OpenDataCity arbeitet "fast nie tagesaktuell"

Userartikel2. Dezember 2014, 07:59
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Marco Maas und seine "Techie-Jungs" basteln an der Vermessung der Welt - OpenDataCity hat den Datenjournalismus vorangetrieben

Marco Maas hat eine Leidenschaft für Daten. Er träumt davon, so viel wie möglich über sich zu tracken. Dazu hat er in seiner Wohnung Detektoren, Sensoren und Thermostate installiert. Über sein Smartphone kann er damit sein Zuhause überwachen. Wenn der Bewegungsmelder im Bad morgens anschlägt, weiß er, dass seine Freundin wach und am Handy erreichbar ist. Solange transparent sei, wofür Firmen seine Daten verwenden, fürchtet Maas nicht um seine Privatsphäre. Er meint sogar, Google mache diesbezüglich schon viel richtig. Allerdings: "Was ich nicht gut finde, ist, dass ein amerikanisches Unternehmen Wissen über mich hat, das ich selbst nicht habe."

Unschlagbare Geschichte

Gemeinsam mit Lorenz Matzat, der heute den Kartenservice "Lokaler" entwickelt, gründete Maas in Berlin die Agentur OpenDataCity (ODC), die sich früher und erfolgreicher als andere auf Datenjournalismus spezialisiert hat. Seit der Gründung vor etwa vier Jahren hat ODC mit Visualisierungen und interaktiven Grafiken unter anderem sichtbar gemacht, wie viel geografischen Raum NSA-Files einnehmen würden, was Facebook tatsächlich über den Studenten Max Schrems weiß oder wie hoch das Nebeneinkommen von Bundestagsabgeordneten ist. Eine dauerhafte Kooperation besteht mit dem Recherchebüro "Correctiv", das seinen Sitz im gleichen Haus hat. "Wir machen das Bild, Correctiv macht die Geschichte und zusammen sind wir unschlagbar", erklärt Maas augenzwinkernd. Beteiligt war er mit seiner Agentur zum Beispiel am jüngst sehr populären Projekt über multiresistente Keime.

OpenDataCity versucht, mit seinen Projekten abstrakte Zahlen greifbarer zu machen: "Wir verstehen das Digitale, wollen es aber so übersetzen, dass ein normaler Mensch versteht, wo die Relevanz für ihn liegt." Darin liegt für Maas auch der Servicecharakter, der, wenn es nach ihm geht, in der Zukunft ein wichtiger Bestandteil des Journalismus sein wird.

Alle wollen Datenjournalismus, aber ...

Datenjournalismus ist ein begehrtes Gut, aber kaum einer weiß recht, wie er funktioniert. Alle glauben, er sei teuer. Die Schwierigkeit für Redaktionen, die "Data Driven Journalism" betreiben wollen, liegt vor allem im Workflow. Bei ODC ticken die Uhren anders als in traditionellen Redaktionen.

Aufwendige Datenprojekte brauchen Zeit, die im täglichen Redaktionsbetrieb oft fehlt. "Wir arbeiten fast nie tagesaktuell", sagt Maas. Wenn er ein relevantes Thema wittert, setzt er seine "Techie-Jungs" darauf an. Sobald es einen aktuellen Aufhänger gibt, wird das fertige Projekt kommerziell verwertet und wenn nötig, angepasst.

Auch Programmierer fehlen häufig im Newsroom. Das Filtern, Analysieren und Sortieren von Daten könne jeder Journalist einfach erlernen. Dazu benötige man nur Excel-Grundkenntisse. "Was die Ausgabe angeht, wird man im Regelfall immer auf Experten angewiesen sein", sagt Maas. Schließlich benötige man ständig neue Tools, um den Leser nicht zu langweilen. Maas ist überzeugt: Datenjournalismus kann auch in großen Verlagen funktionieren. Das Argument, er sei zu kostenintensiv, lässt er nicht gelten: "Ja, Datenjournalismus ist teuer, aber alles ist teuer." Der Wille sei in den meisten Redaktionen einfach nicht ausgeprägt genug.

Open Source statt Paywall

OpenDataCity finanziert sich ungefähr zu 60 Prozent aus Auftragsarbeiten. Unter Auftraggebern und Geldgebern finden sich neben Medien wie "Zeit Online" oder "taz.de" auch die Grünen, NGOs oder kommerzielle Unternehmen wie "MyVideo". Als Grundsatz gilt: "Wir arbeiten nicht mit Atom- oder Rüstungsindustrie zusammen und nicht mit dem Springer-Konzern."

Bei erfolgreichen Projekten findet sich häufig jemand, der eine Anschlussfinanzierung für ein Folgeprojekt anbietet. Bei "Lobbyplag" kamen etwa 9000 Euro über Crowdfunding in die Kasse. Anschließend finanzierten sowohl die Grünen als auch ein Fernsehsender jeweils ein Folgeprojekt. "Seit zwei Jahren läuft es, unsere Umsätze steigen massiv", sagt Maas.

Lizenz zum Einbetten

Viele der Projekte stellt OpenDataCity unter freier Lizenz zum Einbetten im Netz zur Verfügung. Von Paywalls hält Maas wenig, Inhalte müssten sich verbreiten können. Zugleich kann gerade dadurch auch Mehrwert entstehen. Wenn etwa ein etabliertes Medium wie der "Guardian" die Datenanwendung von OpenDataCity einbettet, ist das auch für ODC von Vorteil: Die ODC-Domain steigt im Google-Ranking und gewinnt an Wert. Für die Agentur ist das auch eine Investition in die Zukunft. Vielleicht sogar ein Exit-Szenario. "Wenn wir alle nicht mehr können, verkaufen wir die Domain an eine Pornoseite", scherzt Maas. (Ines Abraham, Sarah Matiasek, derStandard.at, 1. Dezember 2014)

Ines Abraham (@InesAbraham) und Sarah Matiasek (@SarahMatiasek) sind Studentinnen an der FH Joanneum Graz.

Der Text entstand im Zuge einer kollektiven Recherche der Journalismus-Studierenden der FH Joanneum an Orten journalistischer Innovation in Berlin.

Links

Weitere Texte und Videos: medium.com/beta-journalism

Im Text erwähnte Visualisierungen:

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  • Freut sich über steigende Umsätze mit Datenjournalismus: Marco Maas von der Agentur OpenDataCity.
    foto: andreas eymannsberger, twitter.com/andieymi

    Freut sich über steigende Umsätze mit Datenjournalismus: Marco Maas von der Agentur OpenDataCity.

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