Was ist Zeit?

Ansichtssache5. Dezember 2014, 18:26
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Der Jahreswechsel stellt für jeden Menschen eine Zäsur dar: Es ist die Zeit, Bilanz zu ziehen - und üblicherweise auch, Vorsätze zu fassen. Sich mehr Zeit für dieses und jenes zu nehmen gehört häufig dazu. Aber was ist Zeit eigentlich? Warum haben wir subjektiv unterschiedliche Wahrnehmungen, obwohl man Zeit objektiv messen kann? Wir haben in der Redaktion diese Fragen diskutiert und Vorschläge für journalistische Beiträge gesammelt: Wir hätten mehr als diese eine Schwerpunktausgabe füllen können. Für Lisa Nimmervoll, die diese Ausgabe erneut koordiniert hat, war die Auswahl diesmal besonders schwierig. Das trifft auch auf die Werke des Künstlers Thomas Baumann zu, der sich mit dem Thema Zeit schon lange beschäftigt. Simon Klausner hat eine eigene Bildsprache für diese Zeitung entwickelt. Ich wünsche Ihnen viel Zeit für die Lektüre.

Alexandra Föderl-Schmid, Chefredakteurin

foto: jörg burger

"Untitled" heißt eine Werkserie von Thomas Baumann, für die er seit 2010 rund 20 alte Industrieuhren aus Bahnhöfen, Schulen oder Büros zerlegt, gereinigt und teilweise neu lackiert hat. Die grauen runden Uhren sind meist Bauhaus-Design, die quadratischen kommen aus dem ehemaligen Ostblock. Es gibt auch kleine mit Holzsockel, die als Labor-Stoppuhren dienten, und eine Uhr aus China, wo Baumann einige Zeit gelebt und gearbeitet hat. Nach der "Entkernung" wird das Glas neu eingesetzt und - soweit möglich - kontrolliert zerschlagen. Übrig bleibt eine Uhr, die keine ist - und doch eine.

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foto: brad killam, the suburban, chicaco, 2013

Der Zahn der Zeit nagte buchstäblich an Friedrich August Hayeks Buch "Die Verfassung der Freiheit", das in der englischen Version in Detroit den Gesetzen der Natur ausgesetzt war. Aber auch die Uhr im Hintergrund, die im öffentlichen Raum die Zeit anzeigte, hatte das Zeitliche gesegnet - bis Künstler Thomas Baumann sie kaufte, zerlegte, wieder zusammensetzte und alleine durch die Formensprache des bloßen Gehäuses in einem neuen Zusammenhang eine weitere Geschichte anfangen ließ.

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foto: derek li wan po

"Welle": Während der Art Basel 2008 montierte Thomas Baumann im Bassin am Messeplatz vor dem Haupteingang einen Glaskanal mit integrierter Wellenmaschine.

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foto: thomas baumann, the suburban, chicago, galerie nicolas krupp, basel 2011

"The Constitution of Liberty": Marcel Duchamp gab 1918 seiner Schwester als Hochzeitsgeschenk eine Telegrammanweisung, sie möge ein Geometriebuch an ihrem Balkon befestigen, um so die Gesetze der Geometrie mit den Gesetzen der Natur zu prüfen - "The Unlucky Readymade". Thomas Baumann griff diese Idee 2011 auf und konfrontierte in Detroit das Buch "Die Verfassung der Freiheit" von Friedrich August Hayek mit den Bedingungen der US-amerikanischen Stadt nach dem Zusammenbruch der Autoindustrie. 14 Monate lang hing das Buch Tag und Nacht - gefilmt von einer Videokamera - in Sichtweite der aufgelassenen, leeren Central Station, die mittlerweile Ikone und Wahrzeichen für den Verfall der Stadt geworden ist.

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foto: viktor kolibal, thomas baumann, kunsthaus baselland, renaissance society, chicago, galerie elisabeth und klaus thoman, wien 2014

"Tau Sling": Bei dieser kinetischen Arbeit von Thomas Baumann treibt ein Motor ein dickes Tau, das in einem auf dem Boden liegenden Spiegel reflektiert wird, ununterbrochen an. Durch die stetige Bewegung des Seils an der Wand, die immer neue Formen erzeugt, reibt es sich im Lauf der Zeit an den führenden Spulen ab.

