Wie die Hungersnot den Kapitalismus nach Nordkorea brachte

Blog28. November 2014, 10:32
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Die junge "Schwarzmarkt-Generation" könnte schon bald gesellschaftliche Veränderungen fordern

Die große Hungersnot in den 90er-Jahren gilt zweifelsohne als dunkelstes Kapitel in der Geschichte Nordkoreas: Als die Sowjetunion kollabierte und deren Hilfslieferungen ausblieben, starben infolge dessen Hunderttausende, wenn nicht gar Millionen an der drastischen Unterversorgung. Erstaunlicherweise haben viele Koreaner rückblickend dennoch ein ambivalentes Verhältnis zu dieser unmenschlichen Tragödie. In einem jüngst veröffentlichten Artikel des Online-Mediums "NK News" etwa schreibt ein nordkoreanischer Flüchtling: "Genau genommen war es die Hungersnot, die letztendlich unsere Lebensgrundlage verbessert hat."

Es muss ein erschütternder Vertrauensverlust für die Menschen gewesen sein, dass die allmächtige Regierung, die bislang für die Arbeitseinteilung und die Essensrationen zuständig war, ihr Volk schlicht nicht mehr versorgen konnte. Breite Teile der Bevölkerung mussten von nun an selber ihr Überleben sichern. Sie zogen auf die Märkte, auf denen sie ihr Hab und Gut gegen gegen Nahrungsmittel eintauschten. Wer sich an die neuen Spielregeln nicht gewöhnen konnte, den traf die soziale Auslese oft als Erstes.

Noch in den frühen 90ern konnte man auf den wenigen Märkten des Landes kaum mehr als überschüssiges Gemüse und selbstgebrannten Reisschnaps erwerben. Doch nur wenige Jahre später schossen in den Städten des Landes unzählige Schwarzmärkte wie Pilze aus dem Boden. Es waren letztlich so viele, dass die Sicherheitsbeamten mit ihren Razzien gar nicht mehr nachkamen. Das Regime musste die ersten Anflüge freier Marktwirtschaft wohl oder übel dulden.

Abschreckende Bilder im Fernsehen

Das staatliche Fernsehen strahlte damals Berichte aus Osteuropa aus, in denen Altkommunisten ihre Parteimitgliedschaften und Ehrenabzeichen auf Schwarzmärkten verscherbelten. Die Bilder sollten als Abschreckung dienen, doch tatsächlich nahmen sie vielmehr die Situation im eigenen Land vorweg: Nicht nur Fernsehapparate gingen damals über nordkoreanische Ladentheken, sondern auch Uhren mit der Inschrift von Kim Il-sung und persönliche Geschenke von Kim Jong-il – eben alles, was sich irgendwie gegen Nahrung eintauschen ließ. Der schiere Überlebenswille wiegt stärker als jede noch so aufrichtige Regimetreue.

2002 zog die Regierung nach und öffnete das System des Landes sanft in Richtung Marktwirtschaft. So wurden Löhne und Preise angehoben und die Bezahlung nach Art der Arbeit gestaffelt. Allerdings wurden die Reformen nur drei Jahre später wieder zurückgenommen. Kim Jong-un griff diese Bemühungen mit seinem Machtantritt jedoch wieder auf, vor allem im Agrarsektor.

Auch die Privatmärkte florieren weiterhin, auch wenn sie mittlerweile weniger zum reinen Nahrungsmittelwerb genutzt werden, sondern vielmehr für den zusätzlichen Verdienst. Schätzungen zufolge akquirieren Nordkoreaner rund 80 Prozent ihres Familieneinkommens auf dem freien Markt. Der Durchschnittslohn eines nordkoreanischen Arbeiters reicht weiterhin kaum für mehr als ein paar Zigarettenpackungen plus Feuerzeug.

Große Unterschiede zu den Eltern

"Meine Generation unterscheidet sich ganz erheblich von der meiner Eltern und Großeltern", sagt eine 25-jährige Nordkoreanerin, die zur "Schwarzmarkt-Generation" zählt. Um ihrem Wunsch nach Anonymität zu entsprechen, nenne ich sie nach ihrem westlichen Namen, den sie sich selbst gegeben hat, um die Kommunikation mit Ausländern zu erleichtern: Sarah.

Schon von klein auf sei sie mit ihrer Mutter regelmäßig auf die Schwarzmärkte gezogen, dort könne man "alles, wirklich alles" kaufen – von japanischer Kosmetik bis hin zu Hollywood-Blockbustern. Während sich also die Wirtschaft gewandelt habe, sei die politische Gehirnwäsche wie bisher weitergegangen. Das habe mitunter zu schizophrenen Situationen geführt: In den Ideologiekursen auf der Schule wurde ihr eingebläut, dass die "Yankees" an allem schuld seien. Als sie dann nach Hause kam, bewunderte sie auf dem Fernsehbildschirm Leonardo DiCaprio und Kate Winslet, wie sie auf einem Schiff Richtung Amerika ihr persönliches Glück suchen.

Für Sarah waren es vor allem die kleinen, scheinbar trivialen Dinge, die sie von einer Flucht ins Ausland träumen ließen. Dass sie keine Jeans tragen dürfe, geschweige denn ihre Haare färben, das habe ihr schon bald nicht mehr eingeleuchtet.

Wirtschaftliche Unabhängigkeit steht im Vordergrund

Machen wir uns nichts vor: Auf der Prioritätenliste des Kim-Regimes rangiert das materielle Wohlergehen seiner Bevölkerung keinesfalls an erster Stelle. Die ganze Ideologie des Staates basiert vollends auf seiner wirtschaftlichen Unabhängigkeit, die sie nur als letzten Ausweg aufgeben wird. Auch die Bevölkerung schien lange Zeit bereit, für die Autarkie des Landes ein Leben in Armut in Kauf zu nehmen. Die blutigen Erinnerungen an die japanischen Kolonialherren, die die koreanische Kultur systematisch auslöschen wollten, sind in Nordkorea noch immer sehr präsent. Und seine Seele an die Amerikaner verkaufen, wie es die Südkoreaner laut der Doktrin des Regimes getan haben, wollte man schon gar nicht.

Mit diesem Narrativ konnte Staatsgründer Kim Il-sung als "heroischer" Widerstandskämpfer gegen die japanischen Kolonialherren seine Bevölkerung selbst durch Zeiten wirtschaftlicher Armut hinter sich vereinen. Sein Sohn Kim Jong-il genoss als sein direkter Nachfolger eine ähnliche Autorität. Kim Jong-un hingegen muss sich seine Legitimation auf anderen Wegen erwerben. Dabei steht er einer jungen, gut informierten Generation gegenüber. Jungen Menschen wie Sarah, die in ihrer Jugend weit mehr über die Außenwelt erfahren haben, als dem Regime lieb sein kann.

Als sie mit 18 Jahren in Südkorea ankam, so erzählt sie stolz, habe sie sich als Erstes ihre Haare blond gefärbt und sei ein ganzes Jahr lang nur in Jeans herumgelaufen. (Fabian Kretschmer, derStandard.at, 28.11.2014)

  • Nordkoreaner am Rand der nördlich gelegenen Stadt Kimchaek.
    foto: ap photo/david guttenfelder

    Nordkoreaner am Rand der nördlich gelegenen Stadt Kimchaek.

  • Ein Nordkoreaner vor einer Plakatwand in der Stadt Samjiyon in der Provinz Ryanggang.
    foto: ap/guttenfelder

    Ein Nordkoreaner vor einer Plakatwand in der Stadt Samjiyon in der Provinz Ryanggang.

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