Wir sind im Krieg

Essay30. November 2014, 12:00
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Warum stammen immer mehr junge IS-Kämpfer und -Mörder aus unseren Ländern? Biografien, die auf keinen gemeinsamen Nenner zu bringen sind.

Der Kopf von Peter Kassig liegt im Sand. Davor steht ein schwarzgekleideter Kämpfer der IS. Vor knapp zwei Wochen sah ich mir zum ersten Mal Standbilder eines jener IS-Tötungsvideos an, die auf Google leicht auffindbar sind, sobald man den Namen des neuesten Opfers und das Schlagwort "beheading" eingibt. Bedingung für ein erfolgreiches Suchergebnis ist, dass es der Name eines westlichen Opfers ist. Wie Peter Kassig, dessen Ermordung vorletzten Sonntag gemeldet wurde, während ich die ersten längeren Passagen dieses Artikels notierte.

Peter Kassig wurde 26 Jahre alt. Er arbeitete als Helfer in Syrien, konvertierte zum Islam und nannte sich Abdul-Rahman. Abdul-Rahman Kassig war der fünfte westliche Gefangene, dem der Kopf abgeschnitten wurde. Ein loser Kopf, ein totes Gesicht im Sand, so ist es in dem Video nach 14 Minuten zu sehen, nicht der Körper, nicht die Tat. Davor, in entsetzlichen Nahaufnahmen, wie großteils unvermummte IS-Männer 14 syrische Soldaten enthaupten. Die syrischen Männer, ruhig und gebannt, jüngere wie ältere, einer mit rundem Gesicht, ein anderer hager, mussten sich in einer Reihe auf den Boden knien, vor ihnen eine in den Sand geschürfte Rinne für den ersten Schwall Blut. Dann packten die IS-Männer sie am Haaransatz, manche fuhren den syrischen Männern in die Augen, und zogen ihnen die Köpfe zurück, während sie ihnen mit der anderen Hand das Messer an die Kehle setzten.

1500 Enthauptete

Diese Standbilder haben sich bei mir eingebrannt, die Tapferkeit im Blick der Syrer, deren Gesichter sich erst verzogen, als ihnen die Messer bereits in den Hals drangen, die Schnittstelle aufbrach und das eigene Blut ihnen ins Antlitz schwappte, bevor es in den Sand floss. Diese namenlosen Gesichter, deren Hälse in den darauffolgenden Bildern immer weiter aufklafften, bis nur ein roter, fleischlicher Stumpf aus ihren Oberkörpern ragte, auf deren Rücken ihnen die abgeschnittenen Köpfe gelegt wurden.

Seitdem ich das gesehen habe, frage ich mich, ob man ein solches Gräuel beschreiben darf. Zuerst bin ich einem bloßen Impuls gefolgt, mittlerweile glaube ich, dass man davon erzählen muss. Denn diese syrischen Männer, die ich nicht kenne und deren Namen ich wohl nie herausfinden werde, sollen zu einer Erinnerung werden, in der ihre Ruhe und ihr Stolz als eine Würde geschildert wird, die ihnen auch die IS-Digitalkameras in quälend langen Einstellungen nicht nehmen konnten. Umso würdeloser ist jedoch die Tatsache, dass diese Toten in den ersten Meldungen der westlichen Medien nicht einmal als Zahl vorkamen, in manchen Nachrichten, selbst in den ausführlicheren, nicht einmal als Randnotiz, obwohl es insgesamt an die 1500 Enthauptete in Syrien und im Irak sind. Zur Ermordung Kassigs fehlt hingegen an keiner Stelle die Erwähnung, dass er nach James Foley, Steven Sotloff, David Haines und Alan Henning bereits das fünfte westliche Opfer seit dem Sommer war.

Beschämende Gleichungen

Fünf weiße Männer wiegen in unseren Nachrichten den Tod von 1500 Enthaupteten aus dem Irak und Syrien auf. Doch weder zu derart beschämenden Gleichungen noch zu grundsätzlichen Fragen dieses Krieges findet hierzulande eine Debatte statt. Vor allem keine darüber, wie sehr dieser Krieg an den Grundfesten unseres Gesellschaftsverständnisses und unserer Geschichtsschreibung rührt. Dort etwa, wo der Imperialismus des 19. Jahrhunderts nicht nur die Herausbildung der kapitalistischen Marktwirtschaften absicherte, sondern dies als Imperialismus des 20. und 21. Jahrhunderts ungebrochen weiterführt.

