"Eine dunkle Begierde": Jung und Freud gesellt sich gern

28. November 2014, 17:06
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Die Uraufführung von Christopher Hamptons Freud-Jung-Stück im Wiener Josefstadt-Theater beschert biederes Theater. Man hält es kaum für möglich, wie neu die Psychoanalyse einmal war

Wien - Linker Hand genießt der Psychiater C. G. Jung (Michael Dangl) im Beisein der schwangeren Gemahlin sein gutes Frühstück. Rechts wird sein neuester Fall hereingetragen. Herzlose Pfleger schnallen die junge Russin Sabina Spielrein (Martina Ebm) auf einen Sessel und verpassen ihr einen Knebel. Seit Donnerstagabend liegt ein schwacher Abglanz von Hollywood auf dem Wiener Josefstadt-Theater.

Direktor Herbert Föttinger hat den britischen Starautor Christopher Hampton dazu bewogen, sein Kostümspiel Eine dunkle Begierde noch einmal im achten Wiener Gemeindebezirk zur (Ur-)Aufführung zu bringen. Wie in dem David-Cronenberg-Film A Dangerous Method (2011) werden die Alphatiere der psychoanalytischen Bewegung vor den Vorhang gebeten. Ein Jahrhundert im Zeichen der Seelenkunde wird besichtigt. Es wirkt aus heutiger Sicht bestürzend altmodisch.

Zugrunde liegt dem Stück ein Dreieck, das man nicht anders als beziehungsvoll nennen kann. Jung benützt den faszinierenden Fall Spielrein anno 1904, um die noch unerprobte Sprechkur Sigmund Freuds in Anwendung zu bringen. Fräulein Spielrein, die es nach handfester Züchtigung gelüstet, wird geheilt. Sie kann jedoch von ihren masochistischen Vorlieben nicht lassen und wird Jungs Bettgenossin.

Erzählt wird die bruchstückhaft überlieferte Anekdote als herbstliches Melodram. Es fällt schwer, in Dangl jenen Pfiffikus zu erblicken, an dessen Fortkommen Freud (Herbert Föttinger) rasendes Interesse zeigt - wenigstens so lange, als er in dem Jüngeren nicht den Konkurrenten erblickt. Bezeichnenderweise nimmt das Stück Fahrt auf, wenn es von Zürich nach Wien hinüberblendet. Die Herren der Schöpfung paffen selig, und Föttingers Maske sitzt bis in die Haarspitzen perfekt.

Umgekehrt fällt es schwer zu glauben, dass die ohnehin problematische Geschichte der psychoanalytischen Bewegung die gewählte Form der Darstellung verträgt. Cronenbergs Film bezog seine Faszination nicht durch Keira Knightleys Hysterieattacken. Gezeigt wurden Seelenforscher, die sich ihrer Umwelt gezielt entfremdeten, um wissenschaftliches Neuland betreten zu können.

Gefährlicher Mitwisser

Oscar-Preisträger Hampton (Gefährliche Liebschaften, 1989) betrachtet die beiden Analytikermonster aus sicherer Entfernung. Das Dreieck wird von Jung-Spielrein-Freud gebildet. Indem Jung den Zigarrenraucher zum Mitwisser des Techtelmechtels mit Sabina macht, begibt er sich in dessen Hand. Der Bruch zwischen "Vater" und "Sohn" scheint unvermeidlich. Spielrein wird ihrerseits Nervenärztin. Ihre theoretischen Einsichten tut der Stammvater in Wien mit gönnerhafter Bewegung ab. Man kann recht gut nachvollziehen, wie alle Beteiligten zu Ölgötzen erstarren. Die junge Frau (Ebm spielt aufopferungsvoll) leistet Verzicht auf ihre Liebe zu Jung. Dieser erfreut sich der anhaltenden Fruchtbarkeit seiner ihm Angetrauten (Alma Hasun).

Im Übrigen durchquert er das redselige Stück wie ein Gymnasiallehrer, der unter Sodbrand leidet. Florian Teichtmeister gibt den Auftritt des psychiatrierten Psychiaters Otto Gross als heiteres Schelmenstück: ein Lichtblick. Das klinische Gefängnis mit den weißen Wänden dreht sich hübsch im Kreis (Bühne: Tim Goodchild). Spielrein besitzt die Gabe der Voraussicht. In einer entsetzlich abgeschmackten Szene antizipiert sie ihre Ermordung durch Nazi-Schergen in Rostow 1942. Der Rest ist vor allem bleiernes Schultheater. Anerkennender Applaus. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 29.11.2014)

  • Der Stammvater der Psychoanalyse (Herbert Föttinger als Freud, liegend) bedarf im Josefstadt-Theater des Zuspruchs durch seinen langjährigen Lieblingsschüler C. G. Jung (Michael Dangl).

    Der Stammvater der Psychoanalyse (Herbert Föttinger als Freud, liegend) bedarf im Josefstadt-Theater des Zuspruchs durch seinen langjährigen Lieblingsschüler C. G. Jung (Michael Dangl).

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