"Ich will schon in mein Miesestes hinein"

Interview28. November 2014, 19:12
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Was Theater mit Fußball gemein hat und wann es im Theater (fast) totenstill wird, erzählen die Schauspieler Elisabeth Orth und ihr Sohn Cornelius Obonya

STANDARD: Wissen Sie, Herr Obonya, welche Position Ihre Mutter beim Fußballspielen hätte?

Orth: Ha!

Obonya: Ich muss nachdenken. Sehr harter Innenverteidiger?

Orth: Interessant. Ich sehe mich als linken Verteidiger. Warst du beim Match Österreich gegen Brasilien vor dem Fernsehapparat?

Obonya: Nein, mein Fernsehapparat funktionierte gerade nicht.

Orth: Ich hab's gesehen. Beim ersten Tor der Österreicher dachte ich, ich werd verrückt. Leider ging es so nicht weiter.

STANDARD: Ich frage, weil Andrea Breth einmal sagte, Theater sei wie Fußball, sie als Regisseurin der Trainer. Frau Orth meinte eben, sie fühle sich als linker Verteidiger, der dem Torschützen den Ball auflegt. Was wären Sie?

Obonya: Vorgeschobenes Mittelfeld: Kann auch stürmen, muss aber nicht immer.

STANDARD: Sehr wienerisch: Man könnt ja schon, aber man muss nicht.

Orth: Da kann man's weit bringen.

Obonya: Grundsätzlich interessiert mich aber das Torschießen.

STANDARD: Sie sind, wie einst Ihr Großvater Attila Hörbiger, Fan der Austria?

Obonya: Ja. Er war Ehrenmitglied; aber das wusste ich noch nicht, als ich als Bub Austria-Fan wurde. Mir gefiel die Farbe der Dressen besser, ganz simpel.

Orth: Violett ist auch schöner als Rapid-Grün.

STANDARD: Ist nun Theater wie Fußball?

Obonya: Beides ist keine Demokratie. Theaterspielen ist zwar wie Fußball ein Mannschaftssport, aber es gibt einen Trainer und einen Kapitän, die Strategie und Richtung vorgeben.

Orth: Und der Schiri hat das letzte Wort. Das weiß das Publikum. Und brüllt runter von den Rängen: "Schiri, mir wissen, wo dei Auto steht! Schiedsrichter zum Telefon!" Hab ich alles schon gehört am Fußballplatz.

STANDARD: Und das Theaterpublikum weiß, wo das Auto des Regisseurs steht?

Orth: Im Theater hören wir: "Dea oame Kleist!" Breths "Zerbrochener Krug" hat einem Herrn gar nicht gefallen, er rief das von ganz oben auf die Bühne runter. Nicht: "Der arme Kleist", sondern: "Dea oame Kleist", mit Meidlinger L und Wiener EI. Ich kenn aber auch das vom Rang: "Lauter, bitte!"

Obonya: Wirklich irritierend sind aber Zuckerlpapierln und Handy. Beim "Jedermann" wissen Sie ganz genau, auf wessen Initiative Paare in die Vorstellung kommen. Da sitzen immer: Männlein, Weiblein, Männlein, Weiblein, Männlein, Weiblein – und bei den Männern sehen Sie einen blauen Schein im Gesicht. Die Leute glauben, wir oben sehen das nicht.

STANDARD: Sie finden, Theater sei wie Fußball. Ich finde, Theater muss wehtun.

Orth: Und wie! Danke schön.

STANDARD: Tut’s den Schauspielern auch weh?

Orth: Täte mir jeder Abend weh, wäre ich nach einer Woche hin. Es muss nach unten hin wehtun, ins Publikum – wenn es um was geht.

STANDARD: Wann geht’s um was?

Obonya: Es geht immer um was.

Orth: Stimmt. Um Unglück, Berührtsein, Traurigsein, Leben, Tod, Ehe, Liebe, Kinder, Verzweiflung – um den ganzen Kosmos. Und schon Nachdenken kann wehtun. Schmerzauslöser müssen wir Schauspieler nicht unbedingt sein. Aber der Funke, bis das Denken losschießt, der sollte schon ein bisschen wehtun.

Obonya: Jedes Schauspiel muss berühren. Auch Komik ist nur wirklich komisch, wenn das Gezeigte ernst gemeint ist, wenn es aus der Not passiert. Bei Komikern geschieht nichts um der Nummer willen, komisch ist nur, wenn mir in der Emphase meiner eigenen Verve etwas passiert.

