STANDARD-Redakteure und "ihre" Zeit

5. Dezember 2014, 18:19
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Oder: über Aufschieber und Zuspätkommer, Entschleuniger und Zeiträuber und das Monster, das auch ein Glück sein kann

Proaktiv prokrastinieren
Es ist ja so unfassbar viel zu erledigen! Manische Selbstablenkung und nagende Versagensängste dulden keinerlei Aufschub. Gnadenloser Perfektionismus und kapitale Vollleistungsstörungen sind nur durch beständiges, gewissenhaftes Training auf akzeptablem Niveau zu halten. Und bekanntlich stellen sich galliger Widerwillen und eine unbändige Unlust gegen jede Art der Fremdbestimmung (Arbeit, Freizeit usw.) auch nicht von allein ein. Genauso wenig wie ein schlechtes Gewissen und Minderwertigkeitsgefühle, die alle weiteren Tätigkeitsimpulse mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auszuschließen vermögen.

"Ohne Disziplin und harte Arbeit muss jeder Prokrastinationsversuch blasser Abklatsch wirklich großer ,Aufschieberitis' bleiben", ist in einer Fachstudie der Berater von "Das Zeitverschwendungs-Contor" zu lesen. Und: "Prokrastination kann nur proaktiv gelingen!"

Die Profis empfehlen ungeübten Zeitverplemperern deshalb etwa, aus eigenem Antrieb Zitate berühmter Leute zu suchen, um ihre Sache in die Länge zu ziehen. Zum Beispiel mit Tolstoi: "Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann." Ihr Autor hat diesen Tipp und auch alles Weitere geflissentlich beherzigt. Dennoch ist dieser Text als allererster dieser Ausgabe fertiggeworden. Warum? An der perfekt vorbereiteten Schreibblockade kann es nicht gelegen haben.

Christoph Prantner



Nudeln und Lockenwickler
Essenseinladung bei Freunden in Mexiko um acht Uhr abends. Die ersten Male war ich so pünktlich wie peinlich berührt, als mir die Hausherrin mit Schürze und Handtuch auf dem Kopf die Tür öffnete und mich entgeistert anstarrte. Umgekehrt wurden bei mir zu Hause bei Festen die Nudeln kalt und der Salat letschert, wenn es bereits 21 Uhr war und immer noch keiner der für 20 Uhr geladenen Gäste aufgetaucht war. Erst als ich schon resigniert den Pyjama anziehen wollte, klingelte es - und es stieg doch noch eine tolle Party.

"Nein, die Uhren gehen nicht anders in Lateinamerika, wir Latinos haben nur ein entspannteres Verhältnis zur Zeit", erklärte mein brasilianischer Freund Eduardo. Gute Ausreden finden sie auch immer: Mal ist es der Feierabendverkehr, ein andermal der kranke Hund oder die Tochter, die man noch schnell vom Ballett abholen muss. Meine Freundin Susanne schreibt auf ihre Einladungen inzwischen mit Druckbuchstaben "deutsche Zeit" - aber das hilft nur bei Deutschen.

Ich bin wohl schon zu lange hier und habe mich inzwischen angepasst, komme üblicherweise zwischen 15 und 60 Minuten zu spät - je nach Anlass. Neulich passierte mir etwas Merkwürdiges: Als ich zehn Minuten zu spät zum Interviewtermin losfuhr, rief mich auf halber Strecke besorgt der (mexikanische) Gesprächspartner an, wo ich denn bliebe. Seither stecke ich in einer Identitätskrise.

Sandra Weiss



Lob der Pünktlichkeit
Berlin-Neulinge sind leicht zu erkennen. Sie kommen permanent zu spät. Niemand verübelt ihnen dies, fast jeder unterschätzt anfangs die Entfernungen, verliert zwischen den beiden Zentren (Ost und West), auf den langen Geraden viele Minuten.

Irgendwann wird es besser. Und dennoch: Das Zuspätkommen bleibt. Zehn Minuten, 15 Minuten. Schreiduelle im Café, Wutausbrüche vor Besprechungen, einer fehlt immer.

"Pünktlichkeit stiehlt uns die beste Zeit", sagte Oscar Wilde, und er kannte noch gar keine hochpräzise Atomuhr. Psychologen meinen, dass ewig Unpünktliche sich gegen den Verlust ihrer Selbstautonomie wehren. Sie haben Schwierigkeiten, sich Abmachungen zu unterwerfen. Da werden 15 Minuten zum Protest.

Pünktlichkeit gilt vielen als langweilig, spießig und Mittelmaß. Wer "just in time" zur Verabredung kommt, der hat womöglich keine anderen wichtigen Dinge zu tun und zu viel Zeit.

