Geldpolitische Geisterfahrer

3. Juni 2015, 05:43
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Die US-Notenbank stoppt ihr Anleihenkaufprogramm, die EZB startet damit und will Milliarden in die Märkte pumpen

Bei der globalen Geldpolitik zeichnet sich ein Staffelwechsel ab. Fast 2300 Tage nach dem Höhepunkt der Finanzkrise mit dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 hat die US-Notenbank Federal Reserve ihr Anleihenkaufprogramm "Quantitative Easing" beendet, mit dem sie der Wirtschaft wieder auf die Beine geholfen hat. Die Bilanzsumme der Fed ist in den vergangenen sechs Jahren um knapp 3500 Milliarden Dollar gewachsen, künftig soll sie nicht mehr anschwellen.

Während die US-Notenbanker also die Bremse durchdrücken, springt die Europäische Zentralbank aufs Gaspedal und hat ein eigenes Ankaufprogramm gestartet. Pfandbriefe werden seit Oktober von den Frankfurter Währungshütern gekauft. Demnächst sollen auch noch hochriskante ABS-Papiere folgen.

Die Staffelübergabe wird für Beobachter wie Ökonomen und Zinsanalysten vor allem eines bedeuten: Turbulenzen auf den Finanzmärkten. Der Währungsmarkt dürfte dabei im Fokus stehen. Denn die unterschiedlichen Pfade der Geldpolitik haben auch Auswirkungen für die Devisenkurse. Seit Mai hat der Euro knapp zehn Prozent seines Außenwerts gegen den US-Dollar verloren. Analysten von Investmentbanken wie Goldman Sachs oder der Deutschen Bank überschlagen sich mit pessimistischen Szenarien für die Gemeinschaftswährung. Der Euro könnte demnach bald sogar weniger als einen Dollar wert sein.

Unter den Europessimisten ist George Saravelos derjenige, der dem Außenwert der Gemeinschaftswährung am wenigsten Potenzial einräumt. In einer aktuellen Studie geht der Deutsche-Bank-Stratege von einem Wechselkurs von nur noch 0,95 gegen den US-Dollar aus. Den erwartet Saravelos zwar erst im Jahr 2017, aber es mehren sich die Warner vor größeren Bewegungen an den Devisenmärkten.

Ausweitung denkbar

Tatsächlich haben sich viele Marktteilnehmer offenbar davon überzeugen lassen, dass die EZB in den kommenden Monaten ein noch größeres Anleihenkaufprogramm vorstellen könnte, sagt etwa Jonathan Loynes, Europa-Chefvolkswirt von Capital Economics. "An den Märkten wurde eine mögliche quantitative Lockerung der EZB schon teilweise vorweggenommen", schließt Loynes aus den Daten zu erwarteten Zinsen und den Währungskursen. Das angekündigte Kaufprogramm (ABS plus Pfandbriefe) könnte laut Marktmeinungen noch ausgeweitet werden, etwa auf Unternehmens- oder Bankanleihen - vielleicht sogar auf Staatspapiere.

Tatsächlich haben aber gerade angelsächsische Analysten in den Finanzmetropolen New York oder London des Öfteren bereits Staatsanleihenkäufe in Milliardenhöhe gleich um die Ecke vermutet. Doch die EZB hat bis dato stets anderen Instrumenten den Vorzug gewährt, erst milliardenschwere Kredite an die Banken und nur kleine Ankaufprogramme. Erst im November hat EZB-Chef Mario Draghi versprochen, dass er die Bilanzsumme der EZB in einem ersten Schritt um 1000 Milliarden Euro anschwellen lassen will.

Dass die EZB gerade jetzt das geldpolitische Gaspedal durchdrücken könnte, dürfte auch einer Angst geschuldet sein. Das letzte Mal, als die US-Notenbank eine Wende eingeleitet hat - wenn auch nur eine rhetorische -, im Mai 2013, sind auch die Zinsen in Europa gestiegen. Allen voran Unternehmen sahen sich an den Finanzmärkten mit höheren Refinanzierungskosten konfrontiert. Wenn aber die USA nun die Zinsen erhöhen und diese Straffung auch in der Eurozone spürbar wäre, käme sie zur Unzeit: dann nämlich, wenn die europäische Wirtschaft gerade eine Phase schwachen Wachstums durchmacht. Die US-Fed hat der EZB den Staffelstab just in einem Moment übergeben, in dem die europäische Wirtschaft nur langsam läuft. (Lukas Sustala, Wirtschaft, DER STANDARD, Portfolio, Dezember, 2014)

  • Artikelbild
    foto: lukas friesenbichler
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