Mossuls Spitäler füllen sich mit IS-Kämpfern

Analyse2. Dezember 2014, 05:30
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Der "Islamische Staat" hat verlustreiche Tage hinter sich – im Irak, aber auch in der syrischen Stadt Kobane. Die Miliz reagiert mit noch mehr Terror

Bagdad/Wien - Es ist viel zu früh, von einer Wende zu sprechen - aber es lässt sich konstatieren, dass die Milizen des "Islamischen Staats" (IS) im Irak erstmals an mehreren Punkten in der Defensive sind. Die irakische Armee, schiitische Milizen und kurdische Peschmerga haben nach der Rückeroberung der Städte Jalawla und Sadiya in der Provinz Diyala ihre Offensive in den Norden und Osten ausgedehnt. Auch die Wiedereinnahme der Raffinerie von Baiji in Salah al-Din wurde gemeldet.

Die Peschmerga sind mit Luftunterstützung der USA südöstlich von Mossul in Makhmur und Gwer auf dem Vormarsch. Die IS hat - vielleicht, um die Peschmerga von anderen Fronten wegzulocken - vermehrt bei Kirkuk angegriffen. Auch die Hauptstadt von Ramadi, Anbar, gilt weiter als von der IS gefährdet.

Zank der Sieger von Sadiya

Manchmal wird jedoch gerade angesichts der Erfolge die Zerbrechlichkeit der irakischen Allianz sichtbar: So beanspruchen sowohl Peschmerga als auch die schiitischen Badr-Milizen den entscheidenden Erfolg in Sadiya: Die Peschmerga haben die Schiiten aufgefordert, die Stadt zu räumen, diese weigern sich.

Auch in Kobane auf syrischem Territorium hat die IS nach Berichten von Al Jazeera mit mindestens 50 toten Kämpfern ein verlustreiches Wochenende hinter sich. In einem Statement - wenn es denn echt ist - scheint die IS diese Verluste auch einzugestehen: Iraqinews bildet ein Dokument ab, in dem die IS beklagt, dass die "Kreuzritter" ihre Kommunikation ausspionieren und sie deshalb gezwungen seien, Mobiltelefone stillzulegen. Offenbar wird vermutet, dass der Luftschlag, der den von der IS in Mossul eingesetzten "Wali" tötete, auf diesem Weg vorbereitet wurde.

In der IS scheint die Angst vor Verrat umzugehen: Es häufen sich die Berichte von internen Liquidationen. Bei Hilla wurden vierzig eilig verscharrte IS-Kämpfer gefunden, die offenbar von den eigenen Leuten umgebracht worden waren.

Unter Generalverdacht scheinen Kämpfer zu stehen, die aus der Gegend stammen, in der gerade gekämpft wird: So wurden ja zu Beginn der Offensive in den Kurdengebieten dutzende Kurden, die in der IS dienten, erschossen. Die Rolle der ausländischen Jihadisten wird dadurch stärker.

Der Druck, unter dem die IS steht, führt dazu, dass sie in den von ihr kontrollierten Gebieten noch ärger haust: In Mossul wurden etwa laut Rudaw zwei irakische Parlamentarierinnen exekutiert, die zuvor, nachdem sie "bereut" hatten, verschont worden waren. Auch die Hinrichtung von Ärzten wird gemeldet, die sich geweigert haben sollen, verletzte IS-Kämpfer zu behandeln. Die IS soll alle Krankenhäuser in Mossul leergeräumt haben, um ihre Verwundeten unterzubringen. Wie für alles, was aus den von der IS beherrschten Gebieten kommt, gibt es keine unabhängige Bestätigung für diese Meldungen.

Die Nord-Süd-Achse der IS im Irak ist unterbrochen, wann jedoch die Regierung in Bagdad einen Vorstoß auf Mossul versuchen wird, ist offen. Die Kurden zeigen wenig Lust, ihre Peschmerga dort einzusetzen: Die Bevölkerung in Mossul müsse mehr für ihre eigene Befreiung tun, ist die Linie. Die irakische Armee ist allein unfähig - erst am Wochenende gab Premier Haidar al-Abadi bekannt, dass 50.000 bei vier Einheiten registrierte Soldaten in Wahrheit nicht existierten.

Versöhnung mit Sunniten

Die schiitischen Milizen sind wiederum ein politisches Problem: So kritisierte Qais Khazali, der Chef der Asaib Ahl al-Haqq, den Besuch des Außenministers der Vereinigten Arabischen Emirate, Abdullah bin Zayed Al Nahyan, in Bagdad: Die Emirate hatten zuvor die Asaib auf ihre Terrorliste gesetzt. Der Besuch wurde als ein erstes Zeichen der wichtigen Verbesserung der irakisch-golfarabischen Beziehungen gesehen.

Ein Rückschlag für die sunnitisch-schiitischen Beziehungen ist das Todesurteil gegen Ahmad al-Alwani nach einem zweifelhaften Prozess unter dem auch international kritisierten irakischen Antiterrorgesetz. Mit der Verhaftung Alwanis im Dezember 2013 begannen die schweren Sunnitenunruhen in Anbar - die den Vormarsch der IS begünstigt haben. Der Stamm des Verurteilten, Albu Alwan, kämpft teilweise gegen die IS und hat einen hohen Blutzoll bezahlt. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 2.12.2014)

  • Eine der zum "Foto des Jahres 2014" gekürten Aufnahmen aus dem Krieg  gegen den "Islamischen Staat". Eine Reporterin und ein Anti-IS-Kämpfer  retten sich bei Aleppo vor Scharfschützenfeuer.
    foto: reuters/jalal al-mamo/files

    Eine der zum "Foto des Jahres 2014" gekürten Aufnahmen aus dem Krieg gegen den "Islamischen Staat". Eine Reporterin und ein Anti-IS-Kämpfer retten sich bei Aleppo vor Scharfschützenfeuer.

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