Klassenkampf auf Frankreichs Straßen

3. Dezember 2014, 07:00
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In Frankreich gehen dieser Tage tausende Arbeitgeber auf die Straße, um gegen die Politik der Regierung zu protestieren

Die Fäuste reckende Direktoren, die unter Transparenten durch die Straßen ziehen: Das ist sogar für französische Verhältnisse etwas Besonderes. In diesem Jahrtausend ist es auf dem Pariser Pflaster noch gar nie vorgekommen. Diese Woche organisieren die drei Unternehmerverbände Medef, CGPME und UPA eine Aktionswoche, um gegen diverse Regierungsbeschlüsse und -projekte zu protestieren.

Den Auftakt machten am Montag Kundgebungen von Paris bis Toulouse, bei denen insgesamt 10.000 Kleinunternehmer und Industrielle auf die Straße gingen. Sie wollten dem lauthals demonstrierenden Arbeiterproletariat in nichts nachstehen: Mit Nebelhörnern, Knallkörpern und Megafonen ausgerüstet, zogen gestandene Patrons Parolen skandierend über die Boulevards; in Paris ketteten sie sich vor dem Finanzministerium an und schrien: "Befreit unsere Unternehmen", "Das Maß ist voll" oder "Steuern, Gebühren, Abgaben - zu viel ist zu viel."

Abstriche gefordert

Konkret fordern die Unternehmerverbände Abstriche an drei Beschlüssen der Linksregierung. Ein Teilzeitvertrag muss demnach über mindestens 24 Stunden pro Woche gehen; ein Firmenverkauf ist der Belegschaft zwei Monate im Voraus vorzulegen; und wer eine beschwerliche Arbeit leistet, erhält jedes Jahr eine gewisse Anzahl von Punkten, die ihm erlauben, bis zu zwei Jahre vor dem regulären Rentenalter (62) in Pension zu gehen.

Vor allem die letzte Neuerung, die ein Wahlversprechen des sozialistischen Präsidenten François Hollande darstellte, brachte die Arbeitgeber auf die Straße. "Ich habe keine Lust, die Hälfte meiner Arbeitszeit mit solchen Berechnungen für die Bürokratie zu verbringen", schnauzte ein bretonischer Transportunternehmer namens Philippe, der nach eigener Darstellung nun dauernd eruieren muss, ob einer seiner drei Angestellten gerade eine beschwerliche Arbeit leistet.

Zehn Kriterien

Letztere wird durch zehn Kriterien umschrieben - Arbeiten bei Lärm, Vibrationen oder extremen Temperaturen; monotone, gefährliche, Nacht- oder wechselnde Schichtarbeit; und ferner auch Malochen mit gekrümmtem Körper (Arme über der Schulterlinie, Wirbelsäule 45 Prozent geneigt) oder natürlich mit schweren Lasten (regelmäßig 15 Kilo gehoben oder 250 Kilo verschoben). "Wie soll ich messen, wann welcher meiner Arbeiter wie viele Lasten trägt?", fragte Philippe am Rande des Demonstrationszugs. Ein Bäcker meinte, die Temperatur an seinen Öfen variiere zwischen 20 und 34 Grad, und er könne doch "nicht jedem Arbeiter ein Thermometer anhängen".

Die Regierung hat teilweise bereits nachgegeben und setzt nun mit Jahreswechsel erst vier weniger umstrittene Kriterien für "penible" Arbeit in Kraft. Ansonsten bleibt sie aber hart. Der sozialistische Fraktionschef Bruno Le Roux drohte den Patrons, die von Hollande versprochene Senkung der Firmenabgaben um insgesamt 40 Milliarden Euro bis 2016 rückgängig zu machen.

Gegenproteste

Noch weniger Verständnis für die Arbeitgeberproteste haben die Gewerkschaften. Die kommunistische CGT organisierte am Dienstag eine "festliche und laute Prozession", wie sie erklärte. "Um die Initiative der flennenden Großunternehmer ins Lächerliche zu ziehen", wie sie offiziell verlauten ließ, waren Sympathisanten aufgerufen, sich als gestandene Kapitalisten mit Zigarre und Zylinder zu verkleiden und vom Medef-Sitz bis zur Botschaft Luxemburgs zu ziehen - wo die Firmen ihre Profite deponierten, wie die Zeitung L'Humanité schrieb.

Das einstige KP-Blatt rechnet vor, dass die vierzig Konzerne des Pariser Börsenindexes Cac 40 im ersten Halbjahr insgesamt 31 Milliarden Reingewinne an ihre Aktionäre ausgezahlt hätten, während die Investitionen der französischen Unternehmen insgesamt zurückgingen. Seit Jahresbeginn sei die Zahl der französischen Milliardäre von 55 auf 67 gestiegen. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 3.12.2014)

  • Ein 42-jähriger Metzger aus Le Havre namens Willy erklärte beim Umzug, er arbeite sechs Tage in der Woche für ein Nettosalär von 1000 Euro. Wegen zusätzlicher Abgaben blieb aber fast nichts übrig.
    foto: reuters / charles platiau

    Ein 42-jähriger Metzger aus Le Havre namens Willy erklärte beim Umzug, er arbeite sechs Tage in der Woche für ein Nettosalär von 1000 Euro. Wegen zusätzlicher Abgaben blieb aber fast nichts übrig.

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