Fahrsicherheitstraining: Wir sind hier, weil wir müssen

Reportage3. Dezember 2014, 14:50
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2003 führte Österreich die Mehrphasenausbildung ein. Deutschland denkt nun ein ähnliches System an. Wir begleiteten die Teilnehmer beim Fahrtechnikkurs und beim psychologischen Gruppengespräch

Teesdorf - So gerade ist Bernhard (die Namen der Teilnehmer sind durchgehend geändert) noch nie in seinem Auto gesessen. Mit 49 km/h ist er durch die Kurve gefahren. Wenige Minuten zuvor ist er mit 47 km/h noch im metaphorischen Graben gelandet.

Bernhard ist einer von zwei Teilnehmern der Mehrphasenausbildung des ÖAMTC in Teesdorf, die auf schnelle Autos stehen, zwar noch keinen Strafzettel bekommen haben, aber genau wissen, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis der erste einflattert. Bernhard schätzt, es wird ein Geschwindigkeitsdelikt sein. Oder eine Strafe wegen zu geringen Abstand.

Drei bis neun Monate nach der bestandenen Führerscheinprüfung und der ersten Perfektionsfahrt, müssen alle Führerscheinneulinge im Zuge der Mehrphasenausbildung ein Fahrsicherheitstraining absolvieren. An die Praxis schließt ein verkehrspsychologisches Gespräch an.

Nicht die beste Ausgangssituation

Freiwillig nimmt - außer mir - niemand an dem Training teil. Esra fasst das gleich bei der Begrüßung passend für alle zusammen, als Trainer Rupert Schachinger fragt, was sich wer erwarte und warum sie oder er hier sei: "Wir sind da, weil wir müssen." Die Ausgangssituation, vor welcher der Trainer steht, ist nicht die beste.

"Ein angefressener Teilnehmer kann die ganz Gruppe runterreißen", gestand mir Rupert Schachinger vor dem Kurs. "Aber wenn du einen begeistern kannst, reißt der mitunter die anderen mit." Schachinger macht seinen Job gut. Die Vorbesprechung, der wohl trockenste Teil des Tages, erinnert an ein Motivationsseminar. Der Trainer klatscht die jungen Leute ein, zieht sie nach und nach auf seine Seite. Draußen, auf der Piste, beim Slalom, holt er die letzten Übermotivierten ab, die letzten Übervorsichtigen zieht er bei den Bremsübungen auf seine Seite. Die Seite, auf der das Training sinnvoll ist und nicht nervt.

Die Kursteilnehmerinnen und Teilnehmer lernen nicht nur trocken die 4×4×4-Reifenregel - die besagt, dass man vier gleiche Reifen, mit mindestens vier Millimeter Profil, maximal vier Jahre fahren darf -, sondern auch wirklich praxisnah. So finden sie den Grund, warum der kleine SUV von Georg mit den neuen Winterreifen auf dem Rutschbelag einen ebenso langen Bremsweg wie der Kleinwagen mit den Sommerreifen hat. Die Winterreifen sind koreanische Billigpneus. Klaus wiederum merkt beim Training zum ersten Mal, dass er zu wenig Luft im Reifen hat und erfährt, welche Folgen das haben kann. Als einzelne Teilnehmer in der Pause noch einmal ihre Reifen anschauen, drücken und untersuchen, ist klar: Die Zeit, in der Reifen für sie nur rund und schwarz waren, ist vorbei.

Einbremsen und motivieren

"Wir sind vom Gesetz her angehalten", erklärt mir Rupert Schachinger, "jenen, die glauben, dass sie die Schnellsten und Besten sind, ihre Grenzen aufzuzeigen, auf der anderen Seite aber jenen, die zu verhalten fahren, Sicherheit und Vertrauen mitzugeben." Bernhard und Andreas, die jungen Wilden, haben längst verstanden, dass sie doch nicht unbesiegbar sind - dass man die Physik auch mit einem elektronischen Fahrstabilitätsprogramm nicht austricksen kann. Zu oft kamen die beiden von der Fahrbahn ab. Im Fahrsicherheitszentrum kein Problem - im Alltag draußen aber warten abseits der eigenen Spur der Gegenverkehr, der Straßengraben, Bäume und Häuser.

Beim Training in Teesdorf werden Hindernisse durch Wasserfontänen simuliert. Kommt man an ihnen nicht vorbei, hört man einen ordentlichen Knall im Auto - ohne dass das Fahrzeug Schaden nimmt. Aber laut genug, um Bernhard und Andreas die Realität ihres Könnens aufzuzeigen.

Esra hingegen fährt das einzige Fahrzeug ohne ABS und ESP. Sie ging nicht wirklich motiviert an den Start, erinnern wir uns. Mit ihrem alten Auto muss sie Stotterbremsen, wo andere einfach in die Eisen steigen, bis das ABS rattert und diese Arbeit übernimmt. Esra wächst mit der Herausforderung, und die zierliche Blondine pilotiert am Ende den Wagen über den Rutschbelag, zwischen den Hindernissen hindurch, als hätte sie jahrelang nichts anderes gemacht. "Ich war wirklich sauer, dass ich hierherkommen musste", gesteht sie am Ende, beim verkehrspsychologischen Gruppengespräch, "aber jetzt bin ich so froh, hier gewesen zu sein."

Blick auf die Statistik

Der Psychologe versucht auf eine weitere Gefahr im Straßenverkehr aufmerksam zu machen, eine abseits von Physik und Fahrzeugzustand: den Fahrer selbst. Bei Bernhard und Andreas beißt er auf Granit. Die anderen haben eh schon längst verstanden.

Das zeigt auch die Statistik. Seit Einführung der Mehrphasenausbildung nahm die Anzahl der Unfälle mit jungen Lenkern signifikant ab - in den ersten zehn Jahren um rund 32 Prozent - während die Gesamtunfallzahlen um 16 Prozent zurückgingen. Bessere und sicherere Autos allein erklären den Rückgang also nicht. (Guido Gluschitsch, DER STANDARD, 28.11.2014)

  • Die richtige Sitzposition macht das Fahren sicherer. Das bekommen die Fahranfänger auch kurzweilig erklärt: "Bei mir hat noch keiner das Getriebe verloren, weil er den Ganghebel nicht festgehalten hat."
    foto: öamtc fahrtechnik / christian houdek

    Die richtige Sitzposition macht das Fahren sicherer. Das bekommen die Fahranfänger auch kurzweilig erklärt: "Bei mir hat noch keiner das Getriebe verloren, weil er den Ganghebel nicht festgehalten hat."

  • Erst die gute Infrastruktur macht das Training perfekt, ist der ÖAMTC überzeugt, der gegen "Gartenschlauchzentren" bestehen muss.
    foto: öamtc fahrtechnik / christian houdek

    Erst die gute Infrastruktur macht das Training perfekt, ist der ÖAMTC überzeugt, der gegen "Gartenschlauchzentren" bestehen muss.

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