Über langes Warten, kurze Intervalle, ein Zeitloch und ein Zweitaktleben

8. Dezember 2014, 10:00
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Vier Menschen erzählen von ihren Erfahrungen mit der Zeit

Gefangener Markus Drechsler

Im Haftraum, auf unbestimmte Zeit

Zu Beginn war es ein Schock: mit Fremden eine Zelle zu teilen, nicht zu wissen, wie lange noch. 24 Stunden am Tag dieselben Menschen zu sehen, zu hören, zu riechen - Männer, die "gerade an einem schwierigen Punkt in ihrem Leben angelangt sind", wie Markus Drechsler meint. Das war die U-Haft. Mit dem Urteil wegen eines Gewaltdelikts kam immer noch keine Gewissheit, wann er wieder frei sein würde. Das Gericht stufte ihn als geistig abnorm ein, er kam in den Maßnahmenvollzug. Und das heißt: unbefristete Haft.

foto: www.corn.at, heribert corn

Seit drei Jahren ist die Justizanstalt Mittersteig Drechslers Wohnadresse. Wie lange noch, weiß er nicht. Darüber nachzudenken würde ihn verrückt machen, darum "nehme ich es buddhistisch": "Ich bin hier, kann es nicht ändern, also mache ich das Beste draus." Vormittags arbeitet er in der Gefängnisbibliothek. Er hat ein Studium begonnen. Er liest viel und schreibt Tagebuch. Trotzdem "ziehen sich die Nachmittage ziemlich", sagt er. Beim Warten auf das Ungewisse wird die Zeit allmählich zu Blei. "Wer frisch reinkommt, ist noch motiviert", sagt Drechsler - motiviert zu lesen, zu arbeiten, regelmäßig zu duschen. "Dann resignieren viele und sagen: "Ist eh wurscht, was ich mach' - es ändert sowieso nix." Die Zeit vergeht dann noch langsamer. Derzeit hat Drechsler einen Termin, auf den er hinarbeiten kann: seine Anhörung vor Gericht, die nächste Chance auf Entlassung. Geht sie schlecht aus, muss er hierbleiben - auf unbestimmte Zeit. Doch daran denkt er jetzt einmal nicht. (Maria Sterkl, DER STANDARD, 6.12.2014)



Straßenbahnerin Elisabeth Urbanek

Neuneinhalb Stunden auf Schiene in Wien

Die Fähigkeit des Menschen, ruhig auf die nächste Bahn zu warten, scheint zu verkümmern. "Trotz der kürzeren Intervalle sind die Leute gestresster als früher", sagt Elisabeth Urbanek. Die 46-Jährige muss es wissen: Seit 23 Jahren lenkt sie Straßenbahnen über die Schienen der Bundeshauptstadt. Am liebsten den O-Wagen, weniger gern den Sechser, "der ist immer voll". Eine volle Garnitur bedeutet längere Stationsaufenthalte, was oft Verspätungen nach sich zieht, die es dann aufzuholen gilt. Das schlaucht, die neuneinhalb Arbeitsstunden vergehen aber schneller, "wenn viel los ist". Urbanek bevorzugt den Frühdienst. Für pünktliches Erscheinen um 4.15 Uhr läutet in ihrem Zuhause in Niederösterreich um 2.45 Uhr der Wecker.

foto: regine hendrich

Der gelernten Einzelhandelskauffrau gefielen "typischen Männerberufe" immer besser. Als sie noch Schuhe verkaufte, machte ihr Vater sie darauf aufmerksam, dass Straßenbahnfahrerinnen gesucht wurden. Die gebürtige Wienerin bewarb sich, obwohl sie nicht glaubte, eine Chance zu haben. Heute lenkt sie neben Standardbahnen auch die Ring-Tramway für Touristen. "Das ist eine schöne Abwechslung. Touristen haben ein ganz anderes Tempo."