All das stünde dieser Tage im Brennpunkt unbedingt notwendiger Diskussionen zwischen Ökonomen und Intellektuellen, von Politikern oder Schriftstellern, von Frauen und Männern all dieser Bereiche und Perspektiven sowie von Migrantinnen und Migranten unterschiedlicher Herkünfte und Sozialisationen. Nicht zuletzt, um entlang der Fährten solcher Auseinandersetzungen auch auf Spuren zu stoßen, die davon erzählten, warum immer mehr junge IS-Kämpfer und Mörder aus unseren Ländern stammen: Menschen und Biografien, die auf keinen gemeinsamen Nenner zu bringen sind, weder sozial noch politisch.

Besonders in einem Land wie Österreich, in dem ein mehr oder weniger gedeihliches Nebeneinander sprachlicher und kultureller Identitäten existierte, bevor diese Unterschiede im Gefolge des 19. Jahrhunderts zu den erbitterten Fragen und Kämpfen der Nationalitäten wurden, rührten derartigen Debatten an Traumata und schlecht verwachsenen Wunden. Es wäre dies die Gelegenheit zu einer Revision und Inventur von Geschichte und Gegenwart, die endlich auch in jene Tiefenschichten stieße, aus denen die Katastrophen des letzten Jahrhunderts hervorgingen. Womöglich reichte es sogar bis dorthin, wo die blindlings angenommene Überlegenheit der westlichen Gesellschaften in Politik und Sozialem auf jene Leerstelle stieße, die ich ganz bewusst eine existenzielle nennen möchte – keine spirituelle, keine religiöse, sondern eine, die auf präzise Weise dem Leben die Frage stellt, woran man eigentlich glaubt.

Mauschelräume von Facebook

Nichts davon ist zu hören, vor allem nicht in diesem Land. Stattdessen findet man die lautesten Stimmen hiesiger Intellektueller in den Mauschelräumen von Facebook wieder. Entsetzt über die Taten der IS sowie mit verlässlichen Erregungs-Höhepunkten anlässlich der Enthauptung westlicher Geiseln, ist man sich dort einig, dass der Westen einen Krieg zu führen habe. Gegenmeinungen sind selten, denn auf den privaten Seiten halber oder ganzer Prominenz findet sich eine verlässliche Schar an Bewunderern und Fans, deren Chor jeden Widerspruch handstreichartig abwürgt, während es von den Wortführern ungerührt heißt, die Kämpfer der IS sowie alle radikalen Islamisten sollten einfach weggebombt und ausgelöscht werden – Ruhe kehre erst dann ein, wenn zwei- bis dreihunderttausend Islamisten weniger auf der Welt existierten.

Wobei Kollateralschäden ziviler Opfer, wie hinzugefügt wird, auf dem Weg zu solchen Siegen ebenso in Kauf zu nehmen wären, wie dies auch während der Städte-Bombardements der Alliierten gegen Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg unumgänglich gewesen sei. An diese Pauschalattacken gegen Muslime denke ich, während ich Bilder vor Augen habe, in denen IS-Schergen die halb abgetrennten Köpfe der syrischen Männer hochziehen und deren Halsschlagadern ins Leere pumpen, bevor die Klingen ihr Rückenmark durchwetzen. An die Dauer dieses hilflosen Sterbens in den Gesichtern der syrischen Männer, die angesichts des Todes mit all ihrer Angst, ihrem Schmerz und ihrer Würde in diese Kameras blicken; wohl wissend, dass ihre letzten lebendigen Augenblicke bald millionenfach auf Computer- oder Smartphone-Displays zu sehen sein werden, in Wiederholungen, Zeitlupen und Standbildern.

