Chinas neue globale Führungsrolle

Kommentar der anderen28. November 2014, 17:13
85 Postings

Die Volksrepublik China wird die Vereinigten Staaten heuer nach 125 Jahren wieder als weltgrößte Volkswirtschaft ablösen. Statt mit Innovation und Reformen gegenzuhalten, verstrickt sich Washington in innere Blockaden und endlose Kriege im Nahen Osten

Die größte Wirtschaftsnachricht des Jahres ist beinahe unbemerkt geblieben: Laut Internationalem Währungsfonds hat China die USA als weltgrößte Volkswirtschaft überholt. Und während Chinas geopolitisches Gewicht parallel zu seiner Wirtschaftsmacht rapide zunimmt, verschwenden die USA ihre globale Führungsstellung weiter. Die Gründe dafür sind die unkontrollierte Gier ihrer politischen und wirtschaftlichen Eliten und die selbst gegrabene Grube eines permanenten Krieges in Nahost.

Laut IWF wird Chinas BIP 2014 17,6 Billionen Dollar betragen und damit das der USA von 17,4 Billionen übertreffen. Allerdings ist Chinas Bevölkerung mehr als viermal so groß, daher beträgt das BIP pro Kopf mit 12.900 Dollar natürlich nach wie vor nicht einmal ein Viertel der 54.700 Dollar in den USA - was Amerikas deutlich höheren Lebensstandard zeigt.

Der Aufstieg Chinas ist folgenschwer, deutet jedoch zugleich eine Rückkehr an. Schließlich ist China seit seiner staatlichen Einigung vor mehr als 2000 Jahren das bevölkerungsreichste Land der Welt; daher ist es logisch, wenn es auch die weltgrößte Volkswirtschaft ist. Und tatsächlich lassen die vorhandenen Daten annehmen, dass China (nach Kaufkraftparität) bis etwa 1889 die größte Volkswirtschaft der Welt war; dann wurde es von den USA überflügelt - und heute, 125 Jahre später, hat sich diese Rangfolge nach Jahrzehnten rascher wirtschaftlicher Entwicklung in China wieder umgekehrt.

Mit der zunehmenden Wirtschaftsmacht kam wachsender geopolitischer Einfluss. Der chinesischen Führung wird überall auf der Welt der rote Teppich ausgerollt. Viele europäische Länder betrachten China als Schlüssel zu einem stärkeren Wirtschaftswachstum zu Hause. Führende afrikanische Politiker sehen China als neuen unverzichtbaren Wachstumspartner ihrer Länder, insbesondere was die Entwicklung der Infrastruktur und die Wirtschaftsförderung angeht.

In ähnlicher Weise orientieren sich Wirtschaftsstrategen, Unternehmer und Manager in Lateinamerika inzwischen mindestens so sehr an China wie an den USA. China und Japan scheinen nach einer Phase starker Spannungen Schritte zu einer Verbesserung ihrer Beziehungen zu setzen. Selbst Russland hat in letzter Zeit einen Schwenk in Richtung China vollzogen und die Beziehungen in vielen Bereichen, darunter im Energie- und Transportbereich, intensiviert.

Wie die USA nach dem Zweiten Weltkrieg legt China echtes Geld auf den Tisch - und zwar eine Menge -, um starke Wirtschafts- und Infrastrukturverbindungen zu Ländern überall auf der Welt aufzubauen. Dies versetzt andere Länder in die Lage, ihr eigenes Wachstum zu steigern, und zementiert zugleich Chinas globale wirtschaftliche und geopolitische Führungsrolle.

Atemberaubende Initiativen

Die Anzahl chinesischer Initiativen ist atemberaubend. Allein im letzten Jahr hat China vier wichtige Projekte in Angriff genommen, die ihm eine deutlich größere Rolle im Welthandel und in der globalen Finanzwirtschaft verschaffen sollen. China hat gemeinsam mit Russland, Brasilien, Indien und Südafrika die New Development Bank gegründet, die ihren Sitz in Shanghai haben wird. Die neue Asian Infrastructure Investment Bank mit Sitz in Peking wird die Finanzierung von Infrastrukturprojekten (darunter Straßen, Strom und Eisenbahnen) in der Region unterstützen. Die "neue Seidenstraße" soll China über Straßen-, Eisenbahn- Elektrizitäts-, Glasfaser- und sonstige Netze mit den Volkswirtschaften Ostasiens, Südasiens, Zentralasiens und Europas verbinden. Und die neue "maritime Seidenstraße des 21. Jahrhunderts" zielt darauf ab, den Seehandel in Ostasien und dem Indischen Ozean anzukurbeln.

