Jörg Dräger: "Die Ganztagsschule entmündigt die Eltern nicht"

Interview4. Dezember 2014, 17:46
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Die ÖVP sucht gerne bei ihm Rat: Der Vorstand der Bertelsmann-Stiftung über gute Lehrer, ganztägige Schulen und besorgte Bürgerliche

STANDARD: Sie sagen, in der Bildungsdebatte streiten wir meist um das Falsche. Worüber lohnt es sich zu streiten?

Dräger: Es lohnt sich jedenfalls nicht, über Schulstrukturen, föderale Zuständigkeiten oder Klassengrößen zu streiten. Dann lieber über das, was tatsächlich im Klassenzimmer geschieht. Gute Schule ist guter Unterricht, und den machen gute Lehrer.

STANDARD: Was zeichnet Ihrer Ansicht nach guten Unterricht aus?

Dräger: Individuelle Förderung ist das wichtige Grundprinzip. Schüler sind sehr unterschiedlich. Sie waren es schon immer und werden es immer mehr: in ihren kulturellen Hintergründen, aber insbesondere in ihren Leistungsniveaus, Lerngeschwindigkeiten, Lernstilen. In unseren Schulsystemen wird diese Unterschiedlichkeit häufig als Problem angesehen. Individuelle Förderung versteht diese Unterschiedlichkeit als die natürliche Ausgangslage, auf die sie adäquat reagiert: Jedes Kind hat seinen eigenen Lernplan, jeder kann in unterschiedlichen Schwierigkeitsniveaus lernen.

STANDARD: Im Bestfall lernt man diese Art des Unterrichtens in der neuen Lehrerausbildung. Was machen mit jenen, die bereits im System sind und den falschen Beruf gewählt haben?

Dräger: Natürlich gibt es, wie in jedem anderen Beruf, auch eine kleine Gruppe von Lehrern, die einfach den falschen Beruf gewählt haben. Da hilft dann wahrscheinlich auch die Fortbildung nichts. Für die allermeisten gilt aber: Fortbildung verbessert die Qualifikationen. Es sollte zur Selbstverständlichkeit werden, dass jeder Lehrer sich jedes Jahr fortbildet.

STANDARD: Wie wichtig ist Personalautonomie für die Schulleitung?

Dräger: Autonomie nutzt, sofern sie mit externer Qualitätskontrolle gekoppelt ist. Autonomie bedingt aber auch Schulleiter als echte Führungskräfte. Auch hier gilt: Man muss mit den Aufgaben wachsen. Die Ausbildung zum Schulleiter ist ein Riesenthema.

STANDARD: Autonomie geht kostenneutral?

Dräger: Ja. Auch die Umstellung der Pädagogik vom Frontalunterricht hin zum individuellen Fördern ist weitgehend kostenneutral. Das, was extra Geld kostet, ist der Ausbau der Ganztagsschule, der Krippen und der Umbau in Richtung inklusives Schulsystem. Aber all das wird sich finanziell lohnen.

STANDARD: Sie sagen gerne "Früh investieren ist günstiger, als später zu reparieren". Wie meinen Sie das?

Dräger: Die Investitionen in Krippen und Schulen sind zwar teuer, aber immer noch günstiger als die Maßnahmen, die ich hinterher brauche, wenn jemand die Schule abbricht, keine Lehrstelle bekommt und arbeitslos wird. Und das frühe Intervenieren ist auch für den Einzelnen viel besser, als hinterher über die Sozialsysteme zu reparieren.

STANDARD: Das heißt im Umkehrschluss: Sozialleistungen streichen?

Dräger: Nein, sie brauchen gewisse Leistungen nicht mehr. In Deutschland geben wir eine Größenordnung von vier Milliarden Euro im Jahr aus, nur um junge Menschen nach der Schule in einem Übergangssystem zu parken, weil sie keine Lehrstelle finden. Dieses Geld würde ich lieber vorher ausgeben.

STANDARD: In Österreich wurde diesen Sommer die Familienbeihilfe erhöht. Ist das bildungspolitisch sinnvoll?