Das Töten ist weit näher

Bald, so die Drohung der IS, würde man in Europa Menschen auf ihren Marktplätzen enthaupten. In meiner Vorstellung sehe ich kleine Angerdörfer im Weinviertel oder Burgenland. Doch in Wirklichkeit ist dieses Töten weit näher als in jeglicher Fantasie. Als Krieg, der weder geografisch noch ideologisch lokalisierbar ist. Ein Weltbürgerkrieg, der an jenen Marktplätzen der Gegenwart stattfindet, an denen weder die eigene, handgreifliche Abwehr noch irgendeine andere Hilfe oder Polizei einschreiten kann. Die Marktplätze dieses Krieges betreffen uns weit unmittelbarer. Sie sind in der Gegenwart der westlichen Gesellschaften überall dort zu suchen, wo das Projekt der Moderne im Stadium der Digitalisierung der Wirklichkeit angelangt ist. In einer Gegenwart, die sich ihre Unerschöpflichkeit immer lückenloser vorgaukelt: Immer mehr Bestandteile, Wünsche und Sehnsüchte der Wirklichkeit werden in digitale Vorstellungen verwandelt. Von Skype anstelle tatsächlicher Begegnungen über multiples Kommunizieren per SMS, Chat oder Mail bis zu Youporn als Sexualitätsersatz landet ein immer größerer Anteil an Lebenswirklichkeit in der Digitalität. Kein Wunder, dass angesichts dessen auch das Leben selbst immer weniger jener Grenzen aufzuweisen scheint, die einem bislang der eigene Körper entgegenstellte. Inklusive jener Grenze, die jegliche Existenz erst definiert: des Todes.

"Sterbend gerät der Mensch an eine Grenze", schrieb Hanno Rauterberg in einem der letzten Feuilletons der Wochenzeitung "Die Zeit", "und so etwas ist in der alles beherrschenden Moderne nicht vorgesehen." Hier ertappt uns die Todespornografie der IS, in der per Livestream übertragene Enthauptungen womöglich nur der nächste Schritt sind. Die Marktplätze dieses Kriegs sind die Spielwiesen der Digitalmoderne. Ein Antlitz, das uns ansieht, während sein Kopf gerade abgeschnitten wird, lässt uns keine Chance. So weit unser Denken den Tod auch verdrängen mag, selbst als Phantomschmerz umfasst er unser Zeitalter so pochend und nah, dass es keine Einbildung ist, wenn einem beim Blick auf derartige Videohinrichtungen die Klinge auch an den eigenen Hals fährt.

Himmel oder Janna

Vielleicht erleichtert es kurzfristig, all diese Gräuel als Glaubenskriege zu etikettieren. Sie hätten mit unserer säkularen Welt nichts zu tun oder wären zumindest so weit wie die letzten Kreuzzüge entfernt. Letztlich aber sind wir hilflos, angesichts dessen, wie unmittelbar uns der Tod aus diesem Krieg anstarrt. Er führt uns vor, wie wenig Platz hinter einer Gegenwart noch geblieben ist, deren kapitalistische Unermüdlichkeit immer weniger Wünsche, Sehnsüchte, Hoffnungen und Vorstellungen offenlässt. Denn in der Digitalmoderne ist es eng für den alten Relativitätsraum rings um unser Leben geworden, und das hat durchaus sein Gutes.

Denn ob dieser nun Himmel oder Janna heißen mag, es sind alte Sehnsuchts- und Angsträume der Transzendenz, mit denen uns die Religionen seit jeher gängelten. Vieles von dem, das früher als Verheißung aus dem Jenseits in den stumpfen Alltag von Unterjochung und Fremdbeherrschung glänzte, ist heute unverzichtbarer Bestandteil unserer Lebenswelt. Keinen Augenblick lang dürfte deshalb auch nur überlegt werden, an den zentralen politischen Errungenschaften der Moderne zu rütteln, die ohnmächtige Gottes- und Obrigkeitsfurcht durch Selbst- und Mitbestimmung ersetzte. Ebenso wenig sollte dieses Selbstbewusstsein darin Relativierung finden, wie viel berechtigter Zweifel und womöglich auch Kritik an jenen Technologien erhoffter Selbstbestimmung zu üben ist, die dort eingreifen, wo früher einmal das bloß kalte Schicksal oder der harte Willen (eines) Gottes saß. Zu nennen wären hier die plastische Chirurgie oder die analytischen und prognostischen Möglichkeiten der Gensequenzierung, das Spek trum moderner Fortpflanzungsmedizin bis hin zur Frage der chemisch schmerzfreien und minutengenauen Durchführung des eigenen Todes.

Welche Fragen bleiben übrig?