Urbanek mag den Kontakt zu Fahrgästen, der "früher mehr" war, weiß den Schutz der Fahrerkabine in den moderneren Garnituren aber zu schätzen. 2007 hat ihr ein Fahrgast ins Gesicht geschlagen. Sie kam mit einer Nasenprellung davon. Trotz solcher Vorkommnisse fährt sie "immer noch leidenschaftlich gerne". (Gudrun Springer, DER STANDARD, 6.12.2014)



Amnesiepatientin und ihr Zeitloch

Ein Vormittag, für immer gelöscht

Drei Stunden, ob schön, stressig oder langweilig, Petra (Name auf Wunsch geändert) hat keine Ahnung. Sie weiß nur, dass es drei Stunden an einem Sonntagvormittag im August 2014 waren. Die zwei Kinder urlaubten bei den Großeltern, ihr Mann und sie konnten mal wieder nur so in den Tag hineinleben. Petra las auf dem Sofa und dann? Dann nahm sich ihr Kurzzeitgedächtnis eine Auszeit - einfach so, ohne Grund. "Meine nächste Erinnerung ist, dass ich bei einer Ärztin im Behandlungszimmer sitze. Ich war verzweifelt, in Panik." Ihr Mann erzählte, dass sie verwirrt gewirkt und immer wieder dasselbe gefragt habe, weshalb er seine Frau ins Wagner Jauregg, in die Landesnervenklinik Linz, gefahren habe. Petra muss sich "noch gewaschen, angezogen und die Sachen gepackt haben, sogar das Buch habe ich mitgenommen. Daran kann ich mich nicht mehr erinnern."

Temporäre Amnesie lautete die Diagnose. Petra bekam Infusionen und erlangte ihr volles Bewusstsein zurück. Doch der Sonntagvormittag bleibt aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Für immer, wie die Ärztin ihr sagte. "Die drei Stunden sind in meiner Biografie nicht mehr enthalten."

Nach wie vor findet sie das beängstigend. Vor allem weil von einer auf die andere Sekunde ihr Gehirn boykottierte, und die Ärzte keine Ursache fanden. Demnach kann ihr auch niemand die Frage beantworten, ob sie noch einmal in ein Zeitloch fallen könnte. Ihren Kindern hat die Mutter von alldem nichts erzählt. Deshalb will sie weder ein Foto von sich in der Zeitung haben, noch mit ihrem richtigen Namen genannt werden. (Kerstin Scheller, DER STANDARD, 6.12.2014)



Arbeiter Hülya und Uruk Cimen

Familienleben im Schichtbetrieb

Hülya und Ufuk Cimen führen ein Leben im Zweischichtentakt. Er kommt, sie geht. Sie kommt, er geht. "Damit immer jemand für die Kinder da ist, wir wollen sie nicht allein lassen", sagt Ufuk Cimen. 18 Jahre war Hülya (41) daheim bei den beiden Töchtern Büsra und Beyza. "Zehn Tage war Büsra alt, als ich bei Collini angefangen habe", erinnert sich der 40-jährige Schichtleiter. 15 Jahre später fand auch seine Frau beim Hohenemser Metallveredler Arbeit. Und seither hat sich alles verändert.

foto: stiplovsek dietmar

Genau eingeteilt sei ihre Zeit nun, sagt Hülya Cimen: Arbeit, Haushalt, "ein bisschen spazieren". Früher habe sie das Tempo bestimmt, jetzt tut es der Vierschichtbetrieb. Sie arbeitet sieben Tage die Woche, hat dann zwei Tage frei und ein langes Wochenende pro Monat. Früh-, Nachmittags- und Nachtschicht wechseln wöchentlich. Ihr Mann Ufuk hat eine Fünftagewoche und drei Schichten. Vier Schichten, das habe er nicht lange ausgehalten. "Da ist mein ganzer Rhythmus durcheinandergekommen." Hülya hingegen braucht "nur wenig Schlaf, vier, fünf Stunden sind genug" . Er sei ein Morgenmuffel, gesteht Ufuk Cimen: "In der Schicht wissen sie, dass ich vor sieben Uhr nicht ansprechbar bin." Gemeinsame Zeit ist bei den Cimens knapp. Umso mehr freuen sie sich auf den Weihnachtsurlaub: "Die zwei gemeinsamen Wochen wollen wir als Familie gut nützen." (Jutta Berger, DER STANDARD, 6.12.2014)

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