"Game of Thrones" im Test: Feine Adventurekost im grausamen Westeros

6. Dezember 2014, 12:00
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Erster Teil der Videospiel-Serie mit toller Erzählung und technischen Schwächen

Mit einer genialen und einer guten Staffel von "The Walking Dead" und dem vielgelobten "Wolf Among Us" hat sich das kalifornische Spielestudio Telltale einen Namen als talentierter Verwerter filmischer und literarischer Vorlagen gemacht. Nach der Hitserie über den Überlebenskampf in den USA nach der Zombie-Apokalypse nehmen sich die Entwickler nun einen anderen Blockbuster vor: "Game of Thrones".

Das auf der "A Song of Ice and Fire"-Saga von George R. R. Martin basierende Werk umfasst mittlerweile vier Staffeln, die sich primär mit dem Kampf um Macht und Einfluss auf dem fiktiven Kontinent Westeros auseinandersetzen. Der GameStandard hat den interaktiven Trip ins dunkle Mittelalter von "Game of Thrones: Iron from Ice" gewagt.

Spoiler-Warnung

Vor dem Weiterlesen darf freilich ein wichtiger Hinweis nicht fehlen: Der nun folgende Text enthält Spoiler hinsichtlich Ereignissen in der dritten Staffel der Serie und Inhalten des Spiels, da sich dies im Rahmen einer kohärenten Rezension nicht komplett vermeiden lässt.

screenshot: telltale games/derstandard.at
foto: telltale games/derstandard.at

Als Einstiegspunkt für die Handlung des Games hat Telltale eines der – durchaus auch im Wortsinne – einschneidensten Ereignisse des dritten Buches und der dritten Serienstaffel, die eine wichtige Grundlage für den weiteren Verlauf der Handlung bildet, gewählt. Als Gared Tuttle erlebt der Spieler die dramatische Wende für den Feldzug von Robb Stark, den "König des Nordens", in einem Camp nahe der "Twins", der Festung von Haus Frey mit.

Er ist Knappe von Lord Forrester, einem der kleineren Adelsgeschlechter des Nordens, das seit Jahrhunderten zur Gefolgschaft der Starks zählt. Im Gemetzel, das dem hinterhältigen Angriff auf die Hochzeit (später bezeichnet als das "Red Wedding") folgt, gilt es, mitsamt dem Familienschwert der Forresters zu entkommen und eine Botschaft von Lord Forrester nach Ironrath, dem Sitz des Hauses zu transportieren.

Hier beginnt die Geschichte schließlich, das typische Wesen von Buch und Serie anzunehmen. Der Spieler bestimmt im ersten Teil der "Game of Thrones"-Umsetzung nicht allein über Gareds Schicksal, sondern auch über das des jungen Thronfolgers Ethan Forrester und seiner Schwester Mira – und somit über Gedeih und Verderb der Familie.

screenshot: telltale games/derstandard.at
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Auch in geografischer Hinsicht verbreitert sich das Geschehen. Gareds Weg hält ihn nicht in Ironrath. Mira wiederum befindet sich viele Tagesritte weiter südlich im "Red Keep", wo Westeros' König Joffrey Baratheon residiert.

Das bereichert nicht nur die Handlung, sondern ermöglicht "Game of Thrones"-Kennern auch das Wiedersehen mit alten Bekannten. Viele Charaktere sind ihren Schauspielern nachempfunden und auch von diesen synchronisiert. So entspricht Königsonkel und "Master of Coin" Tyrion Lannister nicht nur optisch dem Darsteller Peter Dinklage ausgesprochen gut, sondern wird von diesem auch exzellent vertont.

