Lieber Twitter als Balzac: Literatur-Status in Frankreich schwindet

29. November 2014, 15:20
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Selbst Bildungsministerin hat nichts von Nobelpreisträger Modiano gelesen - und erntet dafür sowohl Empörung als auch Verständnis

Ist es im Internet-Zeitalter noch notwendig, Werke von Klassikern wie Marcel Proust und Honore de Balzac oder des diesjährigen Literatur-Nobelpreisträgers Patrick Modiano gelesen zu haben, um in Frankreich als kultiviert zu gelten? Lange Zeit war Literatur das Fundament der französischen Bildung - doch Blogs, Kurzbotschaftendienste wie Twitter und soziale Internet-Netzwerke stellen diese Tradition heute infrage.

Empörung über Bildungsministerin

Die Diskussion erreichte kürzlich einen Höhepunkt, als Bildungsministerin Fleur Pellerin öffentlich zugeben musste, keinen einzigen der rund 30 Romane von Modiano gelesen zu haben. Das Geständnis sorgte für erstaunte bis empörte Reaktionen bei den Eliten. Schließlich ist die 41-jährige Pellerin Bildungsministerin eines Landes, das mit Modiano bereits den 15. Literaturnobelpreisträger hervorgebracht hat - mehr als jeder andere Staat.

"Eine Schande"

"Das ist unmöglich, eine Schande", ereiferte sich der aus Marokko stammende französische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun. "Aber wir leben in einer Zeit, in der die Kultur mit Füßen getreten wird", klagte Jelloun, von dem auf Deutsch zuletzt der Roman "Eheglück" erschienen ist.

"Gute Sache"

Der Schweizer Philosoph und Literaturprofessor Yves Citton sieht das gelassener. "Das Internet hat die Grenzen zwischen niedriger und hoher Kultur verwischt, und dies ist eine gute Sache", meint er. In den vergangenen 20 Jahren sei der Zugang zu Informationen regelrecht explodiert. Dies sollte als Chance gesehen werden, "sogar für die französische kulturelle Tradition".

Internet "gutes Werkzeug"

Das Internet sei durchaus ein gutes Werkzeug, wenn es richtig gebraucht wird, plädiert auch der französische Literaturprofessor Pierre Bayard für Toleranz. Im Übrigen gebe es verschiedene Arten, mit Literatur umzugehen und nicht nur den "einen Pfad", der bisher gelehrt werde: ein Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen. "Wir können es auch kurz überfliegen, durchblättern, oder eben nicht zu Ende lesen." Diese Art des kreativen Umgangs müsse mehr als bisher gelehrt werden.

"Ende der Vordenker"

"Wir erleben das Ende der Vordenker", wie es die großen Schriftsteller des 19. und 20. Jahrhunderts gewesen seien, meint indes der Geschichtsprofessor Michel Winock. Neue Lesegewohnheiten hätten zu mehr Individualismus geführt. "Jeder hat heute seine Meinung und kann sie äußern, es gibt kein Halten mehr."

Franzosen lesen weniger

Unstrittig ist, dass die Lektüre selbst im traditionell literaturbegeisterten Frankreich an Terrain verliert: Einer Erhebung des nationalen Statistikinstituts INSEE zufolge ist die Zeit, die die Franzosen mit Lesen verbringen - einschließlich des Lesens im Internet - seit 1986 um ein Drittel zurückgegangen.

Die gute alte Zeit

Die Zeiten, als das öffentliche Fernsehen in Frankreich an jedem Freitagabend zur besten Sendezeit die beliebte Literatursendung "Apostrophes" ausstrahlte, sind lange vorbei. 15 Jahre lang interviewte der französische Literaturkritiker Bernard Pivot über 75 Minuten namhafte Schriftsteller aus aller Welt - und zog damit bis zu zwei Millionen Zuschauer pro Abend an. Doch 1990 war Schluss damit - eine ähnliche Sendung hat heute keiner der großen Fernsehsender mehr im Programm. (APA, 29.11.2014)

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