätze und symbolisierten gesellschaftlichen und politischen Wandel

Wien-Favoriten, Reumannplatz: Von einer der zahlreichen Rolltreppen zügig an die Oberfläche befördert, nimmt man meist nur selten wahr, welch Architekturjuwel sich gleich nebenan befindet. Versteckt hinter mittlerweile haushohen Bäumen liegt das Amalienbad, eine Ikone des Roten Wien. Und noch weniger bemerkt man den imposanten Uhrturm, der die Spitze dieses monumentalen Bauwerks krönt. Doch weshalb eine Uhr, derart prominent platziert, an einem städtischen Schwimmbad? War sie einst mehr als nur dekorative Zeitanzeige? Von je weiter weg man auf sie blickt, umso deutlicher wird: Diese Uhr hat einst den ganzen Platz beherrscht - und nicht nur diesen.

Die Beschleunigung und Modernisierung des städtischen Alltags manifestierte sich in der Zwischenkriegszeit unter anderem in einer deutlichen Vermehrung der öffentlichen Uhren und einer bislang unbekannten politischen Aufladung derselben. Insbesondere ab 1922, als Wien zum eigenen Bundesland unter sozialdemokratischer Führung wurde und sich aufmachte, europaweites Vorzeigemodell für fortschrittliche Stadtpolitik zu werden. Uhren wurden zu wirkungsmächtigen Imageträgern und Symbolen für die neue Zeit, die nun unwiderruflich angebrochen sei.

Vorwärts-Gebäude

Prominente Bauten der Arbeiterbewegung erhielten weithin sichtbare Zeitanzeigen. Vorbild dafür war das schon vor dem Ersten Weltkrieg fertiggestellte "Vorwärts-Gebäude" in der Rechten Wienzeile. Errichtet nach Plänen der Architektenbrüder Hubert und Franz Gessner, fungiert es als Sitz der sozialdemokratischen Parteiführung sowie der Druck- und Verlagsanstalt Vorwärts, die unter anderem die Arbeiter-Zeitung herstellte. In dieser konnte man nach Eröffnung des Gebäudes am 20. Juli 1910 lesen: "Wir hoffen, das neue Haus wird unseren Genossen gefallen. Keinen überflüssigen Prunk werden sie finden, aber Zweckmäßigkeit, die allein schon Schönheit ist."

Als Schüler Otto Wagners war Hubert Gessner stets dessen Credo gefolgt, Ästhetik und Funktionalität bestmöglich zu vereinen. Das Haus an der Wienzeile wies eine schlichte, klar gegliederte Fassade auf. Ganz auf monumentale Wirkung bedacht, prangte im Zentrum - direkt über dem Vorwärts-Schriftzug - eine große Uhr mit vergoldeten Zeigern, flankiert von Fahnenmasten und zwei riesigen Sandsteinfiguren, "Arbeiter" und "Arbeiterin" darstellend. Ihr Design stammte von Hubert Gessner selbst.

Amalienbad

Ähnlich stolze Worte waren bei dem sechzehn Jahre später eröffneten Amalienbad zu vernehmen. Hier war nach nur dreijähriger Bauzeit eine der europaweit modernsten Badeanstalten entstanden - ein architektonischer Triumph der Arbeiterklasse. Das damals größte Bad Europas mit Platz für rund 1300 Besucher war mit neuesten Bade- und Hygieneeinrichtungen ausgestattet.

Während die Innenräume überaus dekorativ im Art-déco-Stil gestaltet waren, präsentierte sich auch hier die Außenansicht klar und nüchtern. Der Turm mit der Uhr, durch die abgestufte Bauweise effektvoll in die Höhe getrieben, wurde zum Blickfang für den gesamten Platz. Ihr Design stammte von Architekt Karl Schmalhofer, der für die künstlerischen Belange des Baus zuständig war, während sein Kollege Otto Nadel die technische Aufsicht innehatte.

Ästhetische Empfindungen

Bei der feierlichen Eröffnung am 8. Juli 1926 verkündete Bürgermeister Karl Seitz programmatisch: "Wir haben das Bad hier gebaut, um inmitten dieser Häuser, die wirklich den ästhetischen Empfindungen der heutigen Zeit nicht mehr entsprechen, auch ein Stück Schönheit aufzubauen, das unserer Zeit und hoffentlich noch einer langen fernen Zukunft entspricht." Nicht zufällig war es denn auch genau dieser Uhrturm, der auf einem städtischen Werbeplakat als zentrales Motiv dargestellt wurde und schon bald zur unschwer dekodierbaren Ikone des "Neuen Wien" avancierte.

Auch bei der Errichtung von Wohnbauten, dem Kernstück des sozialdemokratischen Reformprogrammes, spielten Uhren eine wichtige Rolle. Den Anfang machte der Floridsdorfer Schlingerhof, Mitte der 1920er-Jahre nach Plänen von Hans Glaser und Karl Scheffel errichtet. Seine repräsentative Hauptfront öffnete sich zum ebenfalls neu geschaffenen Floridsdorfer Markt. Der etwas erhöhte Mittelteil wurde von einem Uhrtum mit einem Helm aus Kupferblech gekrönt, der dem gesamten Bau ein unverwechselbares Aussehen verlieh. Eine Großwohnanlage, die der propagandistischen Bezeichnung "Volkswohnungspalast" alle Ehre machte, schuf sodann Hubert Gessner mit der ebenfalls in Floridsdorf gelegenen Gartenstadt Jedlesee (ab 1951 Karl-Seitz-Hof). Der durch zahlreiche grüne Innenhöfe strukturierte Superblock beeindruckte durch die halbrunde Hauptfront, die einen Ehrenhof umschloss und an einem Ende einen mehrfach gestaffelten Turm aufwies, an dessen Spitze ebenfalls eine riesige Uhr thronte.

Kreisrunde Elemente

Bei deren Gestaltung zielte der uhrenaffine Gessner ganz auf Fernwirkung ab, indem er die Ziffern durch deutlich erkennbare kreisrunde Elemente ersetzte. Die auffallende Zeitanzeige sollte allerdings nicht lange bestehen bleiben. Knapp zwei Jahre nach Fertigstellung wurde der Uhrturm im Zuge der Kampfhandlungen des Bürgerkriegs schwer beschädigt. .

Der absolute Uhren-Höhepunkt folgte sodann mit der Errichtung einer Riesenwohnanlage am Friedrich-Engels-Platz im Arbeiterbezirk Brigittenau. Der nach Plänen von Rudolf Perco entworfene Engelsplatzhof (Engelshof) ging mit insgesamt 1467 Wohnungen als zweitgrößter Wohnbau in die Geschichte des Roten Wien ein. Um einen zentralen Binnenhof gruppierten sich mehrere Wohnhöfe, der Eingangsbereich war als Torsituation mit hochaufragenden Wohntürmen und emporstrebenden Pfeilern mit Fahnenmasten konzipiert. Entstanden in den Jahren 1930 bis 1933, entwickelte Perco einen bemerkenswerten Reichtum an kubischen und dynamischen Formen. Deren Expressivität kam insbesondere bei dem am äußersten Rand der Anlage gelegenen Schlot der Dampfwäscherei zur Geltung, der zum markanten Uhrturm umgestaltet wurde. Assoziationen mit der Zeichenhaftigkeit von Geschlechter- oder Kirchentürmen waren durchaus beabsichtigt.

Schlot der großen Zentralwäscherei

Percos Hang zur monumental-repräsentativen Bauweise hatte Wien in den Augen seiner Zeitgenossen nichts weniger als ein neues Wahrzeichen beschert. Das Kleine Blatt berichtete im Juli 1933 euphorisch: "Nicht nur durch seine weiße, reich gegliederte Fassade, sondern auch durch seinen Uhrturm ist der Engelshof weithin sichtbar. Von Döbling und von Floridsdorf, vom Kahlenberg und vom Bisamberg, von der Bahn und vom Schiff aus sieht man schon von weitem diesen großen Bau. Der Uhrturm mit der größten Uhr Wiens ist eigentlich der Schlot der großen Zentralwäscherei. Durch die Verkleidung ist dieser Rauchschlot zu einem neuen Wahrzeichen Wiens geworden, das dem ganzen Bau sein Gepräge gibt."

Unter der sozialdemokratischen Ägide völlig zum Erliegen gekommen waren neue Uhren an Kirchtürmen. Die Gemeindebauten waren explizit "kirchenlos" geblieben, im Einklang mit der herrschenden Parteiideologie, deren antiklerikale Grundzüge sich auch in zahlreichen weiteren Maßnahmen gegen die katholische Kirche manifestierten.

Rekatholisierung

Eine konservative Gegenbewegung formierte sich. Ab März 1933, mit Beginn des austrofaschistischen Ständestaates, änderten sich die politischen Rahmenbedingungen zugunsten der kirchenfreundlichen Kräfte. Gezielte Maßnahmen zur Rekatholisierung begannen. In einem ersten Schritt richtete man in allen größeren Gemeindebauten provisorische Sakralräume ein, die Gewinnung der Arbeiterschaft und deren Wiederverchristlichung war vorrangiges politisches Ziel. Von besonderer symbolischer Bedeutung war der Bau einer Kirche im Ottakringer Sandleitenhof, Wiens größtem Gemeindebau. Das Gotteshaus wurde 1935/36 nach Plänen des Peter-Behrens-Schülers Josef Vytiska errichtet und dem heiligen Josef, dem Schutzpatron der Arbeiter und Werkleute (sic!), geweiht. Mit dem unübersehbaren Glockenturm und der modernen Uhr inmitten einer roten Hochburg gelegen, wurde der Bau von der Arbeiterschaft allerdings keineswegs als Akt der Versöhnung empfunden - gegnerische Propaganda direkt im eigenen Revier. Was war die Uhr an der Kirche anderes als eine Provokation? (Peter Payer, Album, DER STANDARD, 6./7./8.12.2014)

Peter Payer ist Historiker und Stadtforscher. Sein neues Buch "Die synchronisierte Stadt. Öffentliche Uhren und Zeitwahrnehmung, Wien 1850 bis heute" erscheint 2015 bei Holzhausen.

  • Seit 2007 haben die Wiener Würfeluhren eine Sponsor. Die "Wiener Städtische" übernahm die Kosten für die Erneuerung der Uhren.
    foto: robert newald

    Seit 2007 haben die Wiener Würfeluhren eine Sponsor. Die "Wiener Städtische" übernahm die Kosten für die Erneuerung der Uhren.

Share if you care.