Gatschhupfen ohne Gatsch

Blog5. Dezember 2014, 05:30
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Vienna Indoor Trail: Geländelaufen in der Halle klingt ein bisschen wie Duschen im Trockenanzug und Schwimmen ohne Wasser

Eigentlich wollte ich bösartig und zynisch sein. Weil Wetter für mich dazu gehört. Und es im (nichtalpinen Bereich) sowas wie "schlechtes Wetter" ja tatsächlich kaum mehr gibt. "Mehr", weil moderne Funktionsmaterialien … und so weiter. Außerdem wollte ich höhnen, weil ich - siehe oben - ja schon Hometrainerradeln und Laufbandlaufen komisch finde: Nix gegen gelegentliches Herumgestrampel auf der Walze und Herumgetrotte am Band, um unter Laborbedingungen irgendwas raus zu kriegen. Oder in einer Spinningstunde einer Zielperson beim Schwitzen in den Ausschnitt oder auf den Hintern zu gaffen. Aber ausschließlich? Ich bin doch kein Hamster!

Nur: Blöderweise bin ich zur Zeit Walzen-Radler (daheim) und Gar-nicht-Läufer. Das raubt jene moralische Autorität, die man braucht, um mit dem Zeigefinger auf andere zu zeigen. Und als ich mich am Montag hinsetzte, um diesen Text zu schreiben, hatte eine Mitläuferin gerade via Facebook geseufzt: "Bei diesem Wetter beneide ich Dich: Ich hab nämlich keine Ausrede, jetzt nicht laufen zu gehen." Im Freien versteht sich. Und auch wenn ich es - natürlich - nie zugegeben hätte: Ich saß ganz gern drinnen. Daheim. Im Trockenen & Warmen.

Vienna Indoor Trail

Noch etwas: Ich hatte den von Armin Thurnher so oft (ironisch) strapazierten Satz, dass Recherche von Meinungsschwäche zeuge, respektive zu ihr führt, in die Tat umgesetzt - und mich mit Hannes Menitz getroffen. Der ist Geschäftsführer der MSM-Sportmedia-GesmbH. Und in dieser Funktion Veranstalter des "Vienna Indoor Trail". Der findet - no na - in der Halle statt. genauer: in zwei Hallen. Am 14. Dezember in der Messe Wien.

foto: indoortrail
Hannes Menitz, Veranstalter des Vienna Indoor Trail.

Menitz versuchte gar nicht, mir zu widersprechen: Dass die Kombination von "Trail" und "Indoor" klinge, als versuche jemand beim Schwimmen nicht nass zu werden, stimme schon. Auch, dass der Reiz des Laufens im Allgemeinen und des Traillaufens im Besonderen das Spiel mit Wind und Wetter sei - und diese beiden Faktoren in zwei je 17.000 m2 großen Messehallen eben entfallen. Ebenso wie der Faktor "Gatsch" - nicht, weil man in eine Halle keine Schlammmlöcher, Lacken und Sumpfzonen einbauen könne, sondern aus einem anderen Grund: Die glatten Böden der Messehallen im Wiener Prater sind ohnehin rutschig - und verwandeln sich in Eislaufplätze, wenn sie feucht oder nass werden: "Eine Frage der Sicherheit."

Das mit der Rutschpartie weiß der Wiener aus Erfahrung: Zweimal hat er hier zum Indoor-Marathon gebeten. Beim ersten Mal hatte Menitz Pech: Die Teilnehmerzahl war ok. Doch ein geringfügiger Messfehler, zu dem ein oder zwei "aus Notausgang-Gründen kurzfristig amtlich um ein paar Meter verrückte Kurven-Gitter kamen", kumulierte dank der Multiplikation mit der Rundenzahl (16) zu einer signifikanten Abweichung unter die magische 42,195 Kilometermarke. Und zu einem (social)-medialen Shitstorm.

foto: schedl

Beim zweiten Mal passte die Strecke zwar, doch der Veranstalter selbst meint, "dass ein Marathon in zwei Messehallen keine Stimmung entwickelt": Bei einem Marathon will man den Läufern möglichst wenige enge, verschlungen Kurven zumuten - also war der Lauf in zwei Schleifen durch zwei Hallen plus einer 500-meter-Gerade durchs Foyer ein bisserl "emotionslos: Für Läufer, Publikum und Sponsoren."

