Mit statistischer Akribie gegen Ungerechtigkeit

Porträt4. Dezember 2014, 05:30
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Die Wienerin war die erste sozialdemokratische Ministerin und erste Wissenschaftsministerin

Als "Dame" wurde Hertha Firnberg oft beschrieben. Nicht zuletzt, um einen besonders scharfen Kontrast zu anderen ihr nachgesagten Eigenschaften zu zeichnen. Zahlenverliebt, strategisch und durchsetzungsstark sei sie eben "auch" gewesen. Über derartige, scheinbar erstaunliche Kombinationen wunderte man sich zu Firnbergs Zeit als Politikerin gern auch öffentlich. Hannes Androsch, damaliger Finanzminister, will etwa Anfang der 1970er-Jahre mit "bewunderndem Amüsement" eine "raffinierte bis brutale" Taktikerin in Firnberg erkannt haben.

Gänzlich unbeirrt vom frauenfeindlichen Ton dieser Zeit blieb auch eine Hertha Firnberg nicht. Zumindest in jüngeren Jahren. Als Studentin verließ sie nach zwei Semestern die juristische Fakultät, nachdem ein Professor erklärt hatte, Frauen aus Prinzip keine Prüfung bestehen zu lassen. Für die Eltern hingegen war Bildung für Mädchen selbstverständlich. Ihre Mutter Anna betrachtete Bildung als Privileg, das Buben wie Mädchen gleichermaßen zustehen soll. Und Vater Josef, Gemeindearzt, war stets um die Förderung seiner Kinder bemüht. Hertha kam am 18. September 1909 in Wien als erstes von insgesamt vier Kindern der Firnbergs zur Welt.

Soziale Benachteiligung in Zahlen

Ihre Kindheit beschrieb Hertha Firnberg als "geborgen in einer wunderbaren Familie". Schon als Schülerin trat sie in die sozialdemokratischen Fußstapfen ihrer Eltern und wurde Mitglied im "Bund sozialistischer Mittelschüler". Während der NS-Diktatur arbeitete sie als freie Wirtschaftsjournalistin und Prokuristin eines Modeverlags. 1946 wurde Firnberg Assistentin am Seminar für Wirtschafts- und Kulturgeschichte der Uni Wien.

Soziale Benachteiligung in Zahlen fassen: Dieser Leidenschaft konnte Firnberg als Leiterin der Abteilung Statistik in der Niederösterreichischen Arbeiterkammer (1948–1969) nachgehen. Auch für die Emanzipation von Frauen waren Zahlen Firnbergers liebstes Instrument. In ihrer Kolumne "Die Zahl der Woche" für die "Neue Frau" schrieb sie über die Entwicklung in der Mädchenbildung, Arbeitszeiten von Müttern und Preisanstiege. Diskriminierung außerhalb eines klaren Zahlenterrains, etwa in Form von verbalen Übergriffen, wurde von Firnberg allerdings oft als Bagatelle eingestuft. Ab 1963 gehörte sie dem Nationalrat an.

Schwester Trude an ihrer Seite

1970 machte Bruno Kreisky sie zur ersten SPÖ-Ministerin und übergab ihr das neugeschaffene Wissenschaftsministerium, das sie 13 Jahre leitete. Die Öffnung der Unis war eines ihrer zentralen Ziele: Weder die Brieftasche der Eltern noch das Geschlecht dürften den Besuch einer Hochschule verhindern. Freifahrten, zusätzliche Heimplätze für Studierende und auch der Zugang zu einem Studium ohne Matura durch die Studienberechtigungsprüfung fielen in ihre Amtszeit. Das Wissenschaftsbudget wurde vervierfacht, die Forschungsförderung gesteigert.

Nach zwei gescheiterten Ehen (1932–1942 und 1947–1949) und einer glücklichen Partnerschaft mit Ludwig Siegfried Rutschka, der 1970 starb, unterstützte ihre Schwester Trude die Politikerin, wo sie konnte, und pflegte sie auch im hohen Alter. Hertha Firnberg starb am 14. Februar 1994 im Alter von 84 Jahren in Wien. (Beate Hausbichler, DER STANDARD, 10.12.2014)

  • Hertha Firnberg war von 1976 bis 1981 SPÖ-Frauenvorsitzende.
    foto: nora schuster/imagno/picturedesk

    Hertha Firnberg war von 1976 bis 1981 SPÖ-Frauenvorsitzende.

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