Zwei Rabbinerinnen mit vier Kindern

Kommentar der anderen28. November 2014, 17:19
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"Die Wirklichkeit ist wichtiger als abstrakte Konzepte", schreibt Papst Franziskus. Diese sollte in der katholischen Moral auch im Hinblick auf den Wunsch lesbischer Paare nach leiblichen Kindern beachtet werden

Blase Cupich ist ein großer Bewunderer von Papst Franziskus. Als Bischof der kleinen Diözese Spokane im amerikanischen Nordwesten beschrieb er die Theologie des Papstes in einem Vortrag im Juni dieses Jahres wie folgt: "Statt dem konkreten Leben aus der Perspektive von Konzepten, die 30.000 Fuß über den betroffenen Menschen schweben, zu begegnen, fordert der Papst alle Politiker und Funktionäre, aber auch jeden einzelnen von uns dazu auf, das Leben aus der Perspektive ganz normaler, real existierender Menschen zu betrachten." Wie der Papst, so lehne auch er eine von jeder realen Erfahrung abgehobene Theologie und einen Moralismus ohne Güte ab.

Ich begegnete Cupich, als ich vor zwei Jahren an der von Jesuiten geleiteten Gonzaga University in Spokane Gastprofessor war. Am Department of Religious Studies wurde Cupich als offener und kluger Diözesanbischof überaus geschätzt. Ich lernte in Spokane jedoch nicht nur Blase Cupich kennen, sondern auch Elisabeth Goldstein, eine Rabbinerin, die an meiner Uni Judaistik lehrte. Rabbi Elisabeths Familie lernte ich ebenfalls kennen: ihre Lebenspartnerin, Rabbi Tamar, die die jüdische Familienberatungsstelle und die reformjüdische Kongregation Emanu-El leitete, sowie die vier gemeinsamen Kinder, die beiden Zwillingspärchen Aviel und Coby, Shya und Yair.

Elisabeth und Tamar hatten sich am Jüdisch-Theologischen Seminar in New York kennen gelernt, einer höheren Bildungseinrichtung des konservativen amerikanischen Judentums. Bei einem Aufenthalt in Israel verliebten sich die beiden ineinander: Damit begann ihre inzwischen mehr als zwanzig Jahre bestehende Partnerschaft.

Zunächst verheimlichten sie ihre Liebe vor anderen, denn im konservativen Judentum steht das Rabbineramt zwar auch Frauen offen, nicht aber homosexuell veranlagten Menschen. Nachdem sie sich als Paar geoutet hatten, wurden sie von ihrem Rabbinerstudiengang ausgeschlossen. Sie konvertierten zum Reformjudentum und wurden dort Rabbinerinnen. Sie gründeten eine Regenbogenfamilie, in der sie als lesbische Partnerinnen mit Kindern zusammenleben, die ihre Existenz unter anderem auch der Samenspende eines gemeinsamen Freundes der Rabbinerinnen verdanken.

Vorbildliche Eltern

Rabbi Elisabeth und ihre Familie haben mir vor Augen geführt, dass homosexuelle Menschen vorbildliche, großartige Lebenspartner und Lebenspartnerinnen sein können und homosexuelle Lebenspartner vorbildliche, großartige Eltern. Und dass es den Kindern dabei sehr gut gehen kann. Elizabeth und Tamar sind liebevolle, verantwortungsbewusste Mütter, die ihren Kindern den Kontakt zu ihrem leiblichen Vater ermöglichen, die aber auch darauf achten, dass ihre Kinder weitere männliche Bezugspersonen kennen lernen.

Aufhebung aller Grenzen, Gleichheits- und Freiheitsrausch, Missachtung naturgegebener Unterschiede, Kindeswohl, Dammbruch, falsches Menschenbild: Auch wenn ich manche Sorgen und Einwände katholischer Amtsträger und Laienfunktionäre gegenüber der Fortpflanzungsmedizin durchaus teile, so klingen solch undifferenzierte Verurteilungen für mich dennoch seltsam abstrakt und hohl, sobald man auf das alltägliche Leben einer konkreten Regenbogenfamilie mit seinen Freuden und Sorgen, Hoffnungen und Herausforderungen blickt. Sie klingen dann - ich greife eine Formulierung von Bischof Cupich auf - wie "Konzepte, die 30.000 Fuß über den betroffenen Menschen schweben".

Kontakt zu den Menschen

Am 20. September 2014 wurde Blase Cupich von Papst Franziskus zum Erzbischof von Chicago ernannt. Cupich weigerte sich, ins erzbischöfliche Palais einzuziehen. Ihm genügt eine 2-Zimmer-Wohnung im Dompfarrhof. Er betont, dass er den Kontakt zu den Menschen und ihrem konkreten Leben auch als Erzbischof der drittgrößten US-amerikanischen Diözese nicht verlieren will. (Kurt Remele, DER STANDARD, 29.11.2014)

Kurt Remele (Jahrgang 1956) ist Professor für Ethik und christliche Gesellschaftslehre an der Universität Graz. Seine Forschungsschwerpunkte sind katholische Sozialethik, politische Ethik, Kulturethik, Ethik und Religionen, Religionssoziologie, Umwelt- und Tierethik.

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