Die besten Indie-Games im November: Wichtige Spiele

Ansichtssache1. Dezember 2014, 09:52
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Der Winter entführt in so manches düsteres Kapitel

In den Wochen, in denen traditionell die großen Publisher ihre Weihnachtstitel ausrollen, ist auch im Independent-Bereich keine Frequenzverringerung zu spüren. Im Gegenteil: Nicht nur, dass neue Titel zum Spielen einladen, auch bereits altbekannte Klassiker und liebgewonnene ältere Spiele werden weiter veredelt - teilweise sogar zum Nulltarif. So wartet etwa das bereits im Sommer an dieser Stelle empfohlene Horror-First-Person-Spiel "Among The Sleep", in dem Spieler als Babys durch das unheimliche nächtliche Elternhaus krabbeln, mit kostenlosem DLC auf einen Wiederbesuch.

Ein weiterer Kultklassiker ist zumindest aktuell für PS+-Kunden kostenlos, ist aber auch für zahlungswillige Freunde des Bizarren einen Besuch wert: "The Binding of Isaac: Rebirth" (Windows, Mac, Linux, PS4, PS Vita, 14,99 Euro) ist nichts weniger als die runderneuerte, definitive Wiedergeburt des Klassikers des schlechten Geschmacks. Als nacktes Baby kämpft man im niedlich-grotesken Cartoon-Stil gegen allerhand Abscheulichkeiten in dunklen kellern - gemeinsam mit "Spelunky" und "FTL" stellt "Isaac" völlig zu Recht so etwas wie die Dreifaltigkeit des Rogue-likes dar.

Dass auch ein moderater Preis sehr viel Spielspaß bereiten kann, zugleich aber für viel Unzufriedenheit sorgen kann, bewies erst vor kurzem ein Add-on zum vielleicht schönsten (Indie-) Spiel des Jahres: "Forgotten Shores" heißt das DLC zum Mobile-Hit "Monument Valley" (iOS, Android, 3,59 Euro), und mit acht neuen Welten - das Originalspiel bestand aus zehn - ist der gewohnt liebevoll gemachte Nachschlag um 1,79 Euro eigentlich ein Schnäppchen. Doch im Mobile-Gaming gelten andere Regeln: Weil Teile der von Gratisspielen verwöhnten Spielerschaft auch in diesem Minipreis einen unverschämten Affront sahen, hagelte es Ein-Stern-Reviews - ein Armutszeugnis eigentlich, umso mehr, weil sich Mobile-Spiele mit mutigen Konzepten und durch die Bank niedrigsten Preisen neben Indiespielen für andere Plattformen nicht verstecken müssen.

Die folgenden Indie-Perlen sind jedenfalls den Eintrittspreis wert - die besten des vergangenen Monats.

foto: this war of mine

This War of Mine (Windows, Mac, Linux, 18,99 Euro)

Der bemerkenswerteste Titel steht in diesem Monat ganz obenauf der Liste: In der Survival-Simulation "This War Of Mine" erleben Spielerinnen und Spieler den aus anderen Titeln zur Normalität geratenen Kriegszustand einmal aus einer ganz anderen Perspektive. Statt mit der Waffe in der Hand an den Frontlinien den Helden zu spielen, ist man mit dem Management des bloßen Überlebens als Zivilist in einer vom Krieg fast zerstörten Stadt beschäftigt. Wie bei den "Sims" gilt es, die Lebensgeister und Grundbedürfnisse einer Hand voll Menschen im Auge zu behalten, doch der Krieg, das lernt man schnell, erodiert nach und nach nicht nur die Häuser und Städte, sondern auch die Menschen und ihre Seelen. Tagsüber ist man mit dem Verwalten des bedrückenden Mangels beschäftigt, nachts können die anfangs drei Überlebenden ihr Versteck verlassen und ringsum nach Essen, Material oder Medizin suchen.

Die polnischen Entwickler 11 bit Studios haben sich vom Leben im belagerten Sarajewo während der Jugoslawienkriege inspirieren lassen und ein beeindruckend düsteres, packendes und auch deprimierendes Spielerlebnis geschaffen, das keinen Spaß macht, aber dafür beeindruckt und mitnimmt. Zeigte letztes Jahr das großartige "Papers, Please" die psychologischen Mechanismen von Bürokratie und staatlicher Macht, so lässt heuer "This War Of Mine" ein noch dunkleres Thema durch Spieldesign sozusagen am eigenen Leib erlebbar werden. Ein wichtiges Spiel.

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foto: never alone

Never Alone (PC, PS4, XBO, ca. 14,99 Euro)

Die Bezeichnung "Eskimo" wird von den indigenen Völkern im nördlichen Polargebiet gar nicht verwendet, und auch sonst ist das Wissen über diese seit Jahrtausenden in Extremen überlebenden Menschen in unseren Breiten wenig ausgeprägt. "Never Alone" ist ein Versuch, auf spielerische Art und Weise von den Inupiat zu erzählen, einem Volk der Inuit, das in Alaska lebt. Das liebevoll gestaltete Jump’n’Run mit Adventure-Elementen wurde in enger Kooperation mit Künstlern und Geschichtenerzählern der Inupiat entwickelt - die gesprochene Sprache, Art-Design und die Mythologie sind mit höchstmöglicher Authentizität ins Spiel übernommen worden. Dieser hohe Anspruch an den Edutainment-Aspekt wird Spielerinnen und Spieler aber auch nicht davon abhalten, "Never Alone" als bezauberndes Abenteuer zu genießen, in dem man allein, aber auch im Koop ein Inupiat-Mädchen und einen Polarfuchs durch die raue Welt des Nordens leitet.

