IS-Enthauptungsvideo "echt oder nicht?": Heute.at verletzte Ehrenkodex

28. November 2014, 11:35
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"Tabubruch", sagt Senat I des Presserats – den die Gratiszeitung nicht anerkennt

Wien - Heute.at hat nach Ansicht des Presserats mit dem Posting "#Jihadisten-Drohvideo: Echt oder nicht? Was glaubt ihr?" auf der Facebook-Seite der Tageszeitung "Heute" sowie dem darauf verlinkten Artikel "IS-Video soll Enthauptung von US-Journalisten zeigen" den Ehrenkodex der österreichischen Presse schwer verletzt. Heute.at habe damit gegen Punkt 5 über Persönlichkeitsschutz verstoßen, sagt Senat I des Presserats. "Heute" erkennt den Presserat und seine Entscheidungen nicht an.

Der Presserat über die Veröffentlichungen, über die sich ein Leser bei ihm beschwerte: Die ursprüngliche Version des mit dem Posting in Zusammenhang stehenden Artikels enthielt einen Link zu dem vom "Islamischen Staat" auf Youtube veröffentlichten Enthauptungsvideo. Nachdem Youtube das Video aufgrund eines Verstoßes gegen die Youtube-Richtlinien zu Gewalt gelöscht hatte, wurde der vorliegende Artikel am selben Tag geändert und der Link zu dem Enthauptungsvideo entfernt.

"Fast spielerisch"

Der Senat ist der Auffassung, dass durch die Verlinkung zu dem Enthauptungsvideo und durch die auf Facebook gepostete Frage an die Leserinnen und Leser zur Echtheit des Videos gegen Punkt 5 des Ehrenkodex (Persönlichkeitsschutz) verstoßen wurde. "Dem Medium ist es offenbar darum gegangen, mit dem Enthauptungsvideo möglichst viele Klicks auf der eigenen Webseite zu generieren", schreibt der Presserat.

Bei einem derart ernsten Thema wie der Ermordung eines Menschen durch Terroristen ist es nach Ansicht des Senats verfehlt, das Video, das die grausame Ermordung zeigt, auf eine fast spielerische Art und Weise ("Echt oder nicht? Was glaubt ihr?") in die Berichterstattung einzubauen. Die Aufbereitung durch das Medium "kommt im Ergebnis einer Aufforderung an die Userinnen und User gleich, sich das Video anzusehen", so der Senat.

"Tabubruch"

Der Persönlichkeitsschutz des ermordeten Journalisten und seiner Angehörigen sei "grob missachtet" worden. Und: "Die Vorgangsweise des Mediums ist ein Tabubruch, den der Senat als schwerwiegenden Verstoß gegen den Ehrenkodex bewertet."

Der Senat forderte die Medieninhaberin von heute.at auf, die vorliegende Entscheidung freiwillig zu veröffentlichen. (red, derStandard.at, 28.11.2014)

Link zur Entscheidung des Presserats

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