Thüringens neuer Ministerpräsident: Der rote Bodo auf historischer Mission

Kopf des Tages5. Dezember 2014, 05:30
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Linke-Politiker Bodo Ramelow will Thüringen regieren

Vielleicht muss Bodo Ramelow am Freitag im Thüringer Landtag nicht einmal blinzeln. Zwar haben sich unzählige Fernsehteams angesagt, um von seiner Wahl zum ersten linken Ministerpräsidenten Deutschlands zu berichten. Doch das Scheinwerferlicht ist Ramelow längst gewohnt.

Man tut ihm nicht unrecht, wenn man sagt, dass er es immer schon gerne gesucht hat. Denn der 58-Jährige hat eine Mission. Er bereitet sich seit Jahren so gründlich darauf vor, erster Regierungschef der Linken zu werden, dass er von sich selbst lange Zeit als "Ministerpräsident in Lauerstellung" sprach.

Das Flinserl hat er abgelegt, seine Wutausbrüche dezimiert, Rhetorik wie Haupthaar (Seitenscheitel statt Gelfrisur) sind staatstragend geworden. Er ist so durch und durch Thüringer, dass viele im Land ihn für einen echten "Ossi" halten.

Dabei stammt Ramelow aus dem Westen. Geboren wird er in Niedersachsen, später zieht die Familie nach Hessen. Nach dem Tod des Vaters bringt die Mutter die vier Kinder mit einem Putzjob durch. Ramelow gilt als intelligent, aber faul und schafft die Hauptschule mit Ach und Krach. Erst als er 19 Jahre alt ist, stellt sich heraus, dass er Legastheniker ist.

Er lernt zuerst Einzelhandelskaufmann, erwirbt später die kaufmännische Fachhochschulreife und arbeitet bei Karstadt. 1981 wird er Gewerkschaftssekretär in Mittelhessen. Nach Thüringen kommt Ramelow 1990, im Jahr der Wiedervereinigung. Als Landeschef baut er die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) auf.

1999 wechselt er in die Politik. Er wird Mitglied der PDS und gleich in den Landtag gewählt, wo er sich bald als scharfer Redner einen Namen macht. Als er im Wahlkampf 2004 "Bodo Ramelow will Ministerpräsident werden" plakatiert, lachen sich die politischen Mitbewerber schief. Doch der gläubige Protestant behält sein Ziel im Auge. Er setzt auf die Schwäche der SPD in Thüringen und auf die Stärke der Linken.

2005 bis 2009 gibt er ein Gastspiel im Bundestag und ist in dieser Zeit mit der Fusion der ostdeutschen PDS mit der westdeutschen WASG zur Linkspartei beauftragt. Danach geht es zurück nach Thüringen.

Die Wahl heute wird spannend, Rot-Rot-Grün hat nur eine Stimme Mehrheit. Aber wenn's klappt, ist klar, was Ramelow tut: mit seiner dritten Ehefrau und seinen zwei Söhnen aus erster Ehe eine Flasche Rotkäppchensekt köpfen. (Birgit Baumann, DER STANDARD, 5.12.2014)

  • Bodo Ramelow soll am Freitag erster Ministerpräsident der Linken in Deutschland werden.
    foto: reuters/thomas peter/files

    Bodo Ramelow soll am Freitag erster Ministerpräsident der Linken in Deutschland werden.

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