Orth: Ein Gott darin war ein gewisser Herr Chaplin.

Obonya: Das ist wahr.

STANDARD: Ich kann Chaplin nicht zuschauen, auch nicht Stan Laurel und Oliver Hardy. Sie tun mir immer so leid.

Obonya: Genau das ist der Punkt ...

Orth: Ihnen tut’s weh, weil die das todernst spielen. Täten sie’s nicht, wäre es blödes Altmännergetue.

STANDARD: Sie wollten beide in Ihrer Kindheit Archäologen werden. Ihre Mutter hat das von Ihnen erst jüngst erfahren ...

Orth: Ich weiß erst seit fünf Wochen, dass mein eigen Fleisch und Blut dasselbe machen wollte wie ich ...

Obonya: Nein.

Orth: Natürlich.

Obonya: Wieso?

Orth: Streit ma jetzt?

STANDARD: Bitte, tun Sie nur.

Obonya: Nicht hier. Das tät sie wieder freuen. (lacht)

Orth: Den Teufel werden wir tun.

Obonya: Ich hege Leidenschaft und Liebe für Archäologie. Meine Mutter und ich unternahmen, nachdem mein Vater im Jahr 1978 gestorben war, im Sommer immer Bildungsreisen, wie wir das nannten. Wir waren da auch in Griechenland, das hat mich alles sehr interessiert ...

Orth: Was hast du vor Delphi gesagt?

Obonya: "So, jetzt hab ich genug von den Steinen." Aber das war im vierten Reisesommer, nach zwei Wochen totaler Hitze. Da habe ich gestreikt.

Orth: Du sagtest: "Mami, wenn jetzt noch eine Säule kommt, dreh ich um." In Delphi sollten aber noch viele kommen ...

STANDARD: Stichwort Delphi: Haben Sie Ihre nackten Göttinnen aus Ephesos noch in Ihrem Arbeitszimmer hängen?

Obonya: Ja, sie verblassen nur schon ein wenig.

STANDARD: Die Plakate hatte Ihnen Ihre Mutter ins Internat in Kalksburg geliefert – nachdem es in der Schule einen Skandal um Pornohefte gegeben hat …

Orth: Ich hab sie ihm vorbeigebracht …

Obonya: Du bist ins Zimmer gekommen und hast sie an die Wand gehängt. Da blieben sie, und heute hängen sie im Arbeitszimmer.

STANDARD: Weil wir bei den Ausgrabungen waren: Betreiben Schauspieler nicht sowieso Archäologie? Laut Frau Orth geht es darum, alle Schichten abzugraben, um zu den Gefühlen zu kommen, die man spielen muss.

Obonya: Um auf den Punkt der Wahrheit zu kommen, sagt sie.

STANDARD: Wie spürt man den?

Obonya: Wenn’s einem auch selbst wehtut. Manchmal gelingt das.

Orth: Ich kenne im großen Haus im Burgtheater ein paar Momente, verstreut über all die Jahre, in denen dieser Riesen-Zuschauerraum tonlos war: keine Regung, kein Huster, kein Atem. Das ist die wahnsinnigste Live-Stille, die es im Leben noch gibt: von uns hinunter und von unten hinauf. Diese Drähte hat kein Film, kein Fernsehen, nix. Nur Theater. An dem Punkt denkt der Schauspieler: Das müsste mir immer gelingen. Geht aber nicht, sonst wären das keine solitären Momente. Ich hatte das Gefühl vor vierzehn Tagen wieder.

STANDARD: In Karl Kraus' "Letzten Tagen der Menschheit"?

Orth: Mhm. Mehr sage ich Ihnen aber nicht, das ist wirklich mein Geheimnis. Aber ich hab's gespürt. Überraschend für mich, denn die Rollenaufteilung ist bei einem Lesestück von Kraus nicht auf so einen Moment hinzuspielen. Ist ganz kurz. Ist schön.

STANDARD: Ist das Glück?

Orth: Reicht ran. Reicht ran.

STANDARD: Nie Angst, dass Sie an Stellen in sich vordringen, die Sie gar nicht kennen wollen?

Orth: Nein. Ich will schon in mein Miestestes hinein, wenn die Rolle es verlangt. Muss ich doch, oder?

