Wie in der Familie jeder bekommt, was er braucht

Kolumne30. November 2014, 17:38
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Eine Mutter kommt nie zur Ruhe - wie es gelingen kann, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen

Frage: Meine Anfrage bezieht sich auf unseren 16 Monate alten Sohn. Mein Mann arbeitet in Vollzeit (zeitweise mit mehrtägigen Dienstreisen), und ich befinde mich im zweiten Jahr der Elternkarenz meines Arbeitgebers. Wahrscheinlich werde ich ab dem zweiten Geburtstag wieder in Teilzeit arbeiten gehen.

Ich bin sehr, sehr glücklich, dass der kleine Mann da ist, und bleibe daher auch gerne bei ihm zu Hause. Allerdings fällt es mir zunehmend schwerer, die Energie aufzubringen, auch meiner persönlichen Verantwortung nachzukommen und "Auszeiten" oder Ähnliches für mich zu realisieren. Durch die zeitweilig komplett alleinige Verantwortung – Dienstreisen meines Mannes – ergibt sich das Gefühl einer "24-Stunden-Präsenz", die sehr kräftezehrend ist. Ich merke, dass es sehr wichtig wäre, hin und wieder eine "Pause" zu bekommen. Mein Sohn ist schon sehr verständig, und ich kann ihm viele Dinge erklären, doch lässt er es (noch) nicht zu, dass ich mich alleine auf die Couch setze und ein Buch lese oder Ähnliches – er möchte das Buch anfassen oder sich auf meine Schoß setzen.

Fakten schaffen

Ich möchte auch nicht monologartig auf ihn einreden, und mit 16 Monaten kann ich noch keinen wirklichen Dialog über solch ein komplexes Thema erwarten. Wenn ich allerdings "Fakten schaffe", ihm kurz Bescheid sage, mich einfach hinsetze und lese, dann kommt es vor, dass er durch andere Dinge versucht meine Aufmerksamkeit zu erlangen – er turnt zum Beispiel auf der Couch herum.

Leider ist mein soziales beziehungsweise familiäres Netzwerk nicht derart angelegt, dass ich eine wirklich zuverlässige Möglichkeit hätte, um die zeitweilige Betreuung des Kleinen unter der Woche zu realisieren. Und an den Wochenenden versuche ich natürlich auch für meinen Mann etwas Entspannung zu realisieren und übernehme auch da hauptsächlich die Verantwortung – zum Beispiel nachts für das Babyfon (er ist unter der Woche richtig viel und lange unterwegs und benötigt die Wochenenden definitiv zum Ausschlafen und Regenerieren).

Hätten sie eventuell eine Idee beziehungsweise einen Lösungsvorschlag? Ich bin mir sicher, dass meine Thematik mit zunehmendem Alters des kleines Mannes für mich einfacher zu lösen ist, doch nach 16 Monaten andauernder gefühlter "24-Stunden-Präsenz" bräuchte ich einen aktuellen Ansatz ...

Antwort: Mir gefällt die Beschreibung Ihres Lebens als (de facto alleinerziehende) Mutter. Diese ist nicht nur sehr genau, sie ist auch eine Dokumentation einer Situation, die viele Millionen Frauen jeden Tag betrifft – ohne zu polarisieren.

Ich stimme Ihnen zu, dass Ihr Sohn noch zu jung ist, um ihm verständlich zu erklären, warum Sie auch Zeit für sich alleine brauchen. In seiner Vorstellung ist er das Zentrum des Universums. Trotzdem: Bleiben Sie dabei, ihm zu sagen, wenn Sie für sich sein wollen. Sein Verstand wird diese Nachricht verarbeiten, und in einem Jahr wird er bereit dazu sein, Ihnen das zu geben, was Sie brauchen – manchmal zumindest.

Ich wünschte, Sie würden ihn nicht mehr "kleiner Mann" nennen, denn es wird eine Last für ihn werden, sollte sein Vater auch weiterhin so selten zu Hause sein wie im Moment.

Ein wohlgehütetes Geheimnis

Lassen Sie mich Ihnen ein wohlgehütetes Geheimnis über Männer anvertrauen: Es ist schwierig für sie, sich vorzustellen, dass Zeit mit einem Kind zu verbringen verlorene Energien belebt und ihr Sein bereichert. Sie geben Ihrem Mann nicht wirklich, was er braucht, wenn Sie ihm an den Wochenenden erlauben, sich auszuruhen und zu schlafen. Anstelle dessen schlage ich vor, dass Sie Ihr Bedürfnis nach etwas Kind-freier Zeit für sich klar zum Ausdruck bringen. So bekommen Sie – oder nehmen sich –, was Sie brauchen und was Ihnen auch zusteht, und Sie senden dabei auch ein sehr wichtiges Signal an beide Ihrer Männer.

Jedoch sollten Sie sich darüber nicht mit Ihrem Ehemann streiten. Das wird nicht funktionieren! Sagen Sie ihm in einem freundlichen Ton, dass er nun übernimmt, und gehen Sie. Nur dadurch bleiben Sie eine interessante und attraktive Frau. Wenn Sie das nicht machen, haben Sie am Ende zwei Söhne. (Jesper Juul, derStandard.at, 30.11.2014)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 14. Dezember.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich.

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