Warum glauben Putin so viele?

Blog7. Dezember 2014, 07:44
978 Postings

Die Moskauer These, die Ukraine-Krise sei allein Amerikas Schuld, findet bei uns breiten Widerhall. Was sagt das über Europa aus?

Mehr als hundert E-MaiIs, Anrufe, Twitter- und Facebook-Nachrichten habe ich nach meinem – rhetorisch nicht besonders geglückten – Auftritt bei "Pro & Contra" auf Puls4 zum Thema "EU, Russland und Ukraine" am 24. November erhalten. Die oft sehr ähnlich formulierten Nachrichten – manche rüpelhaft, andere nur belehrend – hatten alle die gleiche Botschaft:

Die Ukrainekrise ist Folge einer amerikanischen Aggression gegen Russland, mit der die USA ihren Machtbereich ausdehnen will. Dabei ist die Ukraine selbst nur Spielball und die EU-Staaten sind willfährige oder zur Teilnahme gezwungene Vasallen. Wer das – so wie ich – nicht begreift, ist entweder ahnungslos oder ein bezahlter Agent der USA und Nato.

Wohl nicht ganz zufällig hat Russlands Präsident in seiner jüngsten Rede zur Lage der Nation das gleiche gesagt. Er sprach von einer Unterwerfungspolitik, mit der der Westen Russland in die Knie zwingen will. "Hätte es die Ukraine-Krise nicht gegeben, hätte man einen anderen Vorwand gefunden, um Russland zu schaden", erklärte Putin.

Weit verbreitete Meinung

Diese Meinung ist zumindest in Österreich und Deutschland weit verbreitet – auch unter gebildeten und erfolgreichen Menschen, die sich für Weltpolitik interessieren, darunter vielen Unternehmern und Bankern. Sie steht allerdings im diametralen Gegensatz zu den Positionen aller EU-Regierungen, renommierter Medien und Politikwissenschaftlern. Sie alle machen Russland für die Verletzung des Völkerrechts und der Aggression gegen ein unabhängiges Nachbarland mit einer demokratisch gewählten Regierung verantwortlich.

Das wirft eine interessante Frage auf: Warum glauben so viele stattdessen einem ehemaligen KGB-Offizier, der sein Land in die weltgrößte Kleptokratie verwandelt hat?

Und warum sind die, die Russland als Opfer und Amerika als Täter sehen, so wenig bereit, der Gegenseite auch nur zuzuhören? Sie misstrauen allem, was in den Zeitungen steht und verlassen sich auf obskure Quellen aus dem Internet – oft Video-Interviews oder Vorträge von selbst ernannten Experten, die in der akademischen Welt keine Rolle spielen.

Echte oder behauptete Fakten

Ständig tauchen die gleichen echten oder behaupteten Fakten auf, die beweisen sollen, dass hinter allem die mächtige Hand der USA steht: Die echte Aufzeichnung des Telefongesprächs der US-Diplomatin Victoria Nuland, in der sie zornig "Fuck the EU!" ausrief; die gar nicht belegte Beteiligung von Blackwater-Söldnern am Maidan-Aufstand; und zuletzt die Ernennung der rasch noch eingebürgerten Amerikanerin Natalie Jaresko zur neuen ukrainischen Finanzministerin.

Logische Gegenfragen finden keinen Platz: Was hat etwa Barack Obama davon, dass eine Ex-Amerikanerin in der ukrainischen Regierung sitzt? Gäbe es keinen subtileren Weg, die Politik der Ukraine zu beeinflussen? Aber wer sich einmal ein verschwörerisches Gedankengebäude zurechtgezimmert hat, ist für andere Zugänge nicht offen.

Dabei gibt es viel Raum für eine ehrliche intensive Diskussion. Positionen wie der jüngste Aufruf deutscher Politiker und Intellektueller zu einer Dialogpolitik mit Putin sind legitim. Es mag richtig sein, dass weder der Westen noch die Ukraine von einer Konfrontation etwas zu gewinnen haben, dass Sanktionen sinnlos sind, weil sie Putin nicht zum Einlenken bewegen werden, und eine Lösung nur über Gespräche gefunden werden kann. Niemand, niemand will einen großen Krieg in Europa.

Russische Interessen berücksichtigen

Es stimmt, dass die Annexion der Krim eine gewisse historisch-politische Berechtigung hat; bei der Ostukraine fällt eine Legitimierung allerdings schon schwerer. Man kann auch so manche Entscheidung der EU und der USA als Fehler bewerten. Es lässt sich auch argumentieren, dass der Westen russische Interessen – selbst solche, die nicht den westlichen Werten entsprechen - stärker berücksichtigen muss als es in der Vergangenheit der Fall war.

Zuletzt gab es Anzeichen, dass Putins Politik weniger aggressiv ist als es im Sommer schien, dass es ihm wirklich nur um die Schaffung eines eingefrorenen Konfliktes in der Ostukraine geht und nicht um eine weitere Expansion in Ost- und Mitteleuropa. Allerdings wissen wir nicht, ob sein jüngstes Stillhalten daran liegt, dass er nur begrenzte Ziele hat, oder daran, dass die Sanktionen ihre Wirkung zeigen.

Aber all das macht Russland nicht zum Opfer – und die USA nicht zum Aggressor in dieser Krise. Solche Thesen stammen aus einer ideologisch geprägten Scheinwelt, die zur Realität nur einen dürren Bezug hat.

Radikaler Antiamerikanismus

Aber was bringt Menschen dazu, das zu glauben? Hauptmotiv ist wohl ein radikaler Antiamerikanismus, bei dem sich Linke und Rechte treffen; gelegentlich kommen antisemitische Sentiments dazu.

Und viele der Menschen, die zu Putin stehen, lehnen den Euro ab, verachten die EU und misstrauen der gesamten westlichen demokratischen, marktwirtschaftlichen und liberalen Ordnung – ganz im Sinne des ungarischen Premiers Viktor Orban und seiner berüchtigten Rede in Rumänien.

Dahinter verbirgt sich eine tiefsitzende europäische Identitätskrise, angefeuert von Globalisierungsängsten, steigender Arbeitslosigkeit und Zorn über Einwanderung. All das wird auf den jetzigen Konflikt projiziert. Die Menschen fühlen sich belogen und betrogen, und halten zu denen, die dieses Europa angreifen. (Eric Frey, derStandard.at, 6.12.2014)

Anmerkung: Einen Vergleich mit dem Faschismus der 1920er Jahre, der im Blogeintrag am Ende enthalten war, habe ich herausgenommen, weil er überzogen war.

  • Journalisten hören im Kreml Wladimir Putins Rede zur Lage der Nation am 4. Dezember zu.
    foto: ap/golovkin

    Journalisten hören im Kreml Wladimir Putins Rede zur Lage der Nation am 4. Dezember zu.

Share if you care.