Finanz auf der Suche nach Hotelschläfern 

4. Dezember 2014, 05:30
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Wirbel um neuen Hotelvertrag für die Bundesfinanzakademie: Die Gewerkschaft befürchtet, dass tausende Zimmmer umsonst bezahlt werden

Wien - Lernen können Finanzbeamte, so sie wollen, viel: Jährlich werden zwischen 800 und 1000 Fortbildungskurse angeboten. Es gibt Veranstaltungen zu Steuer- und Zollverwaltung, Kommunikationstrainings, IT-Schulungen und vieles mehr.

Die Zentrale der Bundesfinanzakademie, die für die Bildungsangebote verantwortlich ist, liegt seit dem Vorjahr im zehnten Wiener Gemeindebezirk, in unmittelbarer Nähe zum neuen Hauptbahnhof. Häufig dauern die dortigen Kurse mehrere Wochen, zum Teil sogar mehrere Monate. Die Beamten aus den Bundesländern müssen also im Hotel untergebracht werden. Als Partner wurde das Hotel "Zeitgeist" gefunden, das direkt neben der Akademie angesiedelt ist.

Pauschalvertrag

Der neue Vertrag sorgt nun innerhalb des Finanzministeriums für Debatten. Der Vorwurf, der bei den jüngsten Personalvertretungswahlen zum Thema geworden ist: Der Kontrakt sei nachteilig für das Ministerium. Worum geht es genau? Wie die Finanzgewerkschafterin Hermine Müller (Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter) im Gespräch mit dem STANDARD schildert, wurde ein Pauschalvertrag für 30.000 Nächtigungen pro Jahr abgeschlossen. Kostenpunkt: Rund 1,5 Millionen Euro.

Eine derart hohe Nächtigungszahl sei schon bisher schwer zu erreichen gewesen, heißt es (im alten Vertrag sollen es 28.000 gewesen sein). Ab 2015 müssen die Finanzbediensteten allerdings vor dem Wochenende immer aus- und am Montag wieder einchecken. Die Reisekosten übernimmt der Arbeitgeber, also das jeweilige Finanzamt. Entsprechende Dienstanweisungen an die Mitarbeiter sollen bereits erfolgt sein.

Ungenutzte Zimmer

In der Finanzgewerkschaft schätzt man, dass dadurch 5000 bis 6000 Zimmer pro Jahr nicht genutzt werden, die aber über die Pauschale bezahlt werden müssen. Der Hotelbetreiber hat den Vorteil, dass er die Zimmer am Wochenende anderweitig vergeben kann.

Im Finanzministerium wollte man sich auf Anfrage über mehrere Tage nicht näher zum Sachverhalt äußern. Verwiesen wurde lediglich darauf, dass der Hotelvertrag "geprüft" werde, mit dem Ziel, "weitere Kostenoptimierungen zu erreichen". "Ergebnisse liegen aber noch nicht vor", teilte ein Sprecher mit.

Langfristiger Vertrag

Dem Standard wurde aber auch von anderen Quellen bestätigt, dass der Vertrag längst unterschrieben sei. Er soll, wie der alte, gleich bis zum Jahr 2028 laufen, und im Falle einer Kündigung eine Pönale in Höhe von 1,5 Millionen (ein Jahresumsatz) vorsehen. Dem Vernehmen nach ist die Finanzakademie nun aber beim Abrufen der Zimmer flexibler. Vereinfacht gesagt: Früher waren täglich 105 Zimmer für die Finanzbediensteten reserviert, künftig können an manchen Tage mehr, an anderen weniger gebucht werden.

Die jährlichen Kosten - also die 1,5 Millionen - sollen aber doch um einiges niedriger sein als im alten Vertrag. Die Frage, ob sich das Nachverhandeln gerechnet hat, wird also davon abhängen, ob tatsächlich das vereinbarte Nächtigungskontingent ausgeschöpft werden kann und um wie viel die Reisekosten der Beamten künftig steigen werden. (Günther Oswald, DER STANDARD, 4.12.2014)

  • Das Hotel "Zeitgeist" gehört zum neuen Areal rund um den Wiener Hauptbahnhof. Direkt nebenan befindet sich die Bundesfinanzakademie, die der Hauptkunde des Hotels ist.
    foto: zeitgeist

    Das Hotel "Zeitgeist" gehört zum neuen Areal rund um den Wiener Hauptbahnhof. Direkt nebenan befindet sich die Bundesfinanzakademie, die der Hauptkunde des Hotels ist.

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