Aids: Geschichte eines medizinischen Erfolgs

1. Dezember 2014, 09:43
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Bis Mitte der 1990er-Jahre galt eine HIV-Infektion als Todesurteil – inzwischen bedeutet sie für den Infizierten ein fast normales Leben mit einer chronischen Krankheit

Das gehäufte Auftreten einer seltenen Lungenentzündung und eines seltenen Hautkrebses bei homosexuellen Männern in Los Angeles und New York beschäftigte im Frühling und Sommer 1981 die medizinische Fachwelt. Mit Berichten aus anderen Städten, die ähnliche Fälle schilderten, war schnell klar: Hier handelt es sich um eine neuartige Erkrankung. Bald war eine erworbene Immunschwäche, die sexuell übertragen wird, die wahrscheinlichste Ursache. Etwa ein Jahr später bekam die Krankheit ihren endgültigen Namen: Acquired Immune Deficiency Syndrome – Aids.

Etwa ein Jahr darauf berichteten zuerst Ärzte des französischen Pasteur-Instituts und später Forscher am National Cancer Institute der USA von der Isolation eines Virus. Sie waren überzeugt: Dieses Virus ist die Ursache von Aids. Anfangs wurden noch verschiedene Namen verwendet. Als klar wurde, dass beide Forschungsgruppen das gleiche Virus entdeckt hatten, wurde es in Human Immunodeficiency Virus umbenannt – HIV.

Mit der Identifikation des Virus begann die Suche nach Therapien. Das HI-Virus ist ein Retrovirus. Es bringt sein Erbgut als RNS in die Zelle – dieses wird dann mit Reverse-Transcription in DNS umgewandelt, die sich schließlich in das Erbgut der Zelle integriert. Dieser Vorgang erlaubte den ersten Therapieansatz: Mit AZT gelangte 1987 das erste Medikament gegen Aids auf den Markt. Es sollte die Reverse-Transcription blockieren.

infografik: wolfram leitner
Wo die HIV-Therapie ansetzt.

Der therapeutische Durchbruch gelang jedoch erst später: 1995 kam der erste Proteasehemmer auf den Markt. Proteasehemmer greifen die Vermehrung des Virus an einem anderen Punkt an: der Produktion neuer Viren in der infizierten Zelle. Sie erlauben ein Behandlungsschema, das als Highly Active Anti-Retroviral Therapy (HAART) bekannt wurde. In den zwei Jahren nach der Einführung von HAART reduzierte sich die Zahl der Aids-Todesfälle drastisch. In Österreich gingen sie von 176 im Jahr 1995 auf 50 im Jahr 1997 zurück.

Mit der Einführung einer hochaktiven Kombinationstherapie verbesserte sich auch die Prognose von HIV-Infizierten. Betrug die verbleibende Lebenserwartung von 20-jährigen HIV-Infizierten 1995 nur etwa acht Jahre, so lag diese 2007 bei über 50 Jahren – nahe an der Lebenserwartung der Durchschnittsbevölkerung. Besonders wenn HIV früh erkannt und behandelt wird, zeigt sich dieser Vorteil. Dazu tragen auch neue Medikamentenklassen bei Fusions-, Entry- und Integrase-Inhibitoren bei. Sie verhindern das Eintreten des Virus in die Zelle beziehungsweise die Aufnahme der Virus-DNS in die DNS der Wirtszelle.

Seit Beginn der Aids-Epidemie spielt auch der Aktivismus eine große Rolle: Nur zwei Jahre nach dem ersten Aids-Fall in Österreich wurde 1985 die Österreichische Aids-Hilfe gegründet. Mit Beratung, Aufklärung und Tests wurden Aktivistinnen und Aktivisten weltweit ein wichtiger Teil der Bewegung.

Besonders das New Yorker Netzwerk Act Up fiel auf. Mit Aktionen an der New Yorker Börse, an der sie mit "Sell Wellcome"-Schildern Broker dazu bewegen wollten, Aktien des AZT-Produzenten Wellcome zu verkaufen, zwangen sie diesen dazu, den Preis von AZT zu senken. Auch Proteste gegen die FDA, die Zulassungsstelle für neue Medikamente, zählten zu ihren Strategien. Ihr Slogan: "Drugs Into Bodies". Sie forderten einen kürzeren Zulassungsprozess und das Ende von Placebo-kontrollierten Studien. Neue Medikamente sollten nicht wie bisher mit Placebos, sondern als Zusatz oder Änderung der bisherigen Therapie getestet werden. Außerdem sollten sämtliche betroffenen Bevölkerungsgruppen in Studien eingeschlossen werden. Beide Forderungen sind heute Standard bei klinischen Studien.

Aktionismus und Aufklärung halfen auch, die Zahl der jährlichen Neuinfektionen zu reduzieren. So gingen zwischen 2005 und 2013 die weltweiten Neuinfektionen um 27 Prozent zurück. Besonders im Subsahara-Afrika, dem weltweit immer noch am stärksten von HIV betroffenen Gebiet, gehen die Infektionen zurück. In Osteuropa zeigt sich jedoch eine leicht steigende Tendenz. In Österreich stagniert die Anzahl der Neuinfektionen zwischen 450 und 525 pro Jahr. Für 2014 wird mit einem leichten Rückgang der Neuinfektionen gerechnet.

Obwohl eine HIV-Infektion viel von ihrem Schrecken verloren hat, bedeutet sie immer noch das Leben mit einer chronischen Krankheit. Einer Infektion vorzubeugen hilft dem Einzelnen mehr als jeder medizinische Fortschritt. (Michael Bauer, DER STANDARD, 1.12.2014)

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