Gleiches lässt sich auch von seiner Schwester Cersei und Joffreys Angetrauter Margery Tyrell sagen. Die Synchronisation im Allgemeinen ist eine der ganz großen Stärken dieses Spiels. Einzig Ramsay Snow, der mental instabile uneheliche Sohn des neuen "Wächter des Nordens" Roose Bolton, weist mehr Ähnlichkeiten mit Jack Black denn mit Iwan Rheon auf, ist aber auch makellos eingesprochen. Doch auch die Forresters und in der Handlung weniger präsente Figuren entsprechen hohen Standards.

screenshot: telltale games/derstandard.at
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Die Zugänge der handelnden Figuren im Umgang mit den bekannten Charakteren und ihren eigenen Aufgaben ist dabei erfrischend abwechslungsreich. Als Gared Tuttle steht man zwischen Loyalität, Vernunft und Vergeltung, als Ethan Forrester schlüpft man in die schwierige Rolle eines frischgebackenen Lords eines vom Untergang bedrohten Hauses und als Mira Forrester ist man auf der Suche nach Unterstützer für die Familie in der Ferne und muss sich auf die Intrigenspiele am Königshof und ihre ganz eigene Mechanik einlassen. Man bewegt sich oft zwischen Macht und Ohnmacht, während die eigenen Prinzipien auf die Probe gestellt werden.

Dies passiert erzählerisch sehr gekonnt und atmosphärisch dicht – vorbehaltlich kleinerer Patzer. Damit gelingt es Telltale auch, den an sich niedrigen Grad an Interaktivität zu kaschieren und dabei trotzdem gut zu unterhalten. Denn neben dem Sammeln von Informationen bestehen die Einflussmöglichkeiten des Spielers hauptsächlich in der Wahl von Antwortmöglichkeiten in Multiple-Choice-Dialogen. Zwischendurch stattfindende Action-Sequenzen sind als simple Quicktime-Events umgesetzt.

screenshot: telltale games/derstandard.at
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Nicht verstecken können die Entwickler hingegen, dass die dem Abenteuer zugrunde liegende Technik vom State-of-the-Art schon merklich entfernt ist. Trotz aller Liebe zum Detail und einem gut eingesetzten Filter für einen gezeichneten Look des Spieles sind allerlei Ecken und Kanten zu bemerken, wenn man genauer hinsieht. Dem Spielspaß tut das wenig Abbruch, auch wenn das ebenfalls in Spielgrafik umgesetzte Serienintro – ein Flug über die sich bausteinartig aufbauende Schauplätze von Westeros – fast unfreiwillig komisch wirkt.

Trotz seiner Defizite vermag "Game of Thrones: Iron from Ice" den Spannungsbogen gut zu halten, mit seiner Erzählung zu fesseln und mit der einen und anderen Überraschung aufzuwarten. Das Spiel verspricht, dass getroffene Entscheidungen langfristige Auswirkung auf das weitere Geschehen haben, was freilich in den kommenden Episoden abzuwarten bleibt. Allerdings tut man sich selbst den Gefallen und bringt genügend Situationen aufs Tapet, deren Konsequenzen sehr unmittelbar oder zumindest noch im Rahmen dieses ersten Teils zu wirken beginnen.

screenshot: telltale games/derstandard.at
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"Iron from Ice" ist ein sehr gelungener Einstand von Telltale in George R. R. Martins magisch-brutales Fantasy-Mittelalter. Für Fans dürfte sich die Spielumsetzung in eine absolut lohnenswerte Anschaffung entwickeln.

Wer sich den Wirren in Westeros bislang verschlossen hat, sollte wenigstens das erste Buch oder die erste Staffel der TV-Serie nachholen (noch besser: Staffeln 1 bis 3), um sich die rund zweistündige Handlung und ihre Protagonisten vollends erschließen zu können. Zeit dafür ist wohl genug, den üblichen Veröffentlichungszyklen folgend wird Telltale die zweite der sechs Episoden wohl im Frühjahr 2015 an den Start bringen. (Georg Pichler, derStandard.at, 05.12.2014)

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foto: telltale games/derstandard.at

"Game of Thrones: Iron from Ice" ist am 2. Dezember für Windows und PlayStation 4 und am 3. Dezember für Xbox One und Xbox 360 erschienen. Die Ausgabe für PlayStation 3 folgt in Europa am 10. Dezember. Die Mac-Version wurde kurzfristig verschoben, für die Umsetzungen für Android und iOS gibt es noch keinen Termin.

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