Tuğçes Tod darf nicht umsonst gewesen sein

Userkommentar4. Dezember 2014, 09:04
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Der tragische Tod von Tuğçe A. zeigt einmal mehr, wie wichtig eine effiziente Bildung für junge Menschen ist. Statt ihr lediglich das Bundesverdienstkreuz zu verleihen, wäre es sinnvoller, ihr mit einer umfassenden Bildungsrevolution die letzte Ehre zu erweisen

Ich kann nur mutmaßen, was für ein Mensch die junge Lehramtsstudentin Tuğçe A. war. Auf ihren Bildern sieht man eine lebensfrohe, leidenschaftliche und intelligente Frau, die bedauerlicherweise zur falschen Zeit am falschen Ort war. Dass sie selbstlos eingeschritten ist, als zwei Mädchen von einem 18-Jährigen bedroht wurden, verrät viel über ihren Charakter. Als sie schließlich die geballte Aggression und den Frust eines Gewalttäters abbekam, war ihr junges Leben erloschen. Eine ganze Nation ist nun davon betroffen. Die Betroffenheit reicht sogar über die Grenzen hinaus, weil man eine Zivilcourage dieser Art sicherlich nicht von einer Türkin erwartet hatte. Ich werde irgendwie das Gefühl nicht los, dass sich die deutsche Gesellschaft nun mit einem schlechten Gewissen herumplagt, weil es jahrelang Konsens war, dass junge Türkinnen als unterdrückte Opfer ihrer eher unterdurchschnittlich gebildeten Familien galten und nicht als selbstbewusste und mutige Frauen, die sich in der Gesellschaft engagieren.

Angesichts dieses Ereignisses möchte die Gesellschaft Köpfe rollen sehen, damit ihr Tod gerächt wird. Der eine oder andere verlangt eine möglichst strenge Bestrafung des aggressiven Täters. Ja, sogar ich wünsche mir, dass der Täter nicht mit einer geringen Jugendstrafe davonkommt und möglichst hart nach dem Erwachsenenstrafrecht verurteilt wird. Doch jeder weiß auch, dass das nicht passieren wird. Auch die höchste Jugendstrafe – zehn Jahre – wird er nicht bekommen, weil nach gegenwärtigem Ermittlungsstand kein geplanter Mord zu erkennen ist.

Verlangen nach strenger Strafe ist Rachegefühlen geschuldet

Der Wunsch, den Täter möglichst hart zu bestrafen, resultiert aus bloßen Rachegefühlen, die Tuğçe A. nicht zurückbringen werden. Denn selbst wenn der Täter lebenslänglich hinter Gittern landet, was haben wir denn davon? Schreckliche Vorfälle dieser Art wird es leider auch in Zukunft geben. Die Wurzeln des Problems werden durch gesellschaftliche Racheakte nicht gelöst werden. Dies zeigen weitere traurige Beispiele:

Im September 2009 wurde der Manager Dominik Brunner im Münchner S-Bahnhof Solln von Jugendlichen zu Tode getreten, weil er Kinder beschützen wollte, die zuvor von den aggressiven Jugendlichen angepöbelt worden waren. Brunner wurde mit zahlreichen Preisen posthum ausgezeichnet und eine Stiftung nach ihm benannt. Die beiden Täter bekamen Jugendstrafen von sieben und neun Jahren und sind mittlerweile wegen guter Führung entlassen.

Im Oktober 2012 geriet Jonny K. mit seinen Freunden in einen Konflikt mit sechs anderen Jugendlichen, bei dem der 20-jährige Berliner mit einem Schlag gegen den Kopf niedergestreckt wurde und an den Folgen eines Blutgerinnsels im Gehirn starb. Die drei Haupttäter wurden lediglich zu acht Monaten sowie zwei und vier Jahren Haftstrafe verurteilt.

In beiden Fällen wurde im Anschluss emotional über Jugendkriminalität diskutiert und nach Auswegen aus diesem Problem gesucht. Passiert ist gar nichts. Noch immer werden zahlreiche junge Menschen in Deutschland, aber auch in Österreich und ganz Europa, Opfer von jugendlicher Aggression und Frustration.

Bildungsrevolution statt Bundesverdienstkreuz

Jetzt wurde Tuğçe A. vom hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen. Eine überaus ehrenhafte Geste. Das Grundproblem wird nach der Verleihung jedoch nicht gelöst werden. Tuğçe A. könnte man ehren, indem man die Ursachen von Jugendkriminalität bekämpft und diesen Menschen Bildung gibt. Einmal mehr fordere ich an dieser Stelle kein Bildungsreförmchen, sondern eine Bildungsrevolution.

Weil wir in Deutschland einen Flickenteppich an verschiedenen Schulen haben und der Bildungserfolg weiterhin von der sozialen Herkunft abhängig gemacht wird, werden Millionen potenzielle Leistungsträger ignoriert und im Stich gelassen. Unter diesen Jugendlichen macht sich eine tiefe Frustration breit. Sie wachsen in einem bildungsfernen Milieu auf, wo Chancenlosigkeit und Perspektivlosigkeit vermittelt werden. Frustration schlägt sich in Hass und Aggression um, die bei der geringsten gefühlten Provokation explodieren. Das können auch, wie neulich, harmlose Ermahnungen und Zurechtweisungen sein.

Deswegen muss das bestehende Schulsystem abgeschafft und ein einheitliches Ganztagsschulsystem – eine Gesamtschule – eingeführt werden, wo alltagstaugliche Inhalte auf dem Stundenplan stehen. Eine Ganztagsschule holt die Jugendlichen von der Straße und gibt ihnen einen sinnvollen Ort zum Ausleben ihrer Potenziale. Ich bin mir sicher: Tuğçe A. hätte das auch gewollt. (Onur Kas, derStandard.at, 4.12.2014)

Onur Kas (24) hat Politikwissenschaften an der Universität Duisburg-Essen studiert und in Deutschland selbst eine Gesamtschule besucht.

  • Kerzenmeer zu Tuğçes Gedenken.
    foto: ap/michael probst

    Kerzenmeer zu Tuğçes Gedenken.

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