Verein zur Verzögerung der Zeit: "Entspannung ist eine Haltung"

Interview8. Dezember 2014, 10:00
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Der Fortschritt schenkt uns Zeit, statt diese zu genießen, stopfen wir sie mit Erlebnissen voll, sagt Vereinsvorstand Liebmann

STANDARD: Wie kam es, dass Sie Mitglied im Verein zur Verzögerung der Zeit geworden sind?

Liebmann: In einer für mich beschleunigten Phase habe ich eine Auszeit bei einem philosophischen Symposium genommen. Dort hatte ich den ersten Kontakt mit Zeitverzögerern. Die Ideen haben mich fasziniert.

STANDARD: Was genau macht der Verein?

Liebmann: Wir laden die Menschen zum Innehalten und zur Reflexion ein. Das passiert auch mit Interventionen. Wir haben zum Beispiel Gedichte in Flaschen gesteckt und diese aus dem Wasser gefischt. Anfangs wollte keiner der Passanten eine Flaschenpost annehmen, weil jeder zuerst dachte, wir wollen Heizdecken verkaufen. Am Ende sind Jung und Alt zusammengesessen und haben sich die Gedichte vorgelesen. Dieses Bild werde ich nie vergessen. Es geht uns darum, die Menschen aus der Tempo-Denke herauszulocken. Die Beschleunigung ist eines der großen kulturellen und auch gesellschaftlichen Probleme.

STANDARD: Eigentlich müsste es doch umgekehrt sein. Die Technik erleichtert unser Leben. Unsere Großmütter mussten mit dem Waschbrett stundenlang Wäsche waschen. Wir stopfen alles in eine Maschine. Warum schafft das keinen Zeitgewinn?

Liebmann: Wir könnten wirklich herrlich leben, weil uns die Technik die unangenehme Arbeit abnimmt. Wir haben durch unsere Endlichkeit aber den Drang, das Paradies schon vor dem Tod zu erleben. Das machen wir nicht, indem wir entschleunigen und die frei gewordene Zeit genießen, sondern indem wir sie sofort wieder füllen, um die steigende Zahl an Optionen auszunutzen und immer mehr zu erleben. Die Taktfrequenz nimmt mit jeder Technik zu. Wir könnten ja etwas versäumen. Das ist aber ein Trugschluss. Es geht nicht um ein ge-fülltes, sondern um ein er-fülltes Leben.

STANDARD: Wie schafft man den Schritt vom ge- zum er-füllten Leben?

Liebmann: Man muss innehalten und fragen, was einem wirklich wichtig ist. Dann stellt man fest, dass man viele Dinge tut, die einem nicht wirklich wichtig sind. In fast allen Lebenslagen herrscht inzwischen das Prinzip des Wettbewerbs. Das ist der Motor für Beschleunigung. Aber ein erfülltes Leben ist eines, das in Resonanz mit der Welt ist. Für solche Beziehungen braucht es Zeit.

STANDARD: Warum fällt es so schwer, sich rauszunehmen aus dieser Hektik?

Liebmann: Ich fürchte, wir sind süchtig. Es ist wie mit Drogen. Wir sind im ständigen Rausch der Optionen und haben nie genug. Drogenabhängige werden irgendwann leer, der Rausch höhlt sie aus. 'Nein' zu sagen hört sich leicht an. Ist es aber nicht. Unsere Gesellschaft ist durchdrungen von dem Gedanken, möglichst viel möglichst schnell zu erleben.

STANDARD: Vom Rausch der Optionen bleibt auch nicht viel. Immer mehr Menschen leiden an Burnout ...

Liebmann: Dass uns die Luft ausgeht, ist klar. Es ist sicher ein geniales Gefühl, wenn ich 100 Meter in weniger als zehn Sekunden laufen kann. Aber wenn ich das den ganzen Tag mache, werde ich atemlos. Ständig Gas zu geben ist wider unsere Natur, das macht uns krank und brennt uns aus. In einem erfüllten Leben kann es nicht nur ums Tempo gehen, sondern um die Qualität.

STANDARD: Qualität wird in der Wirtschaftswelt immer wichtiger. Zeitgleich wird in Betrieben gespart, und oft muss eine Person den Job von zweien erledigen. Wie kommt man da zu mehr Erfüllung?

Liebmann: Als Individuum hat man kaum Chancen, da rauszukommen. Die Krux ist: Mit der Frage, wie man das alles hinbekommt, bürdet man sich noch mehr auf. Der Körper holt sich Pausen dann über Krankheiten. Lösen können wir das nur gesellschaftlich mit kollektivem Widerstand gegen die ungebremste Ökonomisierung und gegen die zunehmende Verdichtung von Zeit. Wir hören so oft, dass es um die Qualität ginge. Ich glaube, dass es leider meistens um Quantität und Preis geht.

STANDARD: Aus Angst vor Jobverlust traut sich aber nicht jeder, zu widersprechen.

Liebmann: Das stimmt. Die Angst ist ja leider auch berechtigt. Die Frage ist, warum wir dieses System so verinnerlicht haben. Dass wir dauernd denken, wir müssten noch mehr leisten. Das hat viel mit dem Wettbewerb zu tun, der mittlerweile alle Lebensbereiche erfasst hat. Oft nehmen wir das gar nicht mehr als Fremdbestimmung wahr und gehen in die Selbstausbeutung. Mit individueller Freiheit hat das nichts mehr zu tun. Mit zunehmender Ökonomisierung verlieren wir unsere Souveränität. Ohne die fällt es uns aber noch schwerer, zu widersprechen. Öffentliche Räume ohne Wettbewerbsprinzip werden weniger.

STANDARD: Dafür gibt es aber immer mehr Wellness-Oasen ...

Liebmann: Natürlich, weil dort kann ich mir Entspannung kaufen. Wir lassen uns weismachen, wie Maschinen wieder repariert werden zu können. Entspannung ist aber eine Haltung. Muße kann man nicht kaufen. Das muss ich selbst kultivieren - am besten zusammen mit anderen Menschen. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, 6.12.2014)

Martin Liebmann (48) ist Markenberater und Moderator, seit 2003 ist er Mitglied und mittlerweile im Vorstand des Vereins zur Verzögerung der Zeit, der 1990 von Peter Heintel, Professor an der Uni Klagenfurt, gegründet wurde.

  • Der Verein zur Verzögerung der Zeit will "Menschen aus der Tempo-Denke herauslocken" - und hat einmal Gedichte in Flaschen gesteckt und aus dem Wasser gefischt. "Anfangs wollte keiner der Passanten eine Flaschenpost annehmen, weil jeder zuerst dachte, wir wollen Heizdecken verkaufen. Am Ende sind Jung und Alt zusammengesessen und haben sich die Gedichte vorgelesen."
    foto: dpa / friso gentsch

    Der Verein zur Verzögerung der Zeit will "Menschen aus der Tempo-Denke herauslocken" - und hat einmal Gedichte in Flaschen gesteckt und aus dem Wasser gefischt. "Anfangs wollte keiner der Passanten eine Flaschenpost annehmen, weil jeder zuerst dachte, wir wollen Heizdecken verkaufen. Am Ende sind Jung und Alt zusammengesessen und haben sich die Gedichte vorgelesen."

  • "Wir lassen uns weismachen, wie Maschinen wieder repariert werden zu können", Martin Liebmann.
    foto: dierk topp

    "Wir lassen uns weismachen, wie Maschinen wieder repariert werden zu können", Martin Liebmann.

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