Jackie hat mal wieder Mist gebaut

7. Dezember 2014, 17:00
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Fantastische Geschichten aus der Welt der Werbung. Diese Woche: Chanel. Warum Jackie zur Strafe Liegestütze machen muss und Jessica und die DDR verflucht

Eins, zwei, drei, vier. "Schneller! Und runter. Ganz runter!" Verdammt. Jackie war jetzt schon komplett fertig. Wer hatte nur bei der Zitkovsky gepetzt, dass sie das Parfum aus Jessicas Spind hatte mitgehen lassen? Fünf, sechs, sieben, acht. "Ja, schau dir dein blödes Gesicht nur jedes Mal an! Kannst dich bei dir selber bedanken für den Scheiß!" Neun, zehn, elf, zwölf.

Gerda Zitkovsky kam aus der ehemaligen DDR, war dort Spartentrainerin Kugelstoßen gewesen im Leistungssportzentrum Zwickau. Als Aktive hatte sie den siebten Platz bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau erreicht. Ihre "Korrekturmethoden" waren an der Schule berüchtigt.

foto: lukas friesenbichler/originalsujet von karl lagerfeld

Dreizehn, vierzehn. "Ganz runter, hab ich gesagt! Macht das Fräulein etwa jetzt schon schlapp? Da hätte man wohl vorher überlegen müssen, ob es klug ist, sich am Eigentum einer Kameradin zu vergreifen!" Fünfzehn, sechzehn. Kameradin... Jackie hasste Jessica. Deren Mutter hatte Kohle ohne Ende, und Jessica kaufte wöchentlich einmal halb Wien leer. Die hätte gar nicht gemerkt, dass ihr Luxusdüftchen weg war. Als sie noch beste Freundinnen waren, hätte ihr Jessica eh was von dem Zeug abgegeben. Aber seit dem Megastreit im letzten Schuljahr war Eiszeit zwischen ihnen.

Siebzehn. Jackies Arme zitterten. Durfte die Zitkovsky so etwas überhaupt machen? Gab es nicht so etwas wie Menschenrechte? Irgendwie war ihr auch schwindlig. Sie hatte seit dem halben Apfel gestern Mittag nichts mehr gegessen. Achtzehn… Aus. Jackie konnte nicht mehr. "Na, junge Dame, da geht aber jemandem sehr schnell die Puste aus! Fabienne, Samantha: den Spiegel in den Geräteraum, aber zackzack! Lucy, Aisha: wählt zwei Mannschaften. Wir spielen Brennball."

Jackie rappelte sich mühsam wieder auf. Jetzt nur nicht weinen. (Stefan Ender, derStandard.at, 7.12.2014)

  • Die Kreativität der Werbebranche ist grenzenlos. Genauso wie die Fantasie unseres Autors Stefan Ender. Er denkt sich an dieser Stelle wöchentlich eine Geschichte zu einer aktuellen Werbekampagne aus. Das Magazin mit dem aktuellen Werbesujet fotografierte Lukas Friesenbichler, das Originalmotiv stammt von Karl Lagerfeld.
    foto: lukas friesenbichler/originalsujet von karl lagerfeld

    Die Kreativität der Werbebranche ist grenzenlos. Genauso wie die Fantasie unseres Autors Stefan Ender. Er denkt sich an dieser Stelle wöchentlich eine Geschichte zu einer aktuellen Werbekampagne aus. Das Magazin mit dem aktuellen Werbesujet fotografierte Lukas Friesenbichler, das Originalmotiv stammt von Karl Lagerfeld.

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