Die anderen, nämlich die Wartenden, müssen das doch eigentlich verstehen. Manche Menschen sind so wichtig, dass sie noch zehn Telefonate führen müssen vor der Verabredung und daher nicht rechtzeitig zum Treffen kommen können.

Merkwürdig ist allerdings eines. Wenn der umgekehrte Fall eintritt, wenn nämlich die notorischen Zuspätkommer einmal warten müssen, dann haben sie dafür meist gar kein Verständnis.

Birgit Baumann



"Polako, entspanne Dich!"
Schön langsam!", sagt die Nachbarin, als ich die Straße hinunterlaufe. "Nur mit der Ruhe!", meint der Kellner, als ich nach Geld krame. "Lass Dir Zeit!", rät der Polizist, der mich beim Parken beobachtet. "Polako, samo polako" ist wohl der häufigste Ratschlag im bosnischen Alltag. Man kann ihn auch mit "Entspanne dich!" oder "Es ist alles gut" übersetzen. Jedenfalls beruht er auf der Annahme, dass es besser ist, wenn man alles ohne Eile tut.

Manche Ausländer nervt dieser "Polakismus", der wohl auch mit der apathisch machenden Arbeitslosigkeit zu tun hat, etwa wenn lokale Politiker nach Jahren der Reformstarre weiter beteuern, man brauche einfach mehr Zeit: "Samo polako!" Andererseits hat die Anti-Hudelei auch ihr Gutes. Denn wer langsam ist, erlebt was. Sarajevos Bürger machen sich etwa Tag für Tag ihre Stadt zu eigen, indem sie auf- und abschlendern. Man sieht sich an, man hat das Gefühl, dabei zu sein.

Nur Zeit ermöglicht diese Langsamkeit. "Wir können uns nächste Woche auf jeden Fall treffen und Kaffee trinken gehen", schreibt mir ein Bekannter. "Ich bin auf jeden Fall dafür, mit Ihnen einen Kaffee zu trinken. Ich habe am Mittwoch und Donnerstag jede Menge Zeit", lautet das nächste Mail. "Was das Kaffeetrinken angeht: Das Einzige, was wir hier in Bosnien in Überfluss haben, ist Zeit, sodass ich sehr gerne mit Ihnen Kaffee trinken würde", stellt er nochmals fest.

Adelheid Wölfl



Zeitraubende Zen-Übung
Neulich vor Redaktionsschluss: Das aktuelle Werk noch nicht fertig, fällt einem alles Mögliche, bloß kein Titel dafür ein. Etwa dass zu Hause die Zahnpasta alle ist - und man dringend Nachschub braucht. Also auf zum fünfzig Meter entfernten Drogeriemarkt, um rasch eine Tube zu besorgen.

Denkste. Denn hier ticken die Uhren anders. Hier an der Kassa wird jeder, bevor er bezahlen darf, einem Verhör unterzogen - fast wie bei der Einreise in die USA. Erst recht jene, die keine Vorteilskarte haben. "Vorteilskarte?!", fragt die Profit-geschulte Dame resolut, als würde man den gesamten Betrieb aufhalten. Das Geständnis, dass man keine besitzt, führt zu einem harschen Befehlston auf der anderen Seite des Magnetstreifens, über den doch bitte die Zahnpastatube gezogen werden soll: "Möchten Sie eine?!" Obwohl jetzt ein Vortrag über gläserne Kunden angebracht wäre, schlägt man das dominant vorgebrachte Offert lieber freundlich aus. Und hofft umsonst, dass der längst bereitgehaltene Schein entgegengenommen wird.

Denn nun ändert die Verkäuferin die Taktik: "Wimperntusche hätten wir im Angebot!?" Schon schreit die innere Stimme auf ("Sehe ich so aus, als bräuchte ich eine?!"), ehe man erneut ablehnt. "Gilt aber nur heute!", setzt es nach.

Nach der zeitfressenden Einvernahme ist man reif für einen Zen-Kurs. Oder einfach nur für ... eine Vorteilscard?!

Nina Weißensteiner



Die schwarze Wolke
In Kairo braucht niemand eine Uhr oder einen Kalender, um zu wissen, wann der Herbst beginnt. Wenn die Abende endlich kühler werden, kommt die "schwarze Wolke", pünktlich jedes Jahr seit 1999. Sie bleibt ein paar Wochen. An den schlimmsten Tagen ist der Smog unerträglich, man riecht das Feuer. Die Ursache ist bekannt: Die Bauern im Nildelta verbrennen nach der Ernte tausende Tonnen von Reisstroh in offenen Feuern. Dieser Rauch zieht direkt nach Kairo und trifft dort auf Luft, die von den Abgasen von zwei Millionen Fahrzeugen ohnehin extrem belastet ist. Kairo hat weltweit eine der höchsten Feinstaubbelastungen. Oft kommt noch eine Inversionslage hinzu. Dann kippt das ganze System.

