Die ephemere Tyrannin

5. Dezember 2014, 17:26
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Von Literatur, der Zeit und ihrem Vergehen

Für die moderne Physik ist Zeit eine Illusion. Aus dem Alltagsleben hingegen wissen wir, dass die "ephemere Tyrannin" verschiedene Ausprägungen annehmen kann. Wer einmal die letzte Schulstunde vor den Ferien durchgelitten hat, weiß ein Lied davon zu singen. Zudem dauert ein Moment für unser Gehirn geschlagene drei Sekunden. Wenn wir etwas Neues sehen, betrachten wir es drei Sekunden, dann ist der "Augenblick" vergangen, und wenn wir jemandem die Hand schütteln, dauert es drei Sekunden. Danach wird es peinlich - oder eine Liebesgeschichte.

Was wäre wenn?

Das Festhalten des Augenblicks und das Speichern von Zeit in der Erinnerung sind von Anfang an ein Thema von Literatur und des Romans gewesen. "Was wäre wenn?" - beispielsweise, was wäre, wenn nicht der Angeklagte, sondern der Richter den Krug zerbrochen hätte - heißt eine der großen Fragen der Literatur. "Weißt du noch?", lautet die zweite. "Es war einmal" bedeutet: Es ist für immer. Dieser Aspekt interessierte Proust in der Suche nach der verlorenen Zeit.

In eine andere Richtung geht Thomas Mann im Zauberberg, in dem er die stillgestellte Sanatoriumszeit seines Castorp mit der Ruhe vor dem Sturm des Ersten Weltkriegs querschneidet. Und Borges lässt die Erzählung Das geheime Wunder in der Sekunde zwischen dem Befehl "Feuer" und dem Einschlag der Kugeln spielen, die den zum Tode verurteilten Schriftsteller Hladik töten. In diesem Moment gewährt Gott Hladik, damit dieser im Geiste sein Drama Die Feinde abschließen kann, ein weiteres Jahr - das sich in einer Sekunde kondensiert.

Und: Weißt du noch?

In Grass' Blechtrommel vergeht die Zeit ganz normal, nur nicht für Oskar Matzerath, der sie (und das eigene Wachstum) mit Trommelschlägen anzuhalten vermag. "Die Zeit gibt es nicht", sagt auch Köhlmeiers Joel Spazierer.

Martin Knupp in Martin Suters Die Zeit, die Zeit sieht das ähnlich. Eine Menge Prügel fängt sich, um einen noch zu nennen, jener spanische Junker ein, der sich nicht dazu durchringt, die Welt seiner Ritterromanlektüren durch die profane Wirklichkeit seines Zeitalters zu ersetzen. Quijote ist aus der Zeit gefallen, doch er zeigt, dass der reine Tor im Handgemenge mit der Realität zuweilen über ein geheimes Wissen über jene Welt verfügt, die ihn zum Narren macht. (Stefan Gmünder, Album, DER STANDARD, 6./7.12.2014)

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