Das alles ist nicht entscheidend. Es geht nicht einmal um den Himmel, oder wie immer man den Raum nennen will, der unser Leben einmal umgab. Es geht viel eher darum, welche Fragen in einer Zeit noch übrig bleiben, in der immer mehr Sehnsüchte und Wünsche zu Dienstleistungen und Waren werden. Oder wird angesichts dessen alles einfach nur leer? So leer, wie sich das Leben zwangsläufig anfühlt, wenn einem alle Utopie, aller Trost, alles Rätsel, alle Bedrohung und Herausforderung nicht bloß in Zusammenhang mit der Herrschaftsinstanz Religion abhandenkommt, sondern auch jegliche gesellschaftspolitische Anspannung des Utopischen und damit jegliche ideologische Kraft zur Veränderung verlorengeht. Dann wäre das große Projekt der Moderne zu einem der schleichenden Trostlosigkeit geworden.

Auf den Schlachtfeldern der Gegenwart bekommt eine derartige Annahme eine so brutale wie unheimliche Evidenz, indem es gerade die triebkräftigste politische Konstante der europäischen Moderne ist, die sich dem Westen hier womöglich als ihre eigene Fratze entpuppt: der Nationalstaat. Zu diesem Befund gelangt wenigstens die beklemmende Studie des indischen Autors Pankaj Mishra, der mit seinen Büchern und regelmäßigen Texten für die New York Times, den New Yorker oder den Guardian nicht nur einer der wichtigsten Übersetzer zwischen Asien und dem Westen ist, sondern auch zwischen Vergangenheit und Gegenwart der westlichen Moderne.

Wie ein Archäologe öffnet Mishra Perspektiven in die Geschichte unserer Gegenwart. Fluchtpunkt seiner seismografisch genauen Schnitte, die nicht zuletzt ein Phänomen wie die Terrororganisation "Islamischer Staat" durchleuchten, ist die Idee des kapitalistischen Nationalstaats, wie er sich in Europa, ausgelöst durch die Siegeszüge Napoleons, im 19. Jahrhundert entwickelte. Bis heute wird dieses Modell den Ländern Asiens und Afrikas als Beispiel vorgehalten, zumeist vermittels künstlicher Grenzen am Reißbrett, wie sie nach dem Ende des Ersten Weltkriegs per Lineal aufgezwungen wurden.

Schlachtfelder der Gegenwart

Wirtschaftlicher Aufschwung, Säkularisierung und die Herausbildung liberaler, aufgeklärter Mittelschichten als Stützen solcher Entwicklungen, so lauten seit Jahrzehnten die Versprechungen des Westens am Beispiel seiner vorgeblichen Erfolgsgeschichte. Verschwiegen wird dabei, dass all die Eisenbahnstrecken und Fabriken, all die Brücken und Straßen, die Grundstein dieser Erzählung sind, just in einer Zeit ihre erste Hochblüte erlebten, in der in Europa noch keine Rede von allgemeinem Wahlrecht, persönlicher Freiheit, parlamentarischer Demokratie und Wohlstand sein konnte. Vielmehr regierte in den meisten Ländern ein Neoabsolutismus, der sich ökonomisch nicht zuletzt auf die Ausbeutung, Unterjochung und Sklaverei eines Imperialismus stützte, dessen ungeheuerlichen Gewinne stets die dunkle andere Seite dieses Modernisierungsschubs bedeuteten.

Ganz zu schweigen davon, welches Weltkriegsblutbad den Übergang vom monarchischen Europa in eines parlamentarischer Demokratien erst freimachte, beziehungsweise in welches noch größere Blutbad der Nationalismus der europäischen Staaten zwei Jahrzehnte später führte.

"Nur die hoffnungslos Selbstzufriedenen werden wohl heute noch behaupten, dass der Western Way of Life der beste ist und dass der Rest der Welt ihn getreulich mithilfe Nationbildung und Kapitalismus westlicher Ausprägung kopieren sollte", resümiert Pankaj Mishra und folgert daraus in bitterer Konsequenz, dass "die blutverschmierte europäische Idee vom Nationalstaat im Kalifat der IS" nun ihre womöglich schrecklichste Ausformung gefunden hat. (Martin Prinz, DER STANDARD, 29./30.11.2014)

foto: heribert corn
Martin Prinz, geb. 1973, ist Schriftsteller. Er studierte u. a. Germanistik. Zuletzt erschien von ihm "Über die Alpen" (Bertelsmann, 2010)
  • Die Fahne der Miliz "Islamischer Staat" (IS).
    foto: ap photo/lefteris pitarakis

    Die Fahne der Miliz "Islamischer Staat" (IS).

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