STANDARD: Sie haben auch nie etwas gefunden, was Sie vor sich selbst fürchten gemacht hat?

Obonya: Ganz im Gegenteil, das ist eher eine Lust. Gerade beim Bösen bin ich froh, dass ich Dinge gefunden habe, die mich erkennen lassen: Oh, so kann ich auch sein!

STANDARD: Was ist das Böseste, was Sie je gespielt habe?

Obonya: Den Bösesten, den hab ich für mein Leben gern gespielt: Caligula. Weil er nicht wirklich böse ist, aber man ihn so missverstehen kann. Natürlich ist er unangenehm, verrückt im Wortsinn, nimmt sich die Freiheit, aus seinem Verständnis heraus logisch zu sein. Er denkt: Man sagt mir ständig, ich sei der Herr der Welt. Was nützt mir das? Ich kann den Lauf der Gestirne nicht ändern, nicht machen, dass die Sonne im Westen aufgeht, also ist das nichts. Deswegen muss ich anderes vernichten, das ist der Tod. Auch mein eigener.

STANDARD: Notfalls.

Obonya: Nicht notfalls. Caligulas Tod ist die logische Endkonsequenz. Er entdeckt während seines Mordens, dass sein Tod zwingend ist. Sehr vereinfacht: Wenn ich ständig wen umniete, bin ich selbst auch irgendwann dran. Was Camus da an dunkler Kraft herausholt, zu der der Mensch fähig ist, ist enorm.

STANDARD: Und die böseste Orth?

Orth: Ich durfte mal schuld sein an meiner eigenen Lust-Ermordung. "Woyzeck". Marie. Mein Woyzeck war Heini Schweiger, mein Regisseur Hans Lietzau. Es geht zum Ende zwischen Marie und Woyzeck, ich höre den Lietzau noch sagen: "Na, ihr zwei, jetzt singt mir mal das deutsche Volkslied vor, das da geschrieben steht!" Und er hatte recht: Büchners Text, vor dem wir Riesenspundus hatten, ist fast ein Reim. Fast Lyrik, schwere Poesie. Da plötzlich ergab es sich ganz von selber, dass ich mir sagte: "Krieg ich dich noch rum, Woyzeck, oder ist das mein Ende? Bist du wirklich der, der mir gleich das Messer reinrammt? Ich könnte ja dagegenstoßen." Und aus diesem Funken – Könnte Marie das Messer umdrehen? – entstand ein perfekter Lustmord Heinis an mir. Perfekt. Vom Lietzau unten kam: "Danke schön." War schön.

STANDARD: Färben denn Rollen auch auf Schauspieler ab?

Obonya: Ich hab's schon ab und an erlebt. Bei "Caligula" etwa, da kam ich heim und hatte so lässige Ansagen drauf, was denn jetzt zu sein hätte. Meine Frau hat mir das aber schnell abgewöhnt. Heute lass ich es zu, wenn es kommt, denn dann weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg mit einer Rolle bin. Trotzdem gibt es den Moment, in dem man die Rolle bewusst ausziehen kann und muss. Laurence Olivier ...

STANDARD: ... Ihr Lieblingsschauspieler ...

Obonya: ... genau, er sagte einmal: Wenn man nach der Probe nicht ab und an einen trinken geht, wird man sehr, sehr leiden. Stimmt: Irgendwann ist Schluss. Sonst gibt’s ja auch kein Familienleben.

STANDARD: Und gibt es eine Rolle, von der Sie sich gern anstecken hätten lassen?

Orth: Weißt du sie?

Obonya: Iphigenie und, natürlich, Elisabeth die Erste. ("Maria Stuart" in der Regie von Breth; Anm.)

Orth: Natürlich, Elisabeth Eins.

Obonya: Da hab ich in der Premiere etwas Herrliches erlebt. Meine Mutter, Elisabeth I., macht gerade die Herren Buckingham und andere fertig: Eine ältere Dame serviert fünf g'standene Herrschaften, die das Land leiten, wie Schuljungen ab. Das kann rasend komisch sein. Ich erlaubte mir, in dieser Szene zu lachen, kurz: Ha, ha! Vor mir sitzt ein älterer Herr, er dreht sich um und sagt: "Rotzpipn!"

Orth: (lacht) Wir spielen Klassiker.

STANDARD: Vom Jedermann, den Sie in Salzburg spielen, lassen Sie sich nicht anstecken?

