Erster Test: Das neue ORF-Programm in der Kantine

2. Dezember 2014, 17:59
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Frischer, knackiger: Damit tun sich Asia-Brokkoli am Nachmittag naturgemäß schon ein bisschen schwer

"Ich hoffe, Sie haben bereits Veränderungen bemerkt", schrieb ORF-Direktor Richard Grasl am Freitag tausenden ORF-Mitarbeitern. Womöglich am Programm? Genau - aber ihrem betriebsgastronomischen Programm. Konkreter: In den von Mitarbeitern nicht durchwegs heiß geliebten Kantinen auf dem Küniglberg und im Funkhaus, betrieben von Sodexho.

Bisher eher angespeist

Im April wollte das ORF-Management von seinen Mitarbeitern wissen, was sie von den Betriebs-Ausspeisungen halten. Sie wirkten eher angespeist. Oder, in Wirtssohn Grasls Worten: "Die Ergebnisse haben klar gezeigt, dass die Mehrheit der Mitarbeiter mit der bisherigen Situation unzufrieden war." Und: "Daher haben wir umgehend Verbesserungsmaßnahmen eingeleitet."

"So dicht wie möglich"

Die Speisen würden ab 1. Dezember frischer zubereitet. Die "Produktion wird so dicht wie möglich an den Ausgabezeitpunkt angepasst", heißt das dann. So dicht wie möglich ist in Medienkantinen alter Schule ein durchaus gängiger Begriff, der allerdings nicht unbedingt die Frische der Produktion erhöhte. In der Funkhaus-Kantine aber geht es nun um "zeitnahe Fertigstellung" bei "minimalen Standzeiten". Eine so zentrale Entwicklung im ORF kann ich mir als hauptberuflicher Medienredakteur nicht entgehen lassen.

Leider war ich am Montag ziemlich spät dran, jedenfalls für eine Funkhaus-Kantine. 15 Uhr ist nicht gerade ein repräsentativer Zeitpunkt für die Frische eines Mittagsmenüs, übrigens für 6,50 mit Suppe und Nachspeis.

foto: fidler

Cevapcici, Pute, Brokkoli

Der Frische geschuldet sind nun nur, aber immer noch drei Varianten - Hausmannskost, am Montag im Funkhaus Cevapcici mit Pommes und "Senfragout", wollte ich so weit am Nachmittag nicht mehr probieren. Die "internationale Küche" repräsentierte am Montag Putengeschnetzeltes mit Kerbeltagliatelle und Gemüse. Ich nahm, weils grad vor mir Stand (neue, große Beschilderung!) das vegetarische Menü: Brokkoli asiatisch auf Tofu-Mandelreis.

Tofutechnisch kann man von einem Mittagsmenü vermutlich nicht mehr erwarten, der Mandelreis war anständig und knackig. Die Brokkoli tun sich natürlich, und das meine ich wirklich ehrlich entschuldigend, um 15 Uhr mit der Knackigkeit schon etwas schwer. Dafür aber waren sie doch noch recht ordentlich. Zum letzten Brokkolirestl aus der warmhaltenden Nirowanne kam immerhin noch ein Schöpfer der nächsten Generation aus dem Topf.

foto: fidler

Jo! Ghurt!

Vorher eine durchaus annehmbare Rindssuppe mit ein paar feinen Nudeln, hier ist fein nicht geschmacklich zu verstehen. Als Dessert suchte ich mir ein erfreulich wenig süßes Joghurt mit ein paar durchaus knackigen Fruchtstücken aus, die mir erfreulich wenig nach Dose und Kompott zu schmecken schienen.

Nun kann man von einem ersten Tag mit bisschen Brokkoli, Asien, Reis, Rindssuppe und Joghurt gewiss noch nicht auf gewaltige Fortschritte Begeisterung bei der nächsten Umfrage schließen. Aber: Es könnte jedenfalls schlimmer kommen aus einer Kantine.

Aber als Nächstes kommen die Mitarbeiter, jene im Funkhaus nämlich, zur Kantine: Auf dem Küniglberg sollen ja in ein paar Jahren Redakteure und andere Programmmacher von Radio, Fernsehen, Online und was es sonst noch so gibt an ORF-Medien zusammenarbeiten. Und zusammen essen.

Arbeitsgruppe und Consulter für die Kantine

Und weil auch Arbeitszufriedenheit durch den Magen geht, lässt der Sender nicht nur rund ein Dutzend Arbeitsgruppen am gemeinsamen Newscenter arbeiten und Boston Consulting mit dem ORF-General an der neuen Führungsstruktur für den ORF. Sondern auch eine weitere Arbeitsgruppe von ORF-Mitarbeitern und dazu eine große deutsche Beratungsfirma an einem Konzept für die künftige Betriebsgastronomie auf dem Küniglberg.

Anfüttern wie RTL und Funke-Gruppe

Auch in der Betriebskulinarik wählte der ORF keine kleine Consultingfirma, jedenfalls nach den Kundenreferenzen zu schließen: Die Düsseldorfer Altenburg Unternehmensberatung betätigt sich in Betriebs-, Campus- und Schulverpflegung ebenso wie jener von Patienten und Senioren, sie berät Hotels und Restaurants, Sport- und Freizeitanlagen und Veranstaltungslocations aller Art.

Auch in der Anfütterung von Medienmenschen hat die Düsseldorfer Unternehmensberatung schon Erfahrung: Auf der Kundenliste stehen schon RTL und die Funke Mediengruppe (früher WAZ).

Zu große Schritte im Funkhaus verfehlen das Ziel

Nur keine Revolutionen also in der Argentinierstraße, könnte man als Gastro-Strategieberater empfehlen: Allzu dramatische Verbesserungen in der Funkhauskantine wären womöglich aus dem Blickwinkel des "Medienstandorts ORF" auf dem Küniglberg gar kontraproduktiv. Vielleicht sollten wir dort auch wieder einmal nachsehen. Bleiben Sie dran. (Harald Fidler, derStandard.at, 2.12.2014)

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