Daheim im Volksheim

Kolumne3. Dezember 2014, 17:55
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Bitter, wenn die Parteijugend beim Realisieren ungewöhnlicher Ideen brutal scheitert

Dem Wehklagen über angeblich zu geringes politisches Engagement der heutigen Jugend kann man seit letztem Donnerstag Gewichtiges entgegenhalten. An diesem Tag beschloss der Wiener Landtag eine Maßnahme gegen das Jugendkriminalitätsmotiv Nummer eins und besiegelte ein Verbot des Automatenglücksspiels. Zu verdanken ist das der in der SPÖ Alsergrund beheimateten "Sektion 8", einer vor allem von jungen Menschen getragenen Initiative, die sich auch gegen den Widerstand der Parteiführung durchgesetzt hat.

Beim am Tag darauf abgehaltenen Bundesparteitag konnte man dem Nachwuchs jedoch nicht zum Erfolg gratulieren, da nicht ein einziges Mitglied der von Niki Kowall geleiteten "Sektion 8" zu den 546 stimmberechtigten Delegierten zählte. Nur die Erkrankung einer Bezirksvorsteherin ermöglichte, dass Kowall als Ersatzmann seine Stimme abgeben durfte, der, möglicherweise beeindruckt von diesem Gnadenakt, nur drei Tage später seinen Rückzug aus der Politik bekanntgab.

Dass eine Partei, deren "neues Programm" von Zukunftshoffnungen wie Karl Blecha und Josef Cap entworfen wird, mit der Nachwuchsförderung Probleme hat, ist nicht weiter verwunderlich. Umso bitterer, wenn dann noch die Parteijugend beim Realisieren ungewöhnlicher Ideen brutal scheitert, so wie es jetzt in Laa an der Thaya passiert ist.

Dort haben sich vor kurzem der Pressesprecher der SJ Niederösterreich Matthias Punz sowie sieben weitere SJ-Funktionäre einen Zweitwohnsitz zugelegt. Ein starkes Signal gegen die Landflucht aus grenznahen Gebieten, aber auch ein Denkanstoß angesichts der allgemein angespannten Situation am Wohnungsmarkt. So haben insgesamt gleich neun neu angemeldete Personen aus dem SPÖ-Umfeld im bescheidenen Einfamilienhaus eines Laaer SPÖ-Stadtrates Platz gefunden. Eine Aktion mit Vorbildwirkung, auf die der örtliche Koalitionspartner ÖVP sofort reagierte, indem die Volkspartei das Haus eines ihrer Gemeinderäte als Wohnort von elf wahlberechtigten Bürgern deklarierte. Dass wiederum ließ der SPÖ-Vizebürgermeister nicht auf sich sitzen und stockte die Belegschaft seines Eigenheims auf rekordverdächtige neunzehn Personen auf.

Eine sensationelle Entwicklung, die wohl noch in ungeahnte Höhen der Wohnökonomie geführt hätte, wenn sie nicht durch ein von der Opposition gestreutes Gerücht gestoppt worden wäre, wonach es sich beim Zuzugsboom großteils um Scheinanmeldungen von Parteigängern für die im Jänner bevorstehende Gemeinderatswahl handle.

Die Wahlbehörde hat darauf hin alle neu zugezogenen SPÖ-Jugendfunktionäre aus dem Wählerverzeichnis gestrichen. Eine herbe Enttäuschung für die Neo-Laaer, zu der auch SJ-Pressesprecher Punz bei einer telefonischen Nachfrage nicht Stellung nehmen möchte.

Menschlich verständlich, dass einem gerade seiner Stimme Beraubten die Worte fehlen, aber vielleicht tröstet ihn die Tatsache, dass fünf neu gemeldete Personen nach wie vor in Laa wählen dürfen. An ihrer Wohnadresse gibt es zwar weder Badezimmer noch Betten, doch dafür ist sie von großer Symbolkraft. Es handelt sich um das örtliche SPÖ-Volksheim, dessen Name nach dem Motto "Wir sind das Volk" hier wirklich einmal beim Wort genommen wird. (Florian Scheuba, DER STANDARD, 4.12.2014)

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