Beim Traillauf dagegen, könne - und werde - man walten und gestalten: Am 9. Dezember rücken die Bagger an. Im Wortsinn: 400 Kubikmeter Erde (80 LKW-Fuhren) , 150 Kubikmeter Rindenmulch, 300 Baumstämme, 400 Pfosten und Balken, 200 Sträucher, Palmen und andere lebende Pflanzen, zahllose Steine, Felsbrocken und stapelweise Traktorreifen sowie 50 große Strohballen sollen auf und neben der kurvigen und auch für das Publikum gut einsehbaren Strecke Hindernisse, Atmosphäre und Flair schaffen. "In der Halle hat es konstante 15 Grad. Es ist windstill und regnet nicht - also müssen wir inszenieren und auch sonst eine Menge tun, damit es nicht fad wird."

Und obwohl der Lauf-Profi betont, dass er von den Indoor-Trail-Events in der Dortmunder Westfalenhalle "bewusst keine Anleihen nimmt, weil wir unsere eigenen Erfahrungen machen wollen", schießt der Veranstalter nicht auf gut Glück ins Blaue der Gatschhupf-Szene: Trailrunning ist das große Ding in der Laufwelt. Und das Setting des Indoor-Trails spricht genau die Sprache des Trends: Man kann fünf, 7,5 oder zehn Kilometer laufen (eine Hallenrunde ist 2,5 Kilometer lang). "Vor allem Fünfkilometerläufe sind beliebt", weiß Menitz - jedenfalls sage das seine langjährige Erfahrung als Ausrichter der X-Cross-Läufe auf der Donauinsel und des Österreich-Ablegers der Fisherman´s Friends Strongman-Laufserie im Salzburgischen: "Da kommen Leute, die sich einen Halb- oder Vollmarathon nie zutrauen würden. Fünf Kilometer schafft aber jeder."

Doch es gehe nicht nur um Trainings- oder Ausdauerlevels: "Die Langstreckendistanzen wirken für Nicht-Langstreckenläufer oft eintönig und langweilig." Und da ist noch etwas: "Man kann Trail-Läufe nicht miteinander vergleichen. Jeder ist komplett anders - und ob ich für zehn Kilometer eine oder eineinhalb Stunden brauche, sagt überhaupt nichts darüber aus, wie ich im Vergleich zu anderen Läufern bei anderen Bewerben dastehe. Das ermutigt viele, es zu versuchen."

1.000 bisher fix angemeldete Startern und Starterinnen, klingen nach einer nicht unbedingt überbuchten Sache - andererseits würde ein Vielfaches an Anmeldungen Probleme bringen: "Wir lassen die Leute in vier Blöcken starten. Mit jeweils einer Stunde Abstand: Wir wollen Gedrängel und Geschubse auf alle Fälle verhindern."

Signifikant mehr Teilnehmer wären nur mit einer zeitlichen Verlängerung des Events denkbar: Mit Abend- und Nacht-Starts oder einem Schul-Trail-Tag am Freitag. "Den denken wir für kommendes Jahr schon an. Da könnten sich die Kids richtig austoben." Sollen Kinder also nicht mehr im Freien durch den Gatsch hirschen? "Natürlich sollen sie das. Gatschhupfen macht Spaß. Nicht nur Kindern. Aber ein Lehrer, der mit Schülern Geländelaufen geht kommt heute in Teufels Küche, wenn sich ein Schüler den Haxen verknaxt."

Das, betont Menitz, könne natürlich auch in der Halle passieren - aber eben doch im "gesicherten" und kontrollierten Raum. Den nächsten Sani in Sichtweite. Wo man sich nicht einmal dann, wenn man will, verlaufen kann. Das, so der Indoor-Trailer, sei auch eines der Argumente, das viele Erwachsene zu Hallen-Geländeläufern mache: Laufen draußen, im asphaltfreien Raum, klänge zwar sexy - sei aber eben doch auch ein bisserl unheimlich. Wie alles, was man nicht kennt. "Und so kann es jeder Mal versuchen. Ohne Risiko." (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 5.12.2014)

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