Wunderschön gestaltet, bietet "Never Alone" mit einer berührenden Story und beeindruckender Ambition einen faszinierenden Blick auf eine Kultur, von der man zuvor außer Klischees wohl wenig wusste - wer sich hier angesichts der beim Begriff "Edutainment" eingeübten Langeweile abwendet, versäumt etwas.

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foto: ziggurat

Ziggurat (Windows, Mac, Linux 14,99 Euro)

Doch nun: Popcorn! Vor kurzem versuchte sich das eher durchwachsene "Lichdom: Battlemage" an der Vermählung von FPS und Fantasy, doch "Ziggurat" trifft die Töne besser: Imn diesem kurzweiligen und knallbunten Arena-Shooter kämpfen sich Spielerinnen und Spieler nach Rogue-like-Manier wieder und wieder so weit wie möglich im zufallsgenerierten Kerker nach unten. Subtilität wird nicht gerade groß geschrieben, und das ist auch gar nicht notwendig: Bei all der farbenprächtigen Hektik bleibt sowieso wenig Zeit für Feinheiten.

Eine Vielzahl an Extras, teils absurde Gegner, freischaltbare Charaktere und knackiger Schwierigkeitsgrad locken wieder und wieder zum simplen Vergnügen. Das letztes Jahr erschienene "Eldritch" war so etwas wie die Stealth-Variante - "Ziggurat" ist hingegen so circa wie "Serious Sam" im Fantasy-Randomizer. Bunt, laut, lustig.

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foto: crowntakers

Crowntakers (Windows, Mac, Linux 14,99 Euro)

Noch mehr Cartoon-Gewalt gefällig? Bitteschön: "Crowntakers" mischt Rogue-like, Rundenstrategie à la "Heroes of Might & Magic" und Brettspiel zu einer sympathischen Mixtur für Strategiefreunde. Wer sich als herumwandernder Fantasyheld in der simplen Kampagne allzu bald in einer der genretypischen Hexfeldschlachten besiegt und per Permadeath an den Anfang zurückgebeamt sieht, möge nicht verzweifeln: Mit jeder Niederlage steigen Arsenal sowie Fähigkeiten des Helden - und das ist auch bitter nötig, denn trotz niedlicher Optik und trügerisch knuddeligem Design ist "Crowntakers" beileibe kein Kinderspiel, schon der einfache Schwierigkeitsgrad ist für so manche vergrübelte Mittagspause gut.

Wer "King’s Bounty", "Heroes of Might & Magic" und "Battle for Wesnoth" liebt, sollte einen Blick auf "Crowntakers" riskieren.

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foto: framed

Framed (iOS, 4,49 Euro)

Wer sagt, dass es keine neuen Spielideen mehr gibt? Das vielfach ausgezeichnete Puzzle-Adventure "Framed" beweist mit viel Style und Humor das Gegenteil. Der als Comic-Strip inszenierte Noir-Thriller wird durch das Re-Arrangieren der einzelnen Panels zum gewitzten Story-Labyrinth, durch das Spielerinnen und Spieler die perfekt animierten Spielfiguren lotsen.

Die perfekt umgesetzte Idee, der souverän eingesetzte Style und die stimmungsvolle Musik machen "Framed" zum Tipp für Viel- und Wenigspieler gleichermaßen - die eher geringe Spieldauer kann man angesichts der originellen Spielidee und der sympathischen Umsetzung verschmerzen. iOS-Spieler mit Sinn für das Besondere sollten sich den spannenden Kurztrip auf jeden Fall ansehen.

5
foto: the curious expedition

Und sonst?

Apropos spannende Mobile-Spiele: Mit "The Sailor’s Dream" melden sich die schwedischen Ausnahme-Entwickler Simogo zurück - die wunderbaren Experimente "Device 6" und "Year Walk" sind sicher noch in guter Erinnerung. Die neueste Kreation des Duos verzichtet noch konsequenter auf klassisches Gameplay und versteht sich als traum-ähnlicher atmosphärischer interaktiver Trip mit stimmiger Grafik und sensationeller Musik - ein weiterer Tipp für Freunde des außergewöhnlichen Spiels.

Unerschrockenen Alpha-Spielern seien außerdem noch zwei gerade in den Early Access entlassene Tipps ans Herz gelegt: Zum einen lädt die heiß erwartete Winter-Survival-Simulation "The Long Dark" (Windows, Mac Early Access 19,99 Euro) seit einiger Zeit zum Besuch - bislang ist zwar nur der Sandbox-Modus freigeschaltet, doch der bitterkalte Überlebenskampf macht atmosphärisch und grafisch schon jetzt Lust auf mehr.

Das witzige "The Curious Expedition" (Browser, Alpha Access 10 Euro) hingegen lässt pseudohistorische Expeditionen als schräg-bizarre Rogue-like-Abenteuer lebendig werden - und wer erlebt hat, wie Rogue-likes wie etwa "FTL" sozusagen nebenbei haarsträubende Geschichten immer wieder neu generieren, weiß, was Spieler hier erwartet. Schon jetzt ein verschmitzter Alpha-Geheimtipp. (Rainer Sigl, derStandard.at, 1.12.2014)

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