Herbie Hancock: Bewegung und Stillstand

1. Dezember 2014, 17:03
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Der 74-jährige Tastenmeister gastierte in Quartettbesetzung im Großen Konzerthaussaal

Wien - Aus seinen CD-Projekten kennt man Herbie Hancock als Stil-Chamäleon, das wie ein Staubsauger aktuelle Trends absorbiert: etwa in The New Standard, als er Pop-Songs in den Jazzkontext übertrug, auch in Future 2 Future, seiner Auseinandersetzung mit digitalelektronischen Sounds und Grooves. Zuletzt, anno 2010, in The Imagine Project, für das Hancock mit Gästen aus aller Welt aufnahm.

So wandlungsfähig sich der 74-jährige Tastenmeister in seinen Studioproduktionen gibt, so konservativ ist er im Hinblick auf das Live-Repertoire. Hier setzt Hancock zumeist auf eine Variation des Immergleichen, will heißen: vor allem seiner bekannten Hits aus den 1960er- bis 1980er-Jahren. Dass das nicht unbedingt Fadgasalarm bedeuten muss, bewies er am Sonntag mit Gitarrist Lionel Loueke, E-Bassist James Genus und Trommler Vinnie Colaiuta im ausverkauften Großen Saal des Wiener Konzerthauses.

Denn Hancock choreografierte um die alten Themen, die sporadisch als Referenzpunkte auftauchten, kontrastreiche Soundscapes: Was da mit einer retrofuturistischen, elektronischen Klangwolke begann und dann unvermittelt in ein Hancock-Solo am akustischen Klavier mündete, entpuppte sich etwa als freie Paraphrase des 1962er-Hits Watermelon Man. Während Cantaloupe Island gar als 42-minütiges Sound-Tableau daherkam, in dem kollektive Klangmalereien und rhythmisch akzentuiertere Passagen mit impressionistisch inspirierten Klavierimprovisationen Herbie Hancocks alternierten.

Lionel Loueke kombinierte in seiner obligaten Soloeinlage Vocoder-Vokalisen mit unorthodoxen Gitarrenklängen, die einmal an oktavierten Keyboard-Sound, dann an ein archaisches Percussion-Instrument denken ließen.

Der als Zugabe gelieferte Verschnitt von Rockit und Chameleon tendierte zu sehr in Richtung simplen Hit-Recyclings, wobei Hancock an der tragbaren Keytar durch stupende Vielfalt rhythmisch gepfefferter Licks beeindruckte. Das Publikum applaudierte stehend einer Musikerlegende, die trotz immergleicher Repertoire-Basis noch lange nicht zum Stillstand gekommen ist. (Andreas Felber, DER STANDARD, 2.12.2014)

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