Wenn die Aufschieberitis chronisch wird 

12. Dezember 2014, 10:17
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Die Steuererklärung wird viel zu spät abgegeben, die Doktorarbeit immer wieder verschoben, die Präsentation erst im letzten Moment fertig. Prokrastinierer sind Menschen, die alles aufschieben und oft daran leiden

Die Deadline ist zunächst keine Bedrohung, sondern fast schon Verheißung. Am Tag X muss die Steuererklärung abgegeben werden. Locker zu schaffen, ein Meer an Zeit bis dorthin.

Doch die Zeit läuft erbarmungslos, der Spielraum wird enger und enger. Es beginnt die Zeit der Verhandlung mit dem eigenen Ich: Okay, dieses Wochenende noch Bummel/Sport/Kino/Konzert. Aber am Montag dann werden die Unterlagen zusammengetragen. Ist ja in ein paar Tagen locker zu schaffen. Oder eigentlich in drei Tagen.

Oder in zwei. Zur Not in einer letzten Nacht. Ein bissl Nachfrist gibt's ja auch noch. Jetzt, wo die erste Mahnung eintrudelt, wird es aber wirklich Zeit. Aber zuerst wird noch eingekauft. Und ein kleines Spielchen am Computer geht auch noch ...

Tausend Gründe zuzuwarten

Wem derlei Schilderungen nicht fremd sind, der weiß, wie unangenehm es ist, manche Aufgaben zu erledigen - und dass sich immer wieder Gründe finden, noch ein wenig zuzuwarten. Von "Aufschieberitis" spricht der Volksmund.

Doch es gibt auch einen wissenschaftlichen Begriff dafür: Prokrastination (aus dem Lateinischen procrastinatio: Aufschub/Vertagung). "Prokrastinierer sind Menschen, die so viele Aufgaben vor sich herschieben und einfach nicht angehen können, dass ihnen beruflich wie privat Nachteile entstehen", sagt der Berliner Psychologe und Psychoanalytiker Hans-Werner Rückert. Er lehrt an der Freien Universität Berlin, beschäftigt sich seit rund 15 Jahren mit dem Phänomen und hat auch ein Buch darüber geschrieben (Schluss mit dem ewigen Aufschieben, Campus-Verlag).

Dem Thrill nachjagen

Prokrastinierer haben seiner Erfahrung und Beobachtung nach zweierlei Motive. "Viele Menschen, die aufschieben, brauchen den Nervenkitzel, sie sind Erregungssucher", sagt Rückert. Und da sind wir wieder beim Klassiker Steuererklärung. Man sollte eine machen, doch kaum einer tut es gern - nicht nur des Papierkrams wegen. Für viele Menschen ist es eine unangenehme Begegnung mit der staatlichen Obrigkeit und das Aufschieben ihre Auflehnung.

Doch Rückert erlebt in seiner Prokrastinationssprechstunde auch viele Menschen, die unter ihrer Unfähigkeit, Dinge anzupacken, leiden. Viele ahnen, dass etwas nicht stimmt, wissen aber nicht, was. "Man muss genau hinsehen und nachfragen, was diese negativen Gefühle auslöst", erklärt er.

Das Familienhotel im Nacken

Lebhaft in Erinnerung ist ihm ein BWL-Student, der sich selbst als hochmotiviert bezeichnete und eigentlich gern seinen Abschluss machen wollte. Doch er schob die entscheidenden Prüfungen vor sich her, stets kam etwas anderes, vermeintlich Wichtigeres dazwischen.

Im Gespräch mit Rückert stellte sich heraus: Der junge Mann sollte das Familienhotel in Rheinland-Pfalz übernehmen, die Eltern freuten sich auch schon auf Enkel. Doch der Aufschieber war mit seinem Leben in der Berliner Schwulenszene vollauf zufrieden.

"Wer immer aufschiebt und aufschiebt, hält natürlich auch etwas in der Schwebe, muss nicht wirklich Farbe bekennen, sondern kann dem Konflikt ausweichen", meint Rückert. Wobei es manche Gruppen nicht so leicht haben, Dinge auf den Sankt-Nimmerleins-Tag zu verschieben wie andere. Wer am Fließband oder im Team arbeitet, kann nicht so einfach überziehen. Das Problem, so Rückert, hätten vor allem Studenten und Freiberufler, die sich ihre Zeit selbst einteilen.

Was will ich?

Für die meisten Aufschieber ist das ewige Rauszögern auf Dauer deprimierend. Rückert ist überzeugt: "Man kann den Kreislauf durchbrechen, aber es ist nicht einfach." Er rät nicht dazu, "endlose To-do-Listen, die dann ohnehin niemand abarbeitet", zu schreiben. Vielmehr sollte man sich ernsthaft die Frage stellen: Was will ich? Und warum löst das, was ich ständig aufschiebe, so viel Abwehr aus?

Es sei auch sinnvoll, mühselige Tätigkeiten in kleinere Häppchen aufzuspalten und nicht immer den großen Berg vor sich herzuschieben: "Die Abschlussarbeit muss nicht an einem Tag entstehen. Wer täglich zwanzig Minuten einplant, kommt auch voran." Eine positive Rolle spielen auch Belohnungen. Hat man sein Pensum geschafft, winkt Angenehmes.

Letztendlich, sagt Rückert, sei der Ausbruch aus dem Prokrastinationssystem "eine Kosten-Nutzen-Frage", die sich jeder Einzelne stellen müsse. Will man so weiterwursteln wie bisher oder doch durch bessere Einteilung längerfristig mehr Lebensqualität erreichen? Von heute auf morgen sei der Umstieg natürlich nicht zu erreichen. Rückert: "Das braucht seine Zeit. Aber wer jahrelang keinen Sport gemacht hat, verspürt ja auch zunächst Muskelkater, wenn er zu joggen beginnt." (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, 6./7./8. 12.2014)

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