Magersucht: Neue Einblicke in die Krankheit

3. Dezember 2014, 17:45
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Bei Anorexia nervosa schrumpft die Hirnrinde drastisch, zeigt eine Dredsner Studie - das Regenerationspotenzial ist jedoch groß

Ein Forscherteam um Stefan Ehrlich vom Institut für Angewandte Entwicklungsneurowissenschaften an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden an der TU Dresden untersuchte die Auswirkungen der schweren Essstörung Anorexia nervosa – gemeinhin als Magersucht bezeichnet – auf bestimmte Hirnstrukturen.

In der jetzt im hochangesehenen Fachblatt "Biological Psychiatry" veröffentlichten Studie präsentieren die Wissenschaftler ihre Ergebnisse, die sie mittels einer in diesem Zusammenhang weltweit erstmals eingesetzten Methode mit mehr als 100.000 über die gesamte Hirnoberfläche verteilten Messpunkten ermittelten.

In der Publikation berichten die Dresdner Forscher, dass sich die im akuten Stadium einer Magersucht auftretende starke Verringerung der Dicke der Hirnrinde, genauer der grauen Substanz, bei vollständiger Therapie der Essstörung meist komplett wiederherstellt. Bisherige Studien betrachteten die Veränderungen des Volumens oder der Dichte der grauen Substanz des Hirns betroffener Patienten, ohne den genauen Bereich eingrenzen zu können.

Genaue Vermessung von Patienten mit Magersucht

Die jetzt durch die Dresdner Wissenschaftler an einer großen Stichprobe von Patientinnen mit Anorexia nervosa weltweit erstmals eingesetzte Messung der Dicke der Hirnrinde an über 100.000 verschiedenen Punkten unter Einsatz eines hochauflösenden Magnetresonanztomographen (MRT) kann die Schrumpfung der grauen Substanz in der Hirnrinde submillimetergenau erfassen.

Gefunden wurde eine drastisch verringerte Dicke der Hirnrinde in fast allen Bereichen des Großhirns. Auch in der Tiefe des Gehirns sind die Volumen der grauen Substanz verringert. "Das Ausmaß der Veränderungen am Hirn, also die Verringerung der Dicke der grauen Substanz infolge einer akuten Magersucht, ist den bei einer Alzheimer-Erkrankung beobachtbaren Abbauprozessen sehr ähnlich", beschreibt Stefan Ehrlich die Folgen der Essstörung.

Die Messungen bei den Studienteilnehmern erfolgten zum Zeitpunkt der Aufnahme am Dresdner Universitätsklinikum und im Schnitt zwölf Monate nach einer erfolgreich abgeschlossenen Therapie mit vollständiger Herstellung des Normalgewichts, normalem Essverhalten und mit einer normalen Menstruation.

Therapie und die Erfolge

Etwa 50 Prozent der behandelten Patienten können langfristig diese Kriterien erreichen – es ist für die Betroffenen ein extrem harter Weg bis zu einer völligen und dauerhaften Wiederherstellung. "In unserer Stichprobe konnten wir bei den erfolgreich therapierten Patienten eine vollständige Wiederherstellung der Schichtdicke der grauen Substanz beobachten", erläutert Ehrlich das für die Betroffenen hoffnungsvolle Ergebnis.

Doch die Magersucht verändert neben den Hirnstrukturen noch etliche weitere Bereiche und Prozesse mit oft schwierigen langfristigen Folgen, die nicht umkehrbar sind. Dazu gehört beispielsweise die verstärkte Osteoporose, also der Abbau an Knochensubstanz. (idw/red, derStandard.at, 3.12.2014)

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