Digitale Währung, reale Schwierigkeiten

8. Jänner 2015, 09:00
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Nach dem Platzen der Bitcoin-Blase versuchen Digitalwährungen nun als Zahlungsmittel im echten Leben anzukommen

Mit Alternativwährungen hatten Bettina und Klaus Hammer eigentlich nie etwas am Hut. Bis in ihrer Bar im dritten Wiener Bezirk eines Tages zwei Australier auftauchten und ihre Rechnung mit Bitcoins begleichen wollten. Schnell war das unternehmerische Interesse geweckt, und im Mai dieses Jahres wurde das Diesel's zum ersten Lokal Österreichs, das die Digitalmünze in Zahlung nimmt. Noch wird das Angebot nur sporadisch genutzt, sagt Klaus Hammer. "Das sind dann vor allem reisende Bitcoin-Enthusiasten, die im Internet von uns gelesen haben." Längerfristig will man aber auch neue Kundenschichten erschließen.

Dass noch nicht mehr Lokale das alternative Zahlungsmittel akzeptieren, ist kein Zufall. Seine Verbreitung schreitet zwar sehr wohl voran, aber eben nur schleppend. Erst eine Handvoll Shops und Dienstleister sind bisher in Österreich auf den Digitalwährungszug aufgesprungen. Der fährt noch dazu nur in eine Richtung, und die heißt Bitcoin. Ähnliche Geldsysteme - egal ob sie LiteCoin, DogeCoin oder PeerCoin heißen - spielen kaum eine Rolle. Sie alle basieren auf dem technischen Prinzip von Bitcoin, und ihre Marktkapitalisierung liegt weit unter jener des Originals.

Johannes Grill, Mitgründer von Bitcoin Austria, glaubt, dass sich nach dem Abflauen des ersten großen Hypes rund um Digitalwährungen nun eine Phase des stabilen Wachstums einstellt. Der Verein versteht sich als Anlaufstelle für rechtliche, technische und organisatorische Fragen zum Thema. Wie viele Nutzer ihre Bitcoins in erster Linie als Zahlungsmittel gebrauchen und nicht als Spekulationsobjekt, aufgrund ihrer IT-Faszination oder ihrer libertären Weltanschauung halten, darüber gibt es laut Grill keine Zahlen. Die steigende Bekanntheit hinterlasse aber Spuren: "Vor drei Jahren waren 80 bis 90 Prozent der Szene in Österreich im IT-Bereich tätig, mittlerweile ist die Nutzergruppe sehr viel breiter geworden."

Tatsächlich gibt es praktische Gründe, warum auch Konsumenten ohne allzu großen Bezug zu Computertechnik und alternativen Geldsystemen Bitcoin für sich entdecken. Zum einen wäre da die schnelle und unkomplizierte Abwicklung von Transaktionen, die nur wenige Minuten in Anspruch nimmt. Zum anderen lassen sich Gebühren für Überweisungen und Kontoführung sparen. Nimmt man Bitcoin-Transaktionen über einen Zahlungsdienstleister entgegen, so werden üblicherweise nur zwei bis drei Cent an Spesen fällig. Wer sich auch das sparen und gar keine Gebühren zahlen will, kann Transaktionen mit anderen Nutzern auch direkt abwickeln. Das funktioniert über ein am Rechner oder am mobilen Endgerät installiertes Programm. Darüber hinaus wird nur die Bitcoin-Adresse des Gegenübers benötigt, vergleichbar mit einer Kontonummer.

Auch im Diesel's wird per Tablet kassiert. Die eingenommenen Bitcoins tauschen die Barbesitzer sofort zum aktuellen Kurs in Euro um. Das Wechselkursrisiko tragen sie also selbst - und das ist nicht gerade gering. Ende 2013 erreichte die Digitalwährung mit mehr als 800 Euro pro Bitcoin ihren Höchststand. Ein Jahr später notiert sie um rund 70 Prozent darunter. Der Gesamtwert aller in Umlauf befindlichen Bitcoins sank damit auf rund drei Milliarden Euro.

Für Beat Weber von der Oesterreichischen Nationalbank ist genau das einer der größten Schwachpunkte digitaler Zahlungsmittel. "Im System Bitcoin ist absichtlich keine Zentralinstanz vorgesehen, die seine Stabilität sichern könnte. Das wäre aber notwendig, um als privater Geldersatz in Frage zu kommen", sagt der Finanzmarktexperte, der sich eingehend mit dem Thema beschäftigt hat. Für ihn nehmen Kunden mit der Verwendung von Digitalwährungen eine Reihe von Risiken in Kauf: "Im Alltag führt eine regulierte Bank mein Konto, übernimmt Verantwortung für meine Datensicherheit und beschafft mir bei Fehlüberweisungen mein Geld zurück. Bei Bitcoin muss ich mein Konto selbst sichern oder unregulierten Drittanbietern von Online-Geldbörsen vertrauen."

