Bryan Ferry: Edel angezogen sei der Mensch und gut

2. Dezember 2014, 11:30
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Der frühere Glam-Rock-Gott von Roxy Music veröffentlicht mit "Avonmore" eine neue Songsammlung unter alten Vorzeichen. Funkige Rocksongs und edler Designerkitsch dominieren, dazwischen finden sich einige Perlen

Wien – Wenn man jung ist, glaubt man, dass die Kunst das Leben imitieren würde. Als Alter weiß man allerdings, dass es sich genau umgekehrt verhält. Die Kunst, als Abziehbild eines alten Ölschinkens nicht zu verzweifeln, besteht darin, mit sich selbst als Klischee positiv umzugehen. Selbst der Selbstbetrug erfordert nicht nur, sondern gerade auch Stil – und er benötigt vor allem Wahrhaftigkeit. Man muss daran glauben, dass man echt ist. Ist ja egal.

Es ist mit absoluter Sicherheit davon auszugehen, dass der große Sehnsuchts- und Wehmutskünstler Bryan Ferry zu hundert Prozent in seiner Kunst aufgeht. Sonst könnte er diesen Job nicht machen. Nicht auf diese Art. Edel sei der Mensch und gut, vor allem aber: edel angezogen.

Irgendwann Anfang der 1980er-Jahre war seine frühere weltbeste Glam-Band Roxy Music parallel zu Freund und Kollege David Bowie dann nicht mehr so gut. Sie verließ die Arbeitsgrundlage, die Form neben den Inhalt zu stellen zugunsten der Form. Unter Ferrys Führung wurde der zwar selbstergriffen und innig dargebotene, edel arrangierte und klanglich distinguiert, auf jeden Fall unaufdringlich die Ohren unter dem gepflegten Haupthaar umschmeichelnde Schöner-wohnen-Pop mitbegründet. Jetzt wurde der Popsong aber nicht mehr länger als Lebensretter konzipiert, sondern als passende Tapete fürs Wohnzimmer, das Auto, die Boutique und auch passend im Büro. Musik fürs Büro, mein Gott.

Die Alben "Avalon" und "Flesh And Blood" besiegelten mit ihren späten Hits in den USA wie "More Than This" und "Dance Away" oder der Single "Jealous Guy" kommerziell äußerst angenehm ausgestattet das Ende von Roxy Music. Seit damals wurde aus dem großen, in Götteralben wie "For Your Pleasure" oder "Stranded" denkenden Bryan Ferry, der zudem in den 1970er-Jahren hundsgemein dekadente und großartige Soloplatten wie "Another Time", "Another Place" oder "Let's Stick Together" veröffentlichte, ein Häppchen-Künstler.

Wie jetzt auch die neue Songsammlung "Avonmore" zeigt, ist der 69-jährige Brite mit der in den letzten Jahren zunehmend zittriger werdenden und wegbrechenden Kopfstimme auf seinen in nicht zu knappen zeitlichen Abständen veröffentlichten Soloalben immer noch für zwei, drei tolle Songs gut.

Neben der zärtlichen elektronischen Perversion "Johnny And Mary", einem alten Hit des britischen Gentleman-Poppers Robert Palmer von 1980 über ein Pärchen in der Sinnkrise, den Ferry heuer ursprünglich für das Debütalbum "It's Album Time" des norwegischen House-DJs Todd Terje einspielte, findet sich so wie auch auf der letzten CD "Olympia" jede Menge Füllstoff, aber wenig Gültiges.

Ferry, der die Keyboard-Parts für "Avonmore" selbst einspielte, beschäftigt neben James-Brown-Saxofonist Maceo Parker, Jazzbassist Marcus Miller und Soul-Altstar Ronnie Spector (als Backgroundsängerin im Chor!) mitunter pro Song bis zu neun Gitarristen. Dazu gehören etwa nicht gerade als Schnäppchen auf dem Markt gehandelte Leute wie Mark Knopfler, Johnny Marr oder Nile Rodgers und Chris Spedding. Zumindest beim Schlagzeug wurde gespart. Das wird von Tochter Tara Ferry bearbeitet.

Die Musiker können allerdings nicht verdecken, dass sich hinter der sündteuren Dekoration solides Handwerk versteckt. Das fußt seit Jahrzehnten auf der Entdeckung einer Tatsache. Ältere Herren machen in der Diskothek beim Antanzen potenzieller, auf jeden Fall sehr viel jüngerer Geschlechtspartner bei dezentem funkigem Midtempo-Rock noch die beste Figur. Die Frisur hält, das Sakko schwitzt nicht durch. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 2.12.2014)

Bryan Ferry: "Avonmore" (BMG)

  • Bryan Ferry, der große alte Mann des dekadenten Edelkitsch- und Schöner-wohnen-Pop, hat trotz wegbrechender Stimme noch einmal ein Album aufgenommen: "Avonmore".
    foto: ap / georgios kefalas

    Bryan Ferry, der große alte Mann des dekadenten Edelkitsch- und Schöner-wohnen-Pop, hat trotz wegbrechender Stimme noch einmal ein Album aufgenommen: "Avonmore".

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