Technischer Fortschritt: Das Gute am Monopol

Bericht5. Jänner 2015, 11:00
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"Wettbewerb bedeutet Gewinn für keinen, dafür einen ständigen Kampf ums Überleben", sagt Peter Thiel, Investor im Silicon Valley

Noch bevor er mit seiner Geschäftsidee kommt, verzieht Peter Thiel seinen Mund zu einem ironischen Lächeln. "Sagen wir mal, du gründest das einzige Lokal Washingtons, das britische mit nepalesischer Küche verbindet. Tolle Idee, glaubst du, damit bist du der Erste." Natürlich ist der Gedanke absurd, und Thiel genießt die Lacher im Saal. Wer ein Restaurant aufmache, spinnt er den Faden fort, setze sich härtester Konkurrenz aus. Wie exotisch der Ansatz auch sein möge, er kopiere nur, was es schon reichlich gebe. Die Geschichte des technischen Fortschritts aber sei eine Geschichte von Monopolisten, die Neues schaffen und ihren Vorsprung behaupten, indem sie anderen um mehrere Schritte voraus sind - bis sie selbst abgelöst werden durch kreativere Monopolisten.

Zero to One lautet Thiels Buchtitel. Wann immer etwas Einmaliges entstehe, begründet er ihn, bewege man sich von null zu eins. Es ist, auf 195 Seiten, ein Bürsten gegen den Strich, gegen das Dogma, der Kapitalismus lebe vom harten Wettbewerb. "Wettbewerb bedeutet Gewinn für keinen, dafür einen ständigen Kampf ums Überleben", spitzt es der Hightech-Investor zu. Ein Internetunternehmen wie Google dagegen beherrsche seine Branche so deutlich, dass es über den Tellerrand des Gewinns hinausdenkt, sich intensiver um seine Produkte kümmern könne. Nichtmonopolisten seien derart fixiert auf die Profitmargen der Gegenwart, dass sie gar nicht mehr planen könnten für die Zukunft. Kreative Monopolisten, Google oder Apple mit dem iPad, seien nicht nur gut für die Gesellschaft, sie machten die Gesellschaft auch besser.

Philosoph im Silicon Valley

So schräg die Thesen klingen, wo immer Thiel sein Buch vorstellt, sind die Säle bis auf den letzten Platz besetzt. In der Synagoge an der Washingtoner I Street, oft Bühne für Lesungen vor großem Publikum, drängeln sich die Leute in langen Warteschlangen hinter zwei Mikrofonen, um Fragen zu stellen. 1967 geboren in Frankfurt am Main, ist Thiel so etwas wie der Philosoph des Silicon Valley, ein Querdenker, der die Provokation liebt. Politisch ein Libertärer.

Reich wurde Thiel, als er das Online-Bezahlsystem Paypal an Ebay verkaufte. Der zweite Coup gelang ihm mit Facebook, da war er der erste Investor von Rang, der einem Studienabbrecher aus Harvard, einem gewissen Mark Zuckerberg, Geld lieh. Eine halbe Million Dollar, mit der er sich sieben Prozent der Facebook-Anteile sicherte. Der nächste Mark Zuckerberg, sagt Thiel, werde kein soziales Netzwerk stricken, der nächste Bill Gates kein Betriebssystem entwerfen, der nächste Larry Page oder Sergey Brin keine Suchmaschine. "Wenn du diese Burschen kopierst, hast du nichts von ihnen gelernt." Wer nur nachahme, begebe sich ins Dickicht des aufreibenden, oft erfolglosen Wettbewerbs.

Aus Zero to One kann man zumindest lernen, worin die wahre Erfolgsgeschichte des Silicon Valley besteht: Experimentierfeld für Exzentriker aus allen Ecken der Welt sein. Max Levchin etwa, einer der Ideengeber für Paypal, stammt aus der Ukraine; er war 23 Jahre alt, als er sich mit Thiel in einem Café in Palo Alto traf und einer dem anderen auf den Zahn fühlte, indem sie einander knifflige Mathe-Aufgaben stellten. Elon Musk wuchs in Südafrika auf, bevor er nach Kanada ging und von dort nach Kalifornien. Heute lässt er bei Tesla Elektroautos und bei Space X Raumschiffe bauen und denkt darüber nach, Passagierkapseln durch Stahlröhren von Los Angeles nach San Francisco flitzen zu lassen. Musk gilt manchen als Spinner, während Thiel sagt, dass es viel mehr Elon Musks geben müsste.

"Konforme Karriere"

Lebhaft beklagt er die Krise der Science-Fiction-Literatur, weil die Fantasie darunter leide. "Wir wollten fliegende Autos, und bekommen haben wir 140 Zeichen", mokiert er sich über Twitter. Echten Fortschritt habe es seit Beginn der Globalisierung nur in der Computerbranche gegeben, sonst nicht. Die Globalisierung bestehe im Wesentlichen darin, dass China den Westen kopiere.

Thiel war ein Jahr alt, als sein Vater, beschäftigt bei einer Ingenieursfirma, nach Cleveland an den Eriesee zog. Bis zur fünften Klasse wechselte er sieben Mal die Schule, ehe sich die Familie an der Bucht von San Francisco für länger einrichtete. Mit leisem Spott spricht er von der "konformen Karriere", die dem High-School-Abschluss folgte. Ein Jura-Studium in Stanford. Der Versuch, eine Assistentenstelle am Supreme Court zu ergattern - das Höchste, wovon junge Juristen in den USA träumen. Es klappte nicht, "es war das Ende der Welt", blendet Thiel zurück und fügt hinzu, wie froh er nachträglich sei über das Scheitern. "Am Obersten Gericht hätte ich vermutlich den Rest meines Lebens damit verbracht, anderer Leute Geschäftsverträge zu entwerfen, statt etwas Eigenes auf die Beine zu stellen." (Frank Herrmann aus Washington, Portfolio, DER STANDARD, 2014)

  • Artikelbild
    foto: lukas friesenbichler
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