Stark verschlüsselt

Eigentlich ist das elektronische Geld durch eine starke Verschlüsselung vor Hackerangriffen geschützt - daher auch der Begriff Kryptowährung. Funktioniert hat das in der Vergangenheit aber nicht immer. Anfang des Jahres machte ein Datendiebstahl bei der größten Bitcoin-Börse Mt. Gox Schlagzeilen. Wenig später meldete das Unternehmen Insolvenz an. Bitcoins zum damaligen Kurswert von einer knappen halben Milliarde Euro waren verschwunden. Auch in kleinerem Maßstab werden innerhalb des Netzwerks immer wieder Verschlüsselungs-Codes gestohlen.

Grill appelliert an die Eigenverantwortung der Nutzer. "Digitales Geld sollte man so behandeln wie Bargeld", rät er. Es gebe sichere und einfache Methoden, um einmal erworbene Bitcoins aufzubewahren - sei es am eigenen Rechner oder bei einem seriösen Dienstleister. "Hundertprozentige Sicherheit wird es nie geben. Auch Banken und herkömmliche Währungen sind vor Hackern nicht gefeit", sagt Grill. Sowohl die heimische Finanzmarktaufsicht als auch die europäische Aufsichtsbehörde sehen das anders. Sie warnen vor Datenverlust und fehlendem Rechtsschutz.

Was die Sicherheit betrifft, sind sich Fürsprecher und Skeptiker also uneins. Weniger strittig ist hingegen, was Digitalwährungen darüber hinaus von "herkömmlichem" Geld unterscheidet: Bitcoins werden nicht von einer staatlichen Zentralbank ausgegeben und besichert. Stattdessen kann jeder seine eigenen Münzen "produzieren". Wer einen leistungsstarken Rechner sein Eigen nennt, kann damit komplexe mathematische Aufgaben lösen und bekommt dafür eine Werteinheit gutgeschrieben. Im Schnitt entstehen so derzeit alle zehn Minuten 25 neue Bitcoins.

Damit stehen Digitalwährungen in der Tradition dezentraler Währungskonzepte, die sich in Form von Regionalgeldprojekten da und dort auch noch heute finden lassen - etwa im Waldviertel. Die technischen und organisatorischen Möglichkeiten des Internets lassen nun aber alternative Geldsysteme zu, die über enge geografische Grenzen hinausgehen.

Im rechtlichen Graubereich

Gerade deshalb sei es für die Wettbewerbsfähigkeit des Technologiestandorts Österreich wichtig, virtuellen Währungen aufgeschlossen gegenüberzustehen, sagt Rechtsanwalt Arthur Stadler. "Noch stellen sich für Bitcoin-Unternehmer in Österreich viele juristische Fragen", so der Spezialist für Europarecht und E-Commerce. Denn das Finanzministerium stuft Kryptogeld nicht als Währung ein. Deshalb ist der Handel damit, anders als in anderen EU-Ländern wie Schweden oder Belgien, hierzulande umsatzsteuerpflichtig.

Auch die Konzessionierung von Unternehmen der Branche ist nicht eindeutig geregelt. Laut Stadler geht es dabei vorwiegend um die Frage, ob der jeweilige Dienstleister das Geld seiner Kunden aktiv verwaltet oder nur als Vermittler von Transaktionen auftritt. Im ersten Fall wird eine Banklizenz benötigt. "Das schreckt viele potenzielle Gründer ab", erklärt Stadler.

Dass sich Bitcoin-Unternehmen in Österreich mit ihrer Tätigkeit einem rechtlichen Graubereich aussetzen müssten, beklagt auch Grill. Mittlerweile komme aber Bewegung und vor allem das benötigte Risikokapital in den Markt. Für Unternehmenstätigkeiten, die ohne Banklizenz auskommen, gibt es hierzulande bereits einige Anbieter. Die Firma Coinfinity beispielsweise stellte heuer in Graz den ersten Automaten auf, an dem sich Euro in Bitcoins umtauschen lassen. Das Start-up berät Unternehmen und Privatpersonen, die an der Nutzung von Kryptowährungen interessiert sind. Die Automaten sollen den Einstieg erleichtern und helfen, das Alternativgeld unter die Leute zu bringen. Ob dann irgendwann nicht nur der Treibstoff im Wiener Diesel's, sondern auch jener an der Tankstelle mit Bitcoins bezahlt werden kann, muss sich noch weisen. (Simon Moser, Wirtschaft, DER STANDARD, Portfolio, Dezember 2014)

  • Bitcoins haben den Sprung von der Virtualität in die Realität geschafft ...
    foto: reuters/benoit tessier

    Bitcoins haben den Sprung von der Virtualität in die Realität geschafft ...

  • ... Aufsichtsbehörden warnen aber vor dem Fehlen einer Zentralinstanz.
    foto: reuters/jim urquhart, montage: otto beigelbeck

    ... Aufsichtsbehörden warnen aber vor dem Fehlen einer Zentralinstanz.

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