Prozess in Wien: "El Bandito" als Vergewaltiger

2. Dezember 2014, 07:00
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Ein 25-Jähriger soll einen 14 Jahre alten Schüler mit vorgehaltener Pistole zum Oralsex gezwungen haben. Die Tat filmte er und stellte ein Foto davon auf die Facebook-Seite des Opfers

Wien – Dafür, dass Denis T. im Bekanntenkreis "Psycho" genannt wurde, gibt er sich vor dem Schöffensenat unter Vorsitz von Nina Steindl als völlig normaler, reumütiger, geständiger Sünder. Wohl auf Anraten seiner Verteidiger Rudolf Mayer und Philipp Winkler – ist es bei der zwölfseitigen Anklage wegen Vergewaltigung und gewerbsmäßiger Erpressung doch der einzige Grund, auf eine mildere Strafe zu hoffen.

"El Bandito" nannte sich der Angeklagte auf Facebook, durchaus mit Berechtigung. Im August 2012 wurde er zu 24 Monaten Haft verurteilt, sechs davon unbedingt. Die Delikte: unter anderem sexueller Missbrauch von Unmündigen und Erpressung.

Ende November wurde er wieder entlassen, das "Verspüren des Haftübels", wie es Juristen nennen, hat offensichtlich wenig an der inneren Einstellung des 25-Jährigen geändert.

Rückfall nach drei Monaten

Schon drei Monate später begann er wieder, Schüler zu erpressen – mit durch seinen Ruf untermauerten Drohungen und teils auch körperlicher Gewalt. "Die Opfer mussten alles hergeben, was sie hatten", beschreibt es der Staatsanwalt. Einer der Burschen bekam beispielsweise fünf Euro Taschengeld am Tag – gefordert wurden von ihm 1000 Euro.

"Wie kommt man auf die Idee?", fragt Vorsitzende Steindl. "Ich habe das Geld gebraucht, hatte keine Arbeitserlaubnis und Streit mit meinem Vater", antwortet der gebürtige Serbe.

Allerdings: Er lebte eine Zeitlang auch wieder in seinem Heimatland, arbeitete im Geschäft der Mutter um 200 Euro im Monat mit. Zur Verfügung hatte er mehr: Ein Komplize erpresste eines der Opfer in Österreich weiter und überwies monatlich 400 bis 500 Euro.

Mit Pistole gedroht

Der gravierendste Vorwurf ist die Vergewaltigung eines 14-Jährigen, den Denis T. aus dem Internet kannte, Ende Juli 2013. Man traf sich, und beim zweiten Mal kam es schon zur Tat.

T. nahm den Teenager mit in eine Wohnung, versperrte die Eingangstür, holte eine Pistole und zwang das Opfer zu Oralverkehr. Den filmte der Angeklagte mit seinem Handy – und postete später ein Bild davon auf der Facebook-Seite des 14-Jährigen.

Seine krude Erklärung: "Der postet auch Videos auf Facebook." – "Und das hat Sie dazu bewogen, ein Foto von seiner Vergewaltigung zu posten?", will Steindl ungläubig wissen. "Das war als Verarschung gedacht."

Sein Opfer benötigte ein Jahr lang psychologische Betreuung, kann aus Angst vor Menschenmengen noch immer keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, träumt oft davon und will in Abwesenheit des Angeklagten vernommen werden. "Es war ein Fehler", sagt T. dazu.

Plädoyer auf dünnem Eis

Verteidiger Mayer macht im Schlussplädoyer seinen Job und versucht das Beste für seinen Mandanten herauszuholen. Die Argumentation bewegt sich moralisch trotzdem auf dünnstem Eis, das bedrohlich knackt.

"Was beide Vorwürfe verbindet, ist, dass er noch nicht gelernt hat, dass man sich das, was man will, nicht mit Gewalt nehmen kann." Die "Verherrlichung von Gewalt" sei allerdings ein Problem bei vielen Jugendlichen: "Die verweichlichende Erziehung ist dafür die Ursache. Ich weiß, ich stehe damit ziemlich allein", mutmaßt der Jurist.

Zur Vergewaltigung sagt er: "Es liegt mir wirklich, wirklich fern, dem Opfer die Schuld zuzuschieben – aber eine gewisse Unvorsichtigkeit war dabei", schiebt er doch einen Teil der Schuld ab. Denn der 14-Jährige habe den gewalttätigen Ruf des Angeklagten gekannt.

Strafrahmen ein bis zehn Jahre

Bei einem Strafrahmen zwischen ein und zehn Jahren entscheidet sich der Senat für dreieinhalb Jahre unbedingte Haft, die offene Vorstrafe von 16 Monaten wird nicht widerrufen. "Dass Sie jetzt dazu stehen, hat sich deutlich ausgewirkt", begründet Steindl. T. nimmt das Urteil an – da der Staatsanwalt keine Erklärung abgibt, ist es nicht rechtskräftig.

Wie rechtlich vorgesehen fragt die Vorsitzende am Ende noch, ob T. die Strafhaft in Serbien oder Österreich verbüßen will. Nach kurzer Beratung mit seinem Verteidiger entscheidet er sich für Österreich. "Hier bekommt er psychologische Betreuung", sagt Mayer. "In Serbien nur Schläge." (Michael Möseneder, derStandard.at, 1.12.2014)

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