Insgesamt dürften diese Initiativen während des kommenden Jahrzehnts Investitionen im Umfang von hunderten Milliarden Dollar nach sich ziehen, das Wachstum in den Partnerländern steigern und zugleich deren Produktions-, Handels- und Finanzverbindungen zu China vertiefen.

Steigende Ungleichheit

Es besteht keine Gewähr, dass all dies klappen oder reibungslos ablaufen wird. China steht vor enormen Herausforderungen: starke, weiter steigende Einkommensungleichheit, massive Luft- und Gewässerverschmutzung, die Notwendigkeit, sich auf eine kohlenstoffarme Wirtschaft umzustellen, und dieselben Instabilitätsrisiken an den Finanzmärkten, mit denen auch die USA und Europa zu kämpfen haben. Und sollte China zu aggressiv gegenüber seinen Nachbarn werden - etwa, indem es Rechte an maritimen Ölvorkommen oder Territorien in umstrittenen Gewässern beansprucht -, wird dies eine ernste diplomatische Gegenreaktion auslösen. Niemand sollte annehmen, dass für China in den kommenden Jahren alles glatt läuft.

Trotzdem fällt auf, dass zeitgleich mit dem wirtschaftlichen und geopolitischen Aufstieg Chinas die USA offenbar alles in ihrer Macht Stehende tun, um ihre eigenen wirtschaftlichen, technologischen und geopolitischen Vorteile zu vergeben. Das politische System ist von reichen Eliten vereinnahmt worden, die enggefasste Ziele verfolgen: Senkung der Unternehmens- und eigenen Einkommenssteuersätze, Maximierung ihrer enormen persönlichen Vermögen und Beschneidung einer konstruktiven Führungsrolle der USA in der globalen Wirtschaftsentwicklung. Sie empfinden ein solches Maß an Verachtung für die US-Auslandshilfe, dass sie die Tür für Chinas neue globale Führungsrolle bei der Entwicklungsfinanzierung weit aufgestoßen haben.

Was noch schlimmer ist: Während China seine geopolitischen Muskeln spielen lässt, ist die einzige Außenpolitik, die die USA systematisch verfolgen, der endlose, fruchtlose Krieg im Nahen Osten. Die USA erschöpfen kontinuierlich ihre Ressourcen und Energie in Syrien und im Irak, genau wie einst in Vietnam. China dagegen vermeidet es, sich in militärische Debakel im Ausland zu verstricken und setzt stattdessen auf Wirtschaftsinitiativen, von denen beide Seiten profitieren.

Chinas wirtschaftlicher Aufstieg kann zum Wohle der Welt beitragen, falls seine Führung ihre Schwerpunkte auf Investitionen in die Infrastruktur, saubere Energie, die öffentliche Gesundheit und andere internationale Prioritäten legt. Trotzdem wäre es für die Welt besser, wenn neben China auch die USA eine konstruktive Führungsrolle übernehmen würden. Die jüngste Ankündigung bilateraler Vereinbarungen zum Klimawandel und zu sauberer Energie durch die Präsidenten beider Länder, Barack Obama und Xi Jinping, zeigt, was sich im besten Fall erreichen lässt. Amerikas Dauerkriege im Nahen Osten zeigen den schlimmsten Fall. (Jeffrey Sachs, Übersetzung: Jan Doolan, © Project Syndicate, DER STANDARD, 29.11.2014)

Jeffrey D. Sachs (60) ist Professor für nachhaltige Entwicklung sowie für Gesundheitspolitik und -management an der Columbia University und Direktor des Earth Institute der Universität.

Share if you care.