Der Papst in der Türkei: Macht der Bescheidenheit

Kommentar28. November 2014, 17:49
14 Postings

Erdogan wird im Gespräch mit Franziskus wohl kaum einen Sinneswandel erfahren

Armenpapst trifft auf Protzpräsident, Toleranzprediger auf den Populisten, Harmoniemensch auf den Ausgrenzer: Papst Franziskus und Tayyip Erdogan sind ein denkbar ungleiches Paar, und dass ausgerechnet der Mann aus Argentinien mit dem Bescheidenheitsimage der erste Staatsgast im riesigen, neuen Palast des türkischen Präsidenten wurde, ist eine Ironie.

Aber die Kunst der Diplomatie ist ja, Gegensätze elegant zu ignorieren und am Ende zu einem für beide Seiten erträglichen Ergebnis zu kommen. Beim Türkei-Besuch des Papstes wird es nicht anders sein. Erdogan, der als pro-europäischer Reformer begann und sich nun an seiner eigenen Macht berauscht, wird im Gespräch mit Franziskus wohl kaum einen Sinneswandel erfahren. Doch es gibt Symbolisches, das einen religiös geerdeten Machtpolitiker wie Erdogan nicht unberührt lassen mag: Der Besuch des Papstes in der Hagia Sophia in Istanbul zum Beispiel könnte die regierenden Islam-Konservativen einsehen lassen, dass dieses Bauwerk Christen wie Muslimen gehört und deshalb ein Museum bleiben sollte - und nicht wieder zu einer Moschee werden sollte, wie manche führenden Politiker in der Türkei öffentlich wünschen.

Franziskus spricht andererseits Themen an, die Erdogan wichtig und die weit auslegbar sind: Anerkennung für die Hilfe, die Ankara den Flüchtlingen aus Syrien gibt; und ein Aufruf an den Westen, mehr für den Nahostfrieden zu tun. (Markus Bernath, DER STANDARD, 29.11.2014)

Share if you care.