Elisabeth Klars "Wie im Wald": Das Kuckuckskind frisst seine Zieheltern

28. November 2014, 17:19
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Die Autorin führt in ihrem famosen Debüt tief in das Unterholz der Märchen, der Kindheit und der unschuldigen Grenzübertretung

Am Ende fragt Lisa ihre Ziehschwester Karin: "Was ist denn nun geschehen?" Und der Leser kann diese Frage genauso wenig exakt beantworten wie die beiden Heldinnen. Das liegt am sorgsam inszenierten Verwirrspiel dieses beunruhigend klugen Romans.

Mit ihrem famosen Debüt führt Elisabeth Klar uns tief hinein in den Wald des Märchens, der Kindheit und der unschuldigen Grenzübertretung. Bis vor zehn Jahren waren sie ein enges Gespann, wenn auch nicht immer ein Herz und eine Seele, Karin und Lisa, die in der Familie Ludevik als Pflegekind lebte. Der Wald war für die beiden das große Versteck, in dem alles möglich und alles erlaubt war, ein Ort der Welterkundung, zu der auch das Auskosten pubertärer Mädchenerotik gehörte.

Sündenfall im Paradies

So wie Grimmelshausens Simplicius als Ziehsohn eines Waldeinsiedlers beschließt, "die Wildnis nimmermehr zu verlassen", und doch der Wirklichkeit des Dreißigjährigen Krieges nicht entrinnt, so erleben auch die beiden Mädchen den Sündenfall im Paradies buchstäblich hautnah: als Verführung, Eifersucht, Macht und Ohnmacht, Begierde, Verstrickung und Schuld.

Da ist der ahnungslose Mitschüler, den Lisa der Schwesterfreundin ausspannt, um ihn zu küssen, "wie du ein Butterbrot streichst"; dann Lisas Vater August, der in die innige Zweisamkeit der Mädchen eindringt und mit seiner Vorliebe für das fremde Kind das eigene doppelt eifersüchtig macht.

Die Vergangenheit wird durch die Gegenwart hindurch transparent: Karin holt Lisa aus einer betreuten Wohngemeinschaft zurück ins Elternhaus, wo sie mit ihrem Freund Alexander lebt und von sich sagt: "Das einzig Interessante an mir sind meine toten Eltern." Der Vater ist gewaltsam ums Leben gekommen, ob durch Mord oder Selbstmord, bleibt lange offen; die Mutter ist ihm bald nachgefolgt. Wie von den älteren Geschwistern und den überlebensgroß gestrengen Großeltern prophezeit. Lisas Rückkehr erweist sich als fatal. Halb mit Absicht, halb aus Schwäche regrediert sie zum Kleinkind, zwingt Karin ihre Körperpflege auf und verdrängt Alexander, die "Karte aus einem fremden Spiel", indem sie ihr eigenes spielt.

Von der ersten Seite an wechselt die Ich-Perspektive zwischen den beiden jungen Frauen, nicht etwa bieder kapitelweise, sondern mitunter Absatz für Absatz. Die vier Teile des Romans behandeln Lisas Heimholung, das Szenario des Hausfriedensbruchs, Alexanders Vertreibung und das dramatische Finale. Elisabeth Klar dirigiert einen beklemmenden Reigen der Kippfiguren und Kippbewegungen: "Der Wald kippt, wir kippen."

Sie erzählt von einem Vorher und Nachher, aber immer auch von einem zumindest doppelten Boden. Gar schöne Spiele werden gespielt, gar schöne Märchen nachgespielt. Astrid Lindgrens "Ronja Räubertochter" zum Beispiel, auch so ein wildes Waldmädchen

Das Puzzle, das Alexander und Lisa legen, zeigt sinnig Hänsel und Gretel und ist zugleich ein Kommentar zur Erzählstrategie, aber die Puzzlesteine verweisen auch auf das Innenleben der Figuren: "Das Schwarz beginnt beim einen und geht beim anderen nahtlos weiter." Das Opfer ist kein Unschuldslamm: "Ein Parasit wandert von einem Wirt zum nächsten. Ein Kuckuckskind frisst seine Zieheltern."

Folgerichtig erscheint der Täter nicht als Schurke, sondern als Schwächling. August, "der Puppenspieler", vergreift sich an Lebendigem. Der längst Lebensmüde blüht auf, als die Familie Zuwachs bekommt, wegen der Allergie des Bruders doch keine Katze aus dem Tierheim, sondern eben ein Kind, kein selbstgemachtes, sondern "Fertig- und Abholware" - Lisa, über deren Frühreife es in Jelinek'scher Manier heißt: "Vielleicht war das so, weil sie aus der Unterschicht gekommen ist, gewissermaßen aus dieser unteren Schicht der Gesellschaftstorte hervorkriechen musste."

So genau und bildstark ist Klars Sprache: "Der Tag, an dem Lisa Martin im falschen Wald des Schulhofs geküsst hat, ist wie in getrocknete Marillen eingepackt gewesen, nur bitterer." Bitter schmeckt auch Elisabeth Klars Witz, ob sie über missglückten Sex schreibt oder über missglückte Steaks - "dieses Abendessen sollte romantisch werden und lässt sich stattdessen schlecht kauen".

Im Krebsgang voran

Das betont wienerische Deutsch strahlt eine gefährliche Nonchalance aus. Mit fein dosierten Variationen schreitet Elisabeth Klar im Krebsgang voran, da capo al fine, in einem präzis choreografierten Ballett der Körper, Körperteile, Sensationen: Es geht um raue Hände, kalte Hände, warme Wangen, Ohrfeigen, Küsse, Übergriffe. Es geht ums Wasserlassen, Bluten und Kotzen, ums Ausrinnen und Untertauchen und Zugrundegehen und darum, den Dingen auf den Grund zu gehen, indem man über den Schmerz in der eigenen Stimme staunt und über die Gewalt der Wörter.

Wie im Wald stellt die Grenze zwischen Mensch und Tier programmatisch infrage. In den Märchen der Mädchen sind die hungrigen Bestien Objekte der Angst wie der Lust.

Der berühmten Zähmung des Fuchses in Antoine de Saint-Exupérys Der kleine Prinz widmet die Autorin eine bitterböse Paraphrase. Simplicius meint einmal, "es müßten ohnfehlbar zweierlei Menschen in der Welt sein" , wilde und zahme, "wie andere unvernünftige Tiere, weil sie einander so grausam verfolgen".

Unter den Händen dieser frühreifen Anfängerin wird das kolportageverseuchte Missbrauchsthema zu einem Lehrstück über das unvernünftige Tier Mensch und die Liebe als graduell unterschiedliche Abhängigkeit.

Eines ist klar: Wie im Wald wird es nie wieder. (Daniela Strigl, Album, DER STANDARD, 29./30.11.2014)

  • Elisabeth Klar, "Wie im Wald". Roman. € 22,90 / 272 Seiten. Residenz-Verlag, St. Pölten 2014.
    foto: residenz-verlag

    Elisabeth Klar, "Wie im Wald". Roman. € 22,90 / 272 Seiten. Residenz-Verlag, St. Pölten 2014.

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