Obonya: Vom Denken an den Tod natürlich.

STANDARD: Apropos: 2002 sagten Sie, Sie würden den Jedermann erst in 20 Jahren spielen können.

Obonya: Ich hab’s schneller geschafft. Hätte ich nie gedacht.

STANDARD: Und Sie sahen "Jedermann" schon mit elf, als Ihr Vater ihn spielte.

Orth: Ja, und wir Töchter hatten weiße Faltenröckchen an.

STANDARD: Was war eigentlich das erste Stück, das Sie gesehen haben?

Obonya: "Der Verschwender".

Orth: "Peterchens Mondfahrt". Wie's so ghört. Der Vorhang ging auf, und sehr zum Entsetzen meiner Mutter soll ich laut gebrüllt haben: "Die leben ja!"

Obonya: Super, das hab ich ja noch nie gehört.

STANDARD: Frau Orth sagt, man spüre die Vergänglichkeit des Theaters an jedem Abend. Jeder Abend ein Abschied?

Orth: Ein Theaterabend ist das Verfliegendste, das Vergänglichste in der Kunst. Die Perlenkette der Wehtun- oder Nichtwehtun-Gefühle, Lachen, Weinen, Trauer, Verständnis, Unverständnis sind mit dem Fall des Vorhangs, mit dem letzten Wort: weg. Man kann das schon mit der Kamera aufzeichnen, aber das ist kindisch. Das, was wirklich war, was zwischen oben und unten los war: Das verfliegt. Wenn wir gut waren, bleibt hinten im Kopf ein Abglanz, der sich in einem Gedanken festigen kann, ein Nachdenken, ein Draufkommen. Deswegen wird man Schauspieler.

STANDARD: Haben Künstler deswegen ein besonderes Sensorium für die Endlichkeit, wie Ihre Mutter sagt?

Obonya: Wir haben ein Sensorium für Dinge, das Nichtschauspieler gar nicht haben möchten oder haben müssen. Aber mit der Endlichkeit, dem Tod, kenne ich mich auch nicht besser aus als andere. Ich kann nur in jeder Rolle neu erspüren und sichtbar machen, wie es sein könnte. Lösungen habe ich nicht, so wie sie kein Mensch hat.

STANDARD: Sie erinnern sich noch ans Begräbnis Ihres Großvaters Attila Hörbiger 1987, dessen Sarg um die Burg getragen wurde. Im taubengrauen Doppelreiher seien Sie dort mit Ihren Cousins gestanden ...

Obonya: Genau.

STANDARD: Sie sind seit kurzem Ehrenmitglied der Burg. Lässt sich die Orth dereinst auch um die Burg tragen?

Orth: Jetzt sag ich was Wienerisches: A schöne Leich zweng meim Enkerl! (Beide lachen.)

STANDARD: Letzte Frage: Worum geht’s im Leben?

Obonya: Ums Burgtheater herumgetragen zu werden. (Beide lachen.)

Orth: Es geht ums Leben.

Elisabeth Orth (78) spielt gerade an der Burg in den "Letzten Tagen der Menschheit" von Karl Kraus. Sie ist seit 1968 Ensemblemitglied des Burgtheaters. Ihre Eltern waren Paula Wessely und Attila Hörbiger. Aus ihrer dritten Ehe stammt ihr Sohn Cornelius Obonya.

Cornelius Obonya (45) spielte – wie Orth – in den Neunzigern in Deutschland; oft unter der Regie Andrea Breths. Seit 2013 gibt der Vater eines Sohnes den Jedermann in Salzburg. Beide engagieren sich gegen Antisemitismus und Fremdenhass – und sehen die NS-Engagements Wesselys und Hörbigers sehr kritisch.

  • Schmerzauslöser müssen Schauspieler nicht unbedingt sein, aber der Funke, der im Zuschauer das Denken entzündet, sollte schon ein bisschen wehtun, meint Elisabeth Orth. Und wenn der Punkt der Wahrheit erreicht ist, tut's auch dem Mimen weh, ergänzt Cornelius Obonya.
    regine hendrich

    Schmerzauslöser müssen Schauspieler nicht unbedingt sein, aber der Funke, der im Zuschauer das Denken entzündet, sollte schon ein bisschen wehtun, meint Elisabeth Orth. Und wenn der Punkt der Wahrheit erreicht ist, tut's auch dem Mimen weh, ergänzt Cornelius Obonya.

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