UNHCR: "Es wird mehr Solidarität brauchen"

Interview5. Dezember 2014, 07:50
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Der neuen Asylwerber-Erstaufnahme steht Ruth Schöffl optimistisch gegenüber. Schwächen gibt es laut der UNHCR-Mitarbeiterin bei der Integration syrischer Flüchtlinge.

Standard: Heuer haben bereits um 12.000 Flüchtlinge, also zwei Drittel mehr als im gesamten Jahr 2013, in Österreich Asyl beantragt, vor allem Menschen, die dem Syrienkrieg entkamen. Wird sich diese Entwicklung 2015 fortsetzen?

Ruth Schöffl: Zwar ist das UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) mit Prognosen vorsichtig, aber es gibt keine Anhaltspunkte, dass die Zahlen sinken. Die Krisen in der Welt dauern länger, werden seltener gelöst, schon 2013 waren so viele Menschen auf der Flucht wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Ich denke, 2015 werden sich die Antragszahlen in Österreich auf gleichem oder höherem Niveau bewegen.

Standard: Österreich auf eine solche Entwicklung gut genug vorbereitet?

Schöffl: Zwar wurde heuer einiges getan, um neue Grundversorgungsquartiere zu schaffen - doch hier muss mehr geschehen. Zuletzt waren die bestehenden Einrichtungen mehrfach überfüllt.

Standard: Was heißt das - wie akut ist die Unterbringungskrise wirklich?

Schöffl: Das heißt, dass zwar fieberhaft neue Plätze geschaffen werden - von Behörden, Ländern und auch Flüchtlings-NGOs. Aber es wird noch mehr Solidarität brauchen, etwa in Gemeinden.

Standard: Die Asylwerber-Erstaufnahme wird umorganisiert. Ab Mitte 2015 soll sie in den Ländern stattfinden, Asylwerber sollen von dort direkt in Länder- und Gemeindequartiere kommen: ein sinnvoller Plan?

Schöffl: UNHCR hat hier keine Empfehlungen. Wichtig ist uns nur, dass die Menschen rasch und gut betreut werden. In einer idealen Welt, in der es überall genug Gesundheitsangebote, Dolmetscherdienste und Betreuung gibt, ist es für einen ankommenden Flüchtling aber sicher angenehmer, in einem kleinen, lokalen Zentrum als in einem Lager wie Traiskirchen erstversorgt zu werden. Die geplanten Neuerungen sehen wir daher optimistisch, denn die derzeitige Quartiersituation ist keineswegs optimal.

Standard: Wie schlägt sich Österreich angesichts von mehr Flüchtlingen im europäischen Vergleich?

Schöffl: Österreich tut einiges. Es hat ein relativ stabiles Asyl- und Grundversorgungssystem, das aber jetzt durch Antragszahlsteigerungen von 20, 30, 40 Prozent Zusatzleistungen erbringen muss; in Deutschland und anderen europäischen Staaten mit relativ vielen Asylanträgen ist das genauso. Man muss hier jedoch die Relationen sehen: In den Nachbarstaaten Syriens geht es nicht um tausende, sondern um hunderttausende Flüchtlinge mehr.

Standard: Was müsste im Asylbereich hierzulande verbessert werden?

Schöffl: Die Asylverfahren sollten noch durchgängiger als derzeit in einem vernünftigen Zeitrahmen abgewickelt werden. Das schont letztlich auch das Unterbringungssystem. Und es braucht verstärkte Integrationsmaßnahmen nach der Zuerkennung internationalen Schutzes: Die Syrerinnen und Syrer, die derzeit so zahlreich ankommen, erhalten als eindeutig verfolgte Gruppe meist sehr rasch Asyl. Ohne gezielte Hilfe danach sind diese vielfach gut ausgebildeten Menschen, die Österreich einiges bringen können, in der hiesigen Gesellschaft völlig verloren.

Standard: Apropos: Sind inzwischen alle 500 in Österreich angesiedelten "resettleten" Syrer aus dem ersten Aufnahmeprogramm angekommen?

Schöffl: Ja, alle 500 sind hier - und auch von den nächsten 1000, davon 600 vom UNHCR Betreute (400 kommen auf Basis von Familienzusammenführung, Anm.), werden die ersten Fälle schon bearbeitet. (Irene Brickner, DER STANDARD, 5.12.2014)

Zur Person: Ruth Schöffl leitet die Öffentlichkeitsarbeit beim Wiener UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR). Die 38-Jährige begleitet das heimische Resettlement-Programm für Syrer mit.

  • UNHCR-Mitarbeiterin Ruth Schöffl sagt, beispielsweise von Gemeinden werde es noch mehr Solidarität brauchen.
    foto: wolfgang voglhuber

    UNHCR-Mitarbeiterin Ruth Schöffl sagt, beispielsweise von Gemeinden werde es noch mehr Solidarität brauchen.

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