Dräger: Viele der Transferleistungen, die wir an alle Familien gleichermaßen verteilen, kommen der Bildung der Kinder wenig zugute. Für Kinder ist es besser, wir investieren in die Bildungsinstitutionen. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass viele der Leistungen jene Eltern kriegen, die sie eigentlich finanziell nicht brauchten. Gute Schulen brauchen aber alle. Langfristig sollten wir uns auch überlegen, warum Studieren kostenlos ist und Kindergärten teuer. Sinnvoll und fair ist das nicht. Denn Chancengerechtigkeit beginnt im Kindergarten, nicht an der Uni.

STANDARD: Stichwort Chancengerechtigkeit: Sie dominiert die Debatte um die beste Schulstruktur. Zu Recht?

Dräger: Wir empfinden einen Widerspruch zwischen "besser" und "gerechter", weil wir glauben, die Ziele seien unvereinbar. Das ist Quatsch! Bildungspolitik muss sich nicht entscheiden, ob Schule gut oder gerecht sein soll. Andere Länder - etwa Kanada - machen uns vor: Sie kann beides.

STANDARD: Braucht es einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz?

Dräger: Ja, das ist vernünftig und wird zu einem schnelleren Ausbau der Ganztagsschulen führen. Ganztagsschulen müssen über die Zeit zu einer Selbstverständlichkeit werden. Nur zur Klarstellung: Ganztagsschule heißt von 8 bis 15 oder 15.30 Uhr. Das Wort Ganztagsschule wird fälschlicherweise immer wieder damit assoziiert, dass die Kinder erst abends nach Hause kommen. Aber man sollte die Chance nutzen, den Unterricht nicht vormittags vollzustopfen und nachmittags ein bisschen Betreuung und Fußball anzubieten. Entspannungs- und Unterrichtsphasen müssen sich sinnvoll abwechseln - da lernt es sich besser. Und die Schüler kommen mit gemachten Aufgaben nach Hause - das entspannt die Eltern. Und birgt Chancen: Weniger Fernsehen und mehr Hausaufgabenbetreuung tut vielen Kindern gut.

STANDARD: Wie der bürgerlichen Sorge vor zu viel Einmischung begegnen?

Dräger: Qualität überzeugt. Vor 20 Jahren meinten bürgerliche Eltern, Kinder unter sechs Jahren können wir besser zu Hause erziehen. Heute gehen fast alle Kinder in den Kindergarten. Und zwar nicht, weil wir sie gezwungen haben. Die Eltern haben gesehen: Die Mischung zwischen familiärem und institutionellem Aufwachsen ist das Beste für mein Kind. Ähnlich wird es bei der Ganztagsschule sein. Die Ganztagsschule entmündigt die Eltern nicht. Sie ermöglicht eine gemeinsame Verantwortung für Bildung und Erziehung unserer Kinder. Das muss man den Bildungsbürgern sagen: Es geht nicht um Zwangsbetreuung, sondern um besseres Lernen - für alle.

STANDARD: Sie kennen ja auch die Trägheit der Politik. Was raten Sie der ÖVP, was sie als Erstes angehen soll?

Dräger: Faire Transparenz bezüglich der Bildungsergebnisse. Damit man aus dem Blindflug herauskommt. Der Lernfortschritt in jeder Schule ist ein gutes Maß dafür, wie gut die Schule mit Herausforderungen umgehen kann. Dann Lehrerfortbildung. Und dann kommen die leider sehr kostspieligen, aber sehr effektiven Investitionen in den Kindergartenausbau und die Ganztagsschulen. (Karin Riss, DER STANDARD, 5.12.2014)

Jörg Dräger (46) ist in der Bertelsmannstiftung unter anderem für den Bereich Bildung zuständig. Von 2001 bis 2008 war der studierte Physiker Wissenschaftssenator (parteilos) in Hamburg. Auf Einladung der ÖVP referiert er am Dienstag über die Weiterentwicklung des Bildungssystems.

  • Jörg Dräger empfiehlt der ÖVP: Im Bildungsbereich brauche es zuallererst Transparenz, "damit man aus dem Blindflug herauskommt". Dann komme die Lehrerfortbildung. Und erst danach wird's richtig teuer: mehr Kindergarten- und Ganztagsschulplätze
    foto: urban

    Jörg Dräger empfiehlt der ÖVP: Im Bildungsbereich brauche es zuallererst Transparenz, "damit man aus dem Blindflug herauskommt". Dann komme die Lehrerfortbildung. Und erst danach wird's richtig teuer: mehr Kindergarten- und Ganztagsschulplätze

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