"La Notte Italiana": Ein sizilianisches Experiment der Läuterung

4. Dezember 2014, 17:18
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Das Festival Impulstanz herbstet im Odeon-Theater

Wien - Eine Eva und sechs Nymphen beleben derzeit die Bühne des Odeon-Theaters bei dem von Impulstanz organisierten Doppelabend La Notte Italiana mit Uraufführungen von Elio Gervasi und Roberto Zappalà. Das Frauenthema steht im Vordergrund, die Ergebnisse sind streitbar.

Die Compagnia des Choreografen Zappalà (53) residiert im sizilianischen Catania. Ihr Beitrag zur italienischen Nacht ist das Solo Oratorio per Eva mit der bemerkenswerten Tänzerin Maud de la Purification. Und ja, damit ist das biblische Adamsrippengeschöpf gemeint. Angetan mit unschuldsweißem Body-Suit, wird diese Eva zu Beginn des Stücks im Blitzgewitter eines Lichtzerhackers irdisch.

Sie biegt und windet sich in einer mystischen Atmosphäre, lasziv wie eine Mischung aus Frau und Schlange. Diese entweicht der Stätte ihrer Niederkunft, legt ihre jüngferliche Haut ab und schlüpft in eine kardinalsscharlachrote, enganliegende Shirt-Hosen-Kombination - zu Claudio Monteverdis innigem Non si levav'ancor l'alba novella aus dem zweiten Madrigal-Buch.

Der Text stammt von Torquato Tasso. "Con sospiri" verfolgt das Publikum nun, wie Zappalà die Brücke zu den Bleikammern weiblicher Klischeebilder überschreitet: Wie ist diese Eva doch zerrissen zwischen Narzisstin und Schmerzensfrau! Und wie tritt Adam dann in sechsfacher Ausfertigung auf und spricht biblische Worte wie Madonna, Versuchung, Sünderin!

Mit zager Stimme appelliert ein Bub: "Mama?" Unbeachtet bleibt er von der Suchenden, die nach Mark Twains Eva-Tagebuch ins Leere sagt: "Ich fühle mich wie ein Experiment." In seinem Oratorio stellt Zappalà also in überhöhter Form fest, dass das biblische Frauenbild bis heute problematisch ist. Weil das keine Neuigkeit darstellt, bleibt nur der Kern des Stücks: eine Hommage an Maud de la Purification, punto e basta. Bewundernder Applaus.

Anschließend erzählen die sechs zeitgenössischen Tänzerinnen-Nymphen bei Elio Gervasis the white horn keine Geschichte. Sie verhalten sich einfach, und in ihrem Gewebe aus Begegnungen und Vereinzelungen sind sie stark und sensibel, zärtlich und dezidiert. In Zusammenarbeit mit diesen Interpretinnen webt der 61-jährige, in Cosenza geborene Wiener Choreograf zu den ruhigen Soundmustern von Alberto Castelló einen detailreichen Kommunikationsteppich.

Anspielungen auf Gender-Diskurse oder feministische Setzungen fehlen darin ebenso wie konservative Stereotype. Es ist, als hätte die Gruppe Melvilles Bartleby gelesen und sich vorgenommen: "Ich möchte lieber nicht" an die Debatten der Zeit anknüpfen. Das Uraufführungspublikum reagierte eher verhalten. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 5.12.2014)

Bis 5. 12.

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Impulstanz

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