Das Verbrennen von Reisstroh ist seit mehreren Jahren verboten. Wer es dennoch tut, müsste mit hohen Strafen rechnen. Die Bauern tun es dennoch, meist in der Nacht oder am frühen Morgen. Alternativen gäbe es mehrere, die auch ökonomisch sinnvoller wären, als den wertvollen Rohstoff zu verbrennen; etwa kompostieren, Ziegel pressen oder zu Biodiesel verarbeiten. Ein halbes Dutzend Umweltminister hat schon versprochen, das Problem zu lösen. Genützt hat es wenig. In diesem Jahr war die schwarze Wolke wieder besonders schlimm, und alles spricht dafür, dass sie wie ein Uhrwerk im kommenden Jahr auch wieder pünktlich zum Herbstanfang in Kairo eintreffen wird.

Astrid Frefel



Postler, ausgefuchst
Fleiß, Genauigkeit und Pünktlichkeit gehörten zu den Tugenden des aufstrebenden Bürgertums. Das galt auch für die gelbe Post, den auf seine Zuverlässigkeit so stolzen verbeamteten Staatsbetrieb.

Als in den 1990er-Jahren die Moderne in die Amtsstuben einzog und mit ihr der Kostendruck, hatten die Postler ihre liebe Not, die von der Aufsichtsbehörde im Verkehrsministerium ausgegebene Losung "E+1" zu erfüllen - obwohl der Nachtsprung im Zug erfolgte, wo die Sendungen im Postwaggon sortiert wurden.

Die neue Formel für die schnelle Post: Nicht nur 90 Prozent der Inlandsbriefe mussten am Tag nach Abgabe im Postamt beim Empfänger einlangen, sondern 95 Prozent.

Was liegt da näher als Zeit sparen? Das freilich nicht bei Sortierung und Transport, sondern - erraten - beim Kunden. Weil sich die Schlagzahl mangels Sortiermaschinen nicht so einfach erhöhen ließ, wurden die Logistiker kreativ: Fortan mussten Briefe in Wien, die tags darauf in Bregenz oder Innsbruck ankommen sollten, nicht spätestens um 18 Uhr am Schalter abgegeben werden, sondern bereits um 16 Uhr. Und siehe da: Der gelbe Riese ward Musterschüler, der die Vorgaben locker übertraf. Solch schnöde Tricks hat die Post seit dem Börsengang nicht mehr nötig: Wer es pronto will, muss tiefer in die Tasche und zum höheren Priority-Porto greifen. Andernfalls dauert der Transport bis zu vier Tage.

Luise Ungerboeck



Ein Monster und sein Glück
Das Schlimme an der Zeit ist, dass sie vergeht. In der Jugend ist das kein Thema; da kann die Zeit nicht schnell genug vergehen. Mit dem Älterwerden wächst ein Ungeheuer heran, das immer bedrohlicher wird: die Endlichkeit, die eigene Endlichkeit. Man wird sterben.

Die ersten Freunde und Bekannten sind bereits gegangen. Manche sind gerade dabei. Ihre Hilflosigkeit und die eigene Hilflosigkeit im Umgang mit dem Tod gehören zu den schmerzlichsten Erfahrungen. Es waren verheerende Krankheiten oder schreckliche Unfälle, die kaum fassbar sind. Dann gab es jene Fälle, die man noch weniger verstehen kann, die einen ratlos und stumm zurücklassen: Freunde, wichtige, wertvolle und einzigartige Menschen, die freiwillig aus dem Leben schieden und eine riesige Kerbe auch in unsere eigene Biografie schlugen. Sie haben uns ihre Zeit genommen. Für sie selbst existiert keine Zeit mehr.

Bei uns allen rückt der Tod näher: ein dunkles Monster, das uns über die Schulter blickt. Man kann sich wegdrehen, aber nicht weggehen. Das Monster kommt mit.

Die Zeit hat in dieser Unerbittlichkeit auch etwas Positives: Irgendwann trifft man diesen Menschen, auf den man gewartet hat, mit dem man nicht mehr gerechnet hat. Mit dem man leben will. Was für ein glücklicher Zufall, ausgerechnet diesen einen Menschen zu treffen, der einem Zeit gibt, anstatt sie zu nehmen.

Michael Völker

(DER STANDARD, 6.12.2014)

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