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foto: viktor kolibal, thomas baumann, kunsthaus baselland, renaissance society, chicago, galerie elisabeth und klaus thoman, wien 2014
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foto: viktor kolibal, thomas baumann, kunsthaus baselland, renaissance society, chicago, galerie elisabeth und klaus thoman, wien 2014
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foto: thomas baumann 2006

"Paintings, Stripes and Drips": Mit einer selbstkonstruierten "Malmaschine" trägt der Künstler Thomas Baumann mittels Ölkreiden oder computergesteuerten Luftpinsels Farben auf eine Leinwand auf - oder wie in diesem Bild kontrollierte Tropfen mittels einer integrierten Dialysepumpe. Der dynamische Wechsel der Farben durch verschiedene Programmsamples ist vergleichbar mit der Arbeit eines DJs.

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foto: viktor kolibal, sammlung belvedere, wien 2013

"Wallsilver": Eine silberfarbene Hülle (180 x 180 x 30 cm) aus Ballonseide wird durch mechanisch betriebene Antennen im Inneren, die ein- und ausfahren, auf- und wieder zusammengefaltet. Ohne menschliches Zutun, allein durch den sich wiederholenden maschinellen Prozess in einer bestimmten Zeit entsteht ein Figurenzyklus, dem zufällige Subjektivität eingeschrieben ist.

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foto: viktor kolibal, sammlung belvedere, wien 2013
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foto: viktor kolibal, sammlung belvedere, wien 2013
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foto: viktor kolibal, sammlung belvedere, wien 2013
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foto: rudolf strobl / galerie krobath, wien 2014

"The Big Why": In seinen Arbeiten bezieht sich der Künstler Thomas Baumann immer wieder auf maschinelle Prozesse und ihre Beziehung zur Zeit, die sich im Lauf der industriellen Revolution stark verändert hat. Im "großen Warum" hat Baumann eine an eine Uhr erinnernde Mechanik gebaut, bei der sich ein Zeiger hin- und herbewegt - allerdings ohne dass die Intervalle genormt sind. Die Zeigerbewegung beruht einzig auf der Schwerkraft und der Länge des verwendeten Seils.

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foto: josef nermuth

Thomas Baumanns Skulptur "Lissa", deren Name sich auf den französischen Physiker Jules Antoine Lissajous (1822 - 1880) bezieht, aber nicht ganz zufällig auch an einen Frauennamen erinnert, ist an der Fassade der Neuen Galerie Graz installiert und schreibt eine 8, das Zeichen für Unendlichkeit, in den Raum. Am Ende der Konstruktion befindet sich eine LED-Lichtkugel, deren 100 LEDs in unterschiedlichen Tempi und Abfolgen funkeln.

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foto: thomas baumann

Linien in allen Farben und Formen spielen in der künstlerischen Arbeit von Thomas Baumann seit langem eine besondere Rolle. Er ersetzt dabei die Hand des Künstlers durch ein lineares, computergesteuertes System, das nach einem vom Künstler selbstentwickelten Programm Farbe mittels Ölkreiden oder Luftpinsel aufträgt.

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foto: viktor kolibal, kunsthaus baselland, galerie krobath, wien 2014

"Light Carpet": Durch sich drehende Lichtröhren werden Lichtfelder in unterschiedlichen Farben erzeugt. Die Leuchtstoffröhren sind computergesteuert, der elektronisch vorgegebene Zeitablauf schafft einen sich permanent wandelnden Farbverlauf. Das Ende des Programms ergibt ein hundert Prozent weißes Licht.

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foto: viktor kolibal, kunsthaus baselland, galerie krobath, wien 2014
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foto: viktor kolibal, kunsthaus baselland, galerie krobath, wien 2014
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foto: thomas baumann

"Shape ’n Shade for a Black and White Rope": Diese Skulptur von Thomas Baumann besteht aus schwarzen und weißen Seilen, die miteinander verflochten sind und die Diversität ethnischer Zugehörigkeit symbolisieren. Sie werden durch eine elektronische Steuerung bewegt und in immer andere geometrische Formen gebracht.

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foto: thomas baumann 2011

"Painting, Stripes and Drips": Seit eineinhalb Jahrzehnten beschäftigt sich der Künstler Thomas Baumann mit abstrakter Malerei, umgesetzt durch eine Maschine. Nicht mit der Hand, sondern durch ein von ihm programmiertes Computersystem mit verschiedenen Timern werden Farben in einer bestimmten Rhythmik aufgetragen - hier durch einen Luftpinsel.

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foto: thomas baumann, installation wien süd, 2009 -2011

Unter dem Werktitel "Booking Duchamp"inszenierte Künstler Thomas Baumann 2008/09 eine "Wiederaufführung" von Marcel Duchamps "The Unlucky Readymade" (1918)in einem Garten südlich von Wien. Nach 13 Monaten hat sich